Ein Satiriker von Weltrang: Michail Jewgrafowitsch Saltykow–Schtschedrin

Saltykow-Schtschedrin, Der Bär als Statthalter

Literaturessay von Hanns-Martin Wietek (weitere Literaturessays finden Sie hier)

Michail Jewgrafowitsch Saltykow-Schtschedrin (auch nur Saltykow oder Ssaltykow [DDR]; Transliteration Michail Evgrafovič Saltykov-Ščedrin) kam am 15.jul. / 27. greg. Januar 1826 in Spas-Ugol (Gouvernement Twer) zur Welt und verließ selbige am 28. April jul. / 10. Mai greg. Mai 1889 in St. Petersburg.

Eine Epoche in einem Atemzug
Ein kleiner kultureller und politischer „Flickerlteppich“ soll als Hintergrund für die Darstellung von Saltykows Leben dienen. Dieser Flickerlteppich ist genäht, wie die Flickerl eben kamen – und die kamen nur in etwa chronologisch; kein Flickerl ist höher bewertet als das andere und es sind noch unzählige übrig geblieben; ein vollständiger Teppich wird daraus aber doch.

In Saltykows Geburtsjahr folgt Nikolaus I. auf dem Zarenthron, die Dekabristen werden gehängt oder verbannt. Das Zeitalter der Titanen geht zu Ende: Beethoven (1827), Hegel (1831) und Goethe (1832) sterben, Heinrich Heine schreibt zu Goethes Tod „Les dieux s‘en vont [dt. Die Götter gehen dahin]. Goethe ist todt“ Die großen Baumeister Schinkel und von Klenze wirken in Berlin, München und auch in St. Petersburg und Moskau. Ludwig I. und Ludwig II., der Märchenkönig (im Volksmund „Kini“ genannt), gestalten Bayern. Mörike, von Eichendorff, Dickens, Poe schreiben Gedichte und Prosa. Delacroix, Turner und Spitzweg malen. Erste Gewerkschaft in Amerika. In der Musik: Meyerbeer, Bellini, Mendelssohn-Bartholdy, das Frühwerk Richard Wagners, Chopin, Liszt, Berlioz, Schumann; Glinka Das Leben für den Zaren (1837) und Ruslan und Ludmilla (1842). Forderungen nach demokratischem Wahlrecht in England. Die Auswanderungsbewegung in die USA beginnt. Erster Opiumkrieg zwischen China und England. Gründung des Oranje-Freistaats in Südafrika. Puschkin fällt im Duell, Lermontow ebenso. Gogol stirbt in religiösem Wahn. Dostojewski wird verhaftet und verbannt. Die Erzählungen Poes und die Abenteuerromane Coopers erscheinen, von Dumas (Vater) Die drei Musketiere und Der Graf von Monte Christo; weitere Schriftsteller: Christian Andersen und Kierkegaard. Wagner komponiert Der fliegende Holländer und Tannhäuser, Bruckner das Requiem d-Moll. Von Brahms erscheinen Lieder und Klaviersonaten. Schriften von Heine werden in Deutschland verboten, er emigriert nach Frankreich. Marx‘ Kommunistisches Manifest erscheint. Die Revolution von 1848 erschüttert Europa. Gontscharow, Turgenjew und Tolstoi. Louis Napoleon, der Neffe Napoleons, stürzt die Zweite Französische Republik und lässt sich zum Kaiser Napoleon III ausrufen. Krimkrieg Russland – Türkei. Der Despot Nikolaus I. stirbt. Zar Alexander II. verordnet die Aufhebung der Leibeigenschaft in Russland. Abraham Lincoln wird Präsident der USA. Die Nord- und die Südstaaten der USA bekämpfen sich im Sezessionskrieg. Als Dichter wirken: Keller, Freytag, Heyse, Stifter, Raabe, Hugo, Flaubert; Herzens Erlebtes und Erdachtes, Gontscharows Oblomow, Fontanes Wanderung durch die Mark Brandenburg, Dostojewskis Schuld und Sühne, Tolstois Krieg und Frieden und Tschernyschewskis Was tun? erscheinen. Bismarck ist 1859 preußischer Gesandter in Russland, 1863 hebt er die Pressefreiheit in Deutschland faktisch auf. Preußisch-österreichischer Krieg gegen Dänemark. Gründung der Sozialdemokratischen Arbeiterpartei durch Bebel und Liebknecht 1869. In Schlesien streiken die Bergarbeiter. In der Malerei beginnt der Impressionismus mit Monet, Manet und Renoir. Blütezeit der Wiener Operette und auch der Balladendichtung. Raabe veröffentlicht Der Hungerpastor. Als Romanschriftsteller machen Mark Twain und Jules Verne von sich Reden, als Komponisten Strauß (Vater), Smetana und Verdi. Alexander II. schlägt den polnischen Aufstand 1863/64 blutig nieder. Marx und Engels gründen 1864 die I. Internationale in London. Mit der Emser Depesche bricht Bismarck den Deutsch-Französischen Krieg 1870/71 vom Zaun. Bismarck wird Kanzler. In Moskau Baubeginn Historisches Museum. In Berlin Baubeginn Kunstgewerbemuseum von Gropius. Tschaikowskis Ouvertüre Romeo und Julia feiert Premiere, ebenso Smetanas Mein Vaterland. Mussorgskis Boris Godunow, Griegs Peer Gynt. Papst Pius IX. verkündet das Unfehlbarkeitsdogma. Karl May schreibt seinen Winnetou. In der Malerei gewinnen Cézanne, Pissarro, Feuerbach, Menzel, Courbet, Wasnezow, Makowski, Archipow, Kramskoi an Bedeutung; Repin malt die berühmten Wolgatreidler (1872). In Amerika beginnt mit den Kämpfen gegen die Indianer 1870 deren Vernichtung. Ostrowski feiert mit seinen Komödien Tolles Geld, Der Wald und Wölfe und Schafe in Russland Erfolge. Russische Intellektuelle versuchen mit dem „Gang ins Volk“ einen Umsturz herbeizuführen. Deutschland gründet seine Kolonien. Die schlecht durchgeführte Bauernbefreiung führt zu Massenaufständen ruinierter russischer Bauern. Explosionsartiger Aufschwung in der russischen Schwerindustrie mit schlimmsten sozialen Folgen. Zar Alexander II. wird ermordet, sein Nachfolger Alexander III. macht die liberalen Reformen rückgängig. Das Jahr 1888 ist in Deutschland ein „Dreikaiserjahr“ (Wilhelm I., Friedrich III. und Wilhelm II.). Tolstoi veröffentlicht Anna Karenina und Der Leinwandmesser, Dostojewski Die Brüder Karamasow, Garschin Die rote Blume, Fet Abendliches Feuer, Korolenko Skizzen eines sibirischen Reisenden und Saltykow-Schtschedrin Die Herren Golowljow und Märchen.
Saltykow-Schtschedrin stirbt 1889.

Der Satiriker
Satiriker sind – sofern sie sich nicht ausschließlich mit den „Dummheiten“ der Menschen beschäftigen – immer politisch; bei ihnen kann man noch viel weniger als bei anderen (russischen) Schriftstellern Literatur und Politik voneinander trennen. Der Zweck ihres Schreibens ist es, gesellschaftliche Veränderungen „herbei zu schreiben“.

Wie Juvenal, Rabelais, Swift, Heinrich Heine und Heinrich Mann und auch Gogol gehört Michail Saltykow zu den größten Satirikern der Weltliteratur. In der westlichen Welt allerdings hörte und hört man recht wenig von ihm, was damit zusammenhängt, dass er von der sozialistischen Literaturgeschichte weit über Gebühr vereinnahmt (er war Stalins Lieblingsautor und hat sich darob in seinem Sarg ganz sicher aufgearbeitet vor Wut) und uminterpretiert wurde, was im Westen leider „Berührungsängste“ geschürt hat und (unverständlicherweise) bis heute schürt. Gerhard Dudek ist z.B. einer der wenigen profunden Kenner von Saltykow-Schtschedrin, findet jedoch relativ wenig Beachtung, da er, obwohl hervorragender, kaum tendenziöser Literaturwissenschaftler, ein hochrangiger Kulturpolitiker in der DDR war. Auf westlicher Seite sind hier Annerose und Gottfried Kirchner zu nennen, die u.a. 1994 die Geschichte einer Stadt im Manesse Verlag herausgegeben haben.

Satiriker schreiben über aktuelle politische und gesellschaftliche Zustände, was – wenn man diese Umstände nicht kennt – das Erkennen und Genießen der Satire schwierig macht. Dem kann man jedoch durch gute, ideologiefreie(!), neutrale Kommentare abhelfen.  So wird auch das weit über die aktuelle Situation hinaus Bleibende und literarisch Packende sichtbar; und es ist ein Genuss, Saltykow zu lesen und zu erkennen, von welcher Aktualität er auch heute noch ist.

Herkunft und erste literarische Werke
Michail Jewgrafowitsch Saltykow–Schtschedrin wurde als sechstes Kind einer Adelsfamilie auf dem Dorf geboren; seine Eltern waren Gutsbesitzer. Es war die Zeit des Autokraten Nikolaus I., strenge Leibeigenschaft war die Norm. Vor seiner Heirat mit einer reichen 15-jährigen Kaufmannstochter lebte Saltykows Vater in St. Petersburg bei verschiedenen hochgestellten Bekannten und war aufgrund seiner Fremdsprachenkenntnisse als Schriftsteller und Übersetzer pietistischer Schriften sowie nach seinem späten Eintritt ins Militär als Übersetzer und Herausgeber eines Werkes zur Militärarchitektur tätig. Er war er ein jovialer, gemütlicher Mann, von dem der Sohn wohl die Liebe zur Schriftstellerei geerbt hat. Saltykows Mutter hingegen war eine Frau von fast despotischem Charakter und praktischem Verstand, mit Geschäftssinn, Zielstrebigkeit und unerschöpflicher Tatkraft. Von ihr erbte er Geradheit, streng nüchternes Denken, Energie, Selbstständigkeit, Unabhängigkeit, den starken Willen und auch die Leidenschaft. Turgenjew, mit dem ihn – ebenso wie mit Nekrassow – eine lebenslange Freundschaft verband, charakterisierte Saltykow mit den Worten: „im Herzen gütig und empfindsam, äußerlich aber schroff“. Dem so empfindsamen Menschen mussten zwangsläufig die „ganz normalen Gräueltaten“ der Leibeigenschaft nahe gehen, doch auch an seine eigene Erziehung hatte er nicht die besten Erinnerungen:

Wissen Sie, in welchem Moment mein Gedächtnis einsetzt? Ich entsinne mich, dass ich geschlagen werde (…) wie sich’s gehört, mit der Rute, und die deutsche Gouvernante meiner älteren Brüder und Schwestern tritt dazwischen, schützt mich mit ihrer Hand vor den Schlägen und sagt, ich sei noch zu klein dafür. Damals muss ich zwei Jahre gewesen sein, nicht älter…“

Als Zehnjähriger wurde Saltykow in das Moskauer Adelsinstitut aufgenommen und nach weiteren zwei Jahren in das Lyzeum Zarskoje Selo – die Nachwuchsschmiede und Zuchtanstalt für hohe Beamte, in der auch Puschkin erzogen worden war – abkommandiert; er selbst hätte lieber studiert. Im Lyzeum traf er im Jahr 1839 auf Petraschewski, der ihn mit den Ideen der Utopischen Sozialisten um Saint-Simon und Charles Fourier bekannt machte. Die Utopischen Sozialisten waren der Meinung, dass sich die Menschheit durch Einsicht auf demokratische Weise hin zu sozialer Harmonie und Gerechtigkeit entwickeln werde. Die hoffnungsfrohe Einstellung und der Optimismus der Utopischen Sozialisten entsprachen genau Saltykows Charakter und sollte ihn zeit seines Lebens nie vollständig verlassen.
Auch den vom demokratischen Sozialismus überzeugten „Literaturpapst“ Wissarion Belinski, der seine Vorstellungen ebenfalls prägte, traf Saltykow in seiner Zeit am Lyzeum.

Ab 1844 war Saltykow im Kriegsministerium in St. Petersburg verbeamtet, gleichzeitig aber dem Zirkel um Petraschewski verbunden. In dieser Zeit schrieb er, ganz von Gogol beeinflusst, der gerade seine Ausgewählten Stellen aus dem Briefwechsel mit Freunden herausgab, seine ersten beiden Erzählungen: “Protivorečija“ (1847, dt. Widersprüche) und “Zaputannoe delo“ (1848, dt. Eine verwickelte Sache); beide wurden in der Zeitschrift Vaterländische Annalen abgedruckt.

Die Revolution von 1848 in Europa steigerte Nikolaus‘ I. Angst vor einer Revolution im Land ins schier Unermessliche; der Kreis um Petraschewski wurde verhaftet, Dostojewski in den Kerker geworfen und verbannt und Saltykows schon erschienene Erzählungen erneut überprüft und nun als revolutionär eingestuft und verurteilt. Ihn traf die mildeste Form von Verbannung: Er wurde nach Wjatka im hohen Norden Russlands strafversetzt; dort hatte noch bis kurz zuvor Alexander Herzen in der Verbannung gelebt, der Russland zu diesem Zeitpunkt jedoch schon endgültig den Rücken gekehrt hatte. Erst 1855, nach dem Tod von Nikolaus I., wurde Saltykow begnadigt und schrieb kurz darauf die Gubernskie očerki (1856f; dt. Skizzen aus dem Gouvernement), die in der liberalen Phase unter Alexander II. auch veröffentlicht werden konnten und ihn berühmt machten. Darin stellt er die Provinzbürokratie noch humorvoll bloß und zieht über den Landadel und die Adelsintelligenz her. Zu hören ist auch ein erleichtertes Aufatmen darüber, dass endlich der Despot Nikolaus I. tot war und der liberale Alexander II. Reformen und die Abschaffung der Leibeigenschaft einleitete. 1869 verarbeitete Saltykow seine „Skizzen“ zu der Satire Istorija odnogo goroda, die unter dem Titel Die Geschichte einer Stadt 1946 in Deutschland erschienen ist.

Trotz aller mittlerweile spürbaren Liberalität konnte Saltykow in diesem Werk – wie auch in allen anderen – natürlich keine realen Namen und Orte beschreiben, er benutzte stattdessen sehr anschauliche Kunstnamen; so heißt die Stadt – St. Petersburg – „Dumburg“, ein angrenzender Volksstamm sind „die Rumsköpfe“, Herrscher haben Namen wie „Bullenbeißer“, „Feste-druff“, „Tolpatsch“, „Warzenreich“, „Stumpf-Grunzig“ usw. Aus den Bewohnern von Archangelsk wurden die „Walroßesser“, aus den Nowgorodern die „Musschlucker“, die Menschen aus Wladimir waren „Moosbeersammler“, jene aus Rjasan „Schiefwänste“ und die aus Brjansk „Quatschnasen“. All dies sind Namen, die einen tatsächlichen Bezug haben; und die Taten der Beschriebenen spotten tatsächlich jeder Beschreibung. Das Wesentliche ist jedoch, dass die realen Personen hinter den Namen mit ein wenig Mühe zu erkennen sind, allerdings so, dass es der Zensur schwer fiel, es zu beweisen.

In einem Brief schrieb Saltykow über seine Satire:
„Nicht eine ›historische‹, sondern eine ganz normale Satire hatte ich im Sinn, eine Satire, gerichtet gegen jene charakteristischen Eigenheiten der russischen Lebensweise, die sie nicht eben erfreulich machen. Solche Eigenheiten sind eine bis zur Schlaffheit gesteigerte Gutmütigkeit, eine Schwungkraft, die sich einesteils in pausenlosem Aufs-Maul-Schlagen kundtut, zum andern im Schießen mit Kanonen auf Spatzen, schließlich eine bis zum unverfrorenen und schamlosen Lügen getriebene Leichtfertigkeit. Im Alltag angewandt, zeitigen diese Eigenheiten meiner Meinung nach äußerst hässliche Ergebnisse, nämlich das Fehlen einer gesicherten Lebensbasis, Willkür und Unbedachtsamkeit, Misstrauen der Zukunft gegenüber usw. usf.“

Und in einem anderen Brief heißt es:
„Mir scheint, in dem Wort ›Volk‹ muss man zwei Begriffe unterscheiden, das historische Volk und das Volk, das die Idee der Demokratie verkörpert. Mit dem ersten, das auf seinem Buckel einen Warzenreich, einen Stumpf-Grunzig und dergleichen Leute erträgt, kann ich in der Tat nicht sympathisieren. Mit dem zweiten habe ich stets Mitgefühl empfunden, und all meine Schriften sind erfüllt von diesem Mitgefühl.“

Nach seiner Begnadigung wurde Saltykow Vizegouverneur in Rjasan und Twer sowie anschließend Chef des Kameralhofes in Pensa, Tula und Rjasan. In dieser ganzen Zeit wurde er jedoch immer stärker polizeilich überwacht, und 1868 legte man ihm nahe, seinen Abschied zu nehmen. Das politische Klima war langsam wieder rauer geworden. Die Bauernbefreiung hatte nicht das erwünschte Ergebnis gebracht, 1863/64 war erneut ein polnischer Aufstand blutig niedergeschlagen worden. 1866 hatte es einen Attentatsversuch auf Alexander II. gegeben, und dieser zog die Zügel wieder fester an.
Bis zu seinem Abschied arbeitete Saltykow „nebenher“ literarisch und journalistisch für die Zeitschrift Sowremennik (dt. Zeitgenossen), die mit seinem Abschied dann schließlich auch verboten wurde.

Der Höhepunkt des Schaffens
Nach seinem Abschied von Staatsdienst und Sowremennik hatte Saltykow viel Zeit; sein Freund Nekrassow übernahm die Zeitschrift Vaterländische Annalen und Saltykow stürzte sich mit ihm in die Arbeit. Viele seiner Arbeiten wurden nach und nach in der Zeitschrift veröffentlicht, bevor sie gebunden auf den Markt kamen.

Beginnend mit der schon erwähnten Istorija odnogo goroda erschienen nun die Satiren von Weltbedeutung: Pompadury i pompadurši (1873/74, Pompadour und Pompadourin), Gospoda taškentcy (1860-72, Die Herren Taschkenter), Gospoda Molčalin (1874–1878, dt. Die Herren Moltschalin), Blagonamerennye reci (1863-76, dt. Wohlgesinnte Reden), Za rubezom (1875-80, dt. Im Ausland, Jenseits der Grenzen; deutscher Titel: Reise nach Paris) sowie die Romane Gospoda Golovlëv (1875-80, Die Herren Golowljow) und Pošechonskaja starina (1887-89, dt. Alte Zeiten in Poschechonien; deutscher Titel: Provinz Poschechonien).

Die Krönung von Saltykows Schaffen aber sind zweifellos die ›Skazki‹, Geschichten und Märchen (1880-85), mit denen sich der letzte Teil dieses Essays beschäftigen wird.

Waren Saltykows Satiren anfangs vor allem noch humorvoll spöttelnd (wie eben die Skizzen aus dem Gouvernement), so wurden sie nun immer bissiger und verachtender. Die zunächst immerhin noch spürbare positive, schwach hoffnungsvolle Grundstimmung ist in Die Herren Golowljow vollständig verschwunden; dies ist wahrscheinlich der schwärzeste und hoffnungsloseste Roman in der russischen – wenn nicht der weltweiten – Literatur.

In Pompadour und Pompadourin, Die Herren Taschkenter und dem nicht auf Deutsch erschienenen Gospoda Molčalin schuf Saltykow ein satirisches Bestiarium der russischen Beamtenhierarchie. Rücksichtslos nimmt er die korrupten, verschlagenen, verlogenen, selbstsüchtigen, brutalen, menschenverachtenden Strukturen auseinander. Schon im Titel spielt er hier mit den Worten: Im Russischen wird „Pompadour“ nicht mit dem Französischen assoziiert, sondern bezieht sich auf „Pomp“ (russisch „pompa“) und „Dummheit“ (russisch „dur-“); „Molčalin“ sind die „Schweiger“ und die „Taschkenter“ sind ein Symbol für jene Herren, die damals am Rande des Russischen Reiches als „Kolonisatoren“ handelten.

Im schon erwähnten Roman Die Herren Golowljow zeichnet Saltykow über mehrere Generationen hinweg das Schicksal einer Gutsbesitzerfamile vor und nach der Bauernbefreiung nach – es ist ein moralischer und physischer Verfall. Habsucht, Müßiggang, Falschheit, Brutalität, Handlungsunfähigkeit, Bigotterie und Trunksucht bestimmen das Leben aller Familienmitglieder und am Ende hat der scheinheilige Juduschka (Judaschen) die ganze Familie umgebracht und den Besitz ebenso wie sich selbst vernichtet.

1875 wurde Saltykow ernstlich krank und die Ärzte schickten ihn zur Kur. 1875/76, 1880 und 1885 verbrachte er daher einige Zeit in Baden-Baden, Nizza und in der Schweiz. Er sollte sich fernab vom täglichen Ärger mit der Zensur erholen. Auch hatte ihn getroffen, dass der „Gang ins Volk“ (russ. choždenie v narod) der sozialistischen Intelligenzler (Narodniki, dt. Volkstümler), mit denen er sympathisierte, 1874 gescheitert war – eine weitere Hoffnung auf Veränderung war gestorben.
Im Ausland lebte er zwar ungern, aber wachen Auges.

In Za rubezom (dt. Im Ausland, Jenseits der Grenzen; deutscher Titel: Reise nach Paris) rechnet Saltykow mit der reichen russischen „Elite“ ab, die ihr Geld im Ausland bei Kuren verprasste und sich aufs Geschmackloseste daneben benahm. Aber auch die „Ausländer“ nimmt er aufs Korn (und deshalb dürfte Reise nach Paris einer der Hauptgründe dafür sein, dass er bei Stalin zum Lieblingsautor avancierte): die ehemaligen französischen Revolutionäre, die er zu menschenverachtenden Bürokraten mutiert vorfand; die lächerlichen, weil kneifenden ehemaligen deutschen Revolutionäre von 1848 und vor allem die wachsende Schar der Kapitalisten, die ihr Volk aussaugten; letztere fand er auch in Russland selbst, wo mit den Liberalisierungen Alexanders II. und dem Beginn der Industrialisierung der Kapitalismus in seinen pervertiertesten Formen (Korruption, Rücksichtslosigkeit, brutale Geschäftsmethoden) sprunghaft an Boden gewonnen hatte.

In keinster Weise polemisch, sondern scharf beobachtend und analysierend beschrieb Saltykow, was er sah. Am meisten enttäuschte ihn das Verhalten der westlichen Sozialisten, und er begann zu zweifeln, ob seine Hoffnungen auf demokratische und harmonische Veränderungen berechtigt waren.

Der späte Saltykow
1881 folgte Alexander III. auf dem Zarenthron. Schon in seiner Antrittsrede machte er deutlich, dass er gegen alle demokratischen Bestrebungen vorgehen würde. Er wollte die Uhren in Russland zurückdrehen und zum feudalistischen System zurückkehren. Er hob die Autonomie der Universitäten wieder auf, verbot Kindern aus der unteren Gesellschaftsschicht den Besuch höherer Lehranstalten („Gesetz über Kinder von Köchinnen“), verschärfte die Pressezensur („Vorübergehende Bestimmungen“) und verbot im Jahr 1884 nach mehreren Verwarnungen endgültig die Zeitschrift Vaterländische Annalen, deren Herausgeber Saltykow nach dem Tode Nekrassows geworden war. Saltykow verlor damit nicht nur seine geistige Heimat, sondern auch die Möglichkeit, seine Werke ohne weitere Umschweife zu veröffentlichen. Rückblickend schrieb er über diese Zeit:

Ach, was war das für eine Zeit!, düster, voller gespenstischer Erscheinungen und erdrückendem Schweigen. Die Straßen waren fast leer… In den Nächten hörte man nur die Rufe der Hausknechte und das Klirren der Säbel auf dem Bürgersteig. Nächtliche Visiten erfolgten aufs Geratewohl, zufällig, ohne das geringste System. …. Wer seinen alten Briefwechsel verbrennen konnte, der tat es. Teure Namen, teure Worte – alles wurde geopfert. . . Furchtbar war es, einfach furchtbar!

Schwer krank und verbittert schrieb er in den letzten beiden Jahren seines Leben sein neben Die Herren von Golowljow wohl erschütterndstes Werk: Pošechonskaja starina. Žitie Nikanova Zapatreznogo pošechonskogo dvorjanina (dt. Alte Zeiten in Poschechonien. Das Leben des poschechonischen Edelmannes Nikanor Zatrapeznyj; deutscher Titel: Provinz Poschechonien), das in einzelnen Episoden gnadenlose Herren und die erschütternden Schicksale der Bauern während der Leibeigenschaft schildert.
Zu spüren ist in diesem Werk, dass Saltykow die Hoffnung auf einen demokratischen Wandel, wie ihn die Utopischen Sozialisten anstrebten, nahezu aufgegeben hatte. Es zeichnet sich die Erkenntnis ab, dass eine Veränderung wohl nur gewaltsam erfolgen würde. Saltykow forderte dies jedoch nie!

Mögen die Ketten der Sklaverei mit jedem Tag sich immer tiefer und tiefer in den entkräfteten Körper des Volkes einfressen – es glaubt dennoch daran, dass sein unglückliches Schicksal nicht endlos dauern, dass der Augenblick kommen wird, da die Wahrheit und Gerechtigkeit umleuchten wird … Ja, der böse Zauber wird gebrochen werden, die Ketten der Sklaverei werden fallen, und das Licht wird erstrahlen, das von der Finsternis nicht besiegt werden wird!

An diesem Punkt setzt die falsche oder zumindest Über-Interpretation in der Literaturwissenschaft des real existierenden Sozialismus an. Hier wurde der Autor zu einem Helden gemacht, der zwar den Wissenschaftlichen Sozialismus nicht verstanden, nichtsdestotrotz aber ein revolutionärer Schriftsteller gewesen sei, der eine Revolution gefordert habe.
Das ist sicher falsch. Saltykow war traurig, als er erkannte, dass sich seine Hoffnungen auf eine friedliche, demokratische Veränderung wohl nicht erfüllen würden, er hat aber nie eine blutige Revolution gefordert! Das widersprach seiner tiefsten Überzeugung.
Jed‘ Ding hat aber bekanntlich zwei Seiten: Die Vereinnahmung Saltykows durch den real existierenden Sozialismus trug immerhin dafür Sorge, dass deutsche Übersetzungen seiner Werke erschienen. Andernfalls gäbe es wohl heute auf Deutsch fast nichts von ihm.

Um Provinz Poschechonien in seiner Gesamtheit der Bedeutung entsprechend zu würdigen, bedürfte es eines eigenen Essays. Ein „Porträt“ aber ragt aus den „Porträtgalerien“, in denen er die verschiedenen Akteure beschrieb, heraus: Es ist das Porträt der Anfissa Porfirjewna.

Als der Erzähler als Kind einmal mit seiner Mutter kurz bei der übel beleumundeten Tante Anfissa Porfirjewna auf ihrem verwahrlosten kleinen Gut Station macht, um das Geld für ein Gasthaus zu sparen, sieht er ein junges Mädchen, jammernd, unter der brennenden Sonne auf einem Misthaufen an einen Pfahl gebunden, so dass es sich nicht gegen die es schier auffressenden Fliegen wehren kann. Wutentbrannt geht er auf einen ruhig daneben sitzenden alten Mann los, um sie zu befreien. Was er nicht weiß, ist, dass der heruntergekommene alte Knecht eigentlich der Herr des Hauses ist.
Dieser hatte vor vielen Jahren mit Anfissa Porfirjewna eine sehr viel jüngere Frau geheiratet und sie gequält und misshandelt. Der Tag der Rache kam für die junge Frau, als er – der ehemals grausame Offizier – zur Strafe für ein Vergehen als Gemeiner zu den Soldaten eingezogen werden sollte. Um das zu vermeiden, ließ man, als ein Leibeigener starb, auf dem Papier einfach den Herrn sterben und beerdigen; in Wirklichkeit lebte er unter dem Namen des Leibeigenen weiter. Anfissa erbte das ganze Vermögen und behandelte fortan ihren Mann wie den niedrigsten Leibeigenen, der er auf dem Papier ja auch war; und er konnte sich nicht wehren, weil es ihn offiziell nicht mehr gab. Schlussendlich wird die über ihrer Rache zur grausamen Despotin gewordene Anfissa von ihren eigenen Leibeigenen umgebracht.
„Die Moral von der Geschicht` “ entspricht der Auffassung Saltykows in seinen letzten Lebensjahren: Die Unterdrückten werden ihr Schicksal selbst in die Hand nehmen und die Unterdrücker töten!

Der Orchis Verlag München hat Anfissa Porfirjewna 1923 in einem Sonderband herausgegeben. Das mit wunderbaren Holzschnitten des russischen (emigrierten) Malers Boris Grigorjew (*1886, †1939) illustrierte Büchlein ist eine bibliophile Kostbarkeit, allein wegen der sonst nicht auffindbaren Holzschnitte.

Abschließend anzumerken ist, dass Saltykow für die meisten seiner satirischen Werke eine uns ungewohnte Form gewählt hat; es sind bis auf Die Herren von Golowljow keine Romane in heute üblicher Manier, sondern „Zyklen“. Der Zyklus stellt gewissermaßen eine Vorform des Romans dar, bei der einzelne Erzählungen romanhaft zu einem Ganzen verbunden werden. Auch lang ausgeführte Gedanken, Abhandlungen, die durch ihre Lehrhaftigkeit ermüdend wirken können, sind mitunter eingebunden; das war damals und früher üblich und Gorki hat dem manchmal auch „gefrönt“. Je nach Stimmung und Wachheitsgrad kann man sich auf diese Auslassungen einlassen oder sie außen vor lassen – an der Verständlichkeit des Ganzen ändern sie nichts.

„Fabelhafte“ Märchen, die Krönung von Saltykows Werk
1886 veröffentlichte Saltykow seine Zkazki (dt. Märchen; deutscher Titel: Die Tugenden und die Laster) – abzüglich jener, die die Zensur nicht durchgehen ließ – mit dem Untertitel Märchen für Kinder gehörigen Alters. Die vollständige Fassung mit allen 35 Märchen erschien erst 1927 (in Deutschland 1966 unter dem Titel Die Tugenden und die Laster, herausgegeben vom oben bereits genannten Gerhard Dudek).
Saltykow hatte durch lebenslangen Kampf gelernt, mit der Zensur umzugehen. So charakterisierte der Zensor Saltykows Zkazki durchaus treffend:

Was Herr Saltykow Märchen nennt, entspricht keineswegs dieser Bezeichnung: Seine Märchen sind ebenfalls Satire, tendenziöse Satire, die mehr oder weniger gegen unsere gesellschaftliche und politische Ordnung gerichtet ist.“

Das war aber nur die eine Seite. Die andere war, dass die Zensur mit Saltykow nicht allzu brutal umgehen konnte, weil er im Volk einen „Ruf“ hatte; und natürlich wusste man, dass Verbotenes ganz besondere Anziehungskraft hatte und im Untergrund nicht mehr zu kontrollieren war.
(Eine Erfahrung und Erkenntnis, die die „Herren Zensoren“ dann auch in der sowjetischen Zeit machen mussten.)

Tatsächlich hatte Saltykow 1880 eine Idee aus dem Jahr 1869 wieder aufgenommen: Er versteckte seine kritischen Vorwürfe in Märchen – politisch-satirischen Märchen in „äsopischer Sprache“, wie er selbst sagte, also im Stil der Fabeln von Äsop (um 600 v. Chr.), dem Vater der Fabel. Inspiriert wurde er vom wohl bedeutendsten russischen Fabeldichter Iwan Andrejewitsch Krylow (*1769, †1844), dessen über 200 Fabeln zum Teil auch ins Deutsche übersetzt worden sind, und natürlich von Jean de La Fontaine (*1621, †1695) und Jonathan Swift (*1667, †1745), dem Verfasser der Märchen aus der Tonne. Neben Saltykow haben in den 1880er-Jahren auch andere erkannt, dass das Volk mit Märchen am besten zu erreichen war. Tolstoi (Volkserzählungen) und Leskow „transportierten“ auf diese Weise religiöse und moralische, die jungen Schriftsteller Korolenko und Garschin wie Saltykow gesellschaftskritische Themen. Saltykows politisch-satirische Fabeln und Märchen überragen aber ganz sicher alle anderen.

Die meisten von Saltykows Märchen sind Tiermärchen, daneben gibt es allegorische Erzählungen (“Die Tugenden und die Laster“), sozialkritische Skizzen (“Brand auf dem Dorfe“), Legenden (“Osternacht“) und lyrische Monologe (“Klepper“). Seinen Tierfiguren verleiht er über die sehr gut beobachteten tierischen hinaus menschliche und sogar – und das ist das Wesentliche – auf sehr spezifische Personen bezogene Eigenschaften. Auch menschliche Handlungen und Verhaltensweisen führen die Tiere auf.
Bär, Löwe oder Adler verkörpern immer den Herrscher und seine höchsten politischen Einrichtungen; Raubtiere wie Wolf oder Hecht stellen gewalttätige Personen aus der herrschenden Klasse dar; Hase und Krähe stehen für den demütigen Bauern und kleine Fische wie Gründling oder Plötze charakterisieren die eingeschüchterte, kleinbürgerliche Intelligenz. Hinzu kommt aber, dass beispielsweise „Meister Petz“ nicht nur Höhlen graben und Bäume ausreißen, sondern auch über Handel, Wissenschaften und Wirtschaft diskutieren kann, und der „überlegsame Hase“ nicht nur Kohlköpfe und Mohrrüben im Kopf hat, sondern auch über statistische Tabellen des Ministeriums des Inneren nachdenkt. Der „überlegsame Hase“ spricht sogar aus, dass es ihm genauso schlecht geht wie dem Bauer in seiner Heimat usw. usw.

Saltykow vermengt Tier und Mensch so weit, dass man gar nicht mehr empfindet, ob hier Tier oder Mensch handelt. Damit hilft er dem Leser auf die Sprünge, denn der kann so viel genauer feststellen, wer oder was tatsächlich gemeint ist. Ganz deutlich wird Saltykow, wenn er den Tieren Wesenszüge realer Personen gibt: Leicht kann man im ungebildeten Löwen Alexander III. erkennen, im Hauptratgeber des Löwen, dem Esel, die Gestalt des Oberprokurators Pobedonoszew, des wichtigsten Vertrauten Alexanders III., erahnen. Meister Petz I. trägt die Züge des Innenministers Ignatjew, Petz II. jene von dessen Nachfolger, dem berüchtigten Grafen Dmitri Tolstoi.

Indem Saltykow die Personen, über die er sprach, auf diese Weise bestimmte, übertrug er das tiergemäße Handeln der entsprechenden Kreaturen auf die Ebene des Menschlichen, wo es zum „tierischen“ Handeln von Personen wurde. Dieser Kniff ermöglichte es ihm, seiner satirischen Kritik eine Schärfe und vor allem eine Farbigkeit und Deutlichkeit, ja, eine Drastik zu verleihen, wie sie kein anderer Satiriker je erreicht hat. Es entstanden niederschmetternde Wertungen der gesellschaftlichen Situation und verabscheuungswürdiger Ereignisse und Personen, zugleich aber kamen Wünsche und Hoffnungen bezüglich gesellschaftlicher Entwicklungen zum Ausdruck, die den tatsächlichen Entwicklungen entgegenstanden.

„Honi soit qui mal y pense“ – mit seinen Tiermärchen hatte Saltykow einen Weg gefunden, seine Kritik weitgehend unbehelligt zu formulieren. Denn vordergründig konnte ihn niemand angreifen. Gegenüber den Zensoren konnte er immer behaupten, das habe er nicht gemeint, und wenn sie das doch so sähen, sollten sie sich schämen, ja mehr noch, sich fürchten, so etwas Sakrosanktes überhaupt zu denken.

Im “Statthalter Bär“ wird Russland durch den Wald symbolisiert, in dem Tag und Nacht “Millionen von Stimmen erdröhnen“, von denen die einen den “Aufschrei des Todes“, die anderen das „Triumphgeheul des Siegers“ darstellen.
In “Von zwei Generälen, die ein Bauer ernährte“ zeigt Saltykow die Lebensunfähigkeit der Adligen, die sich vom Bauern gewissermaßen füttern lassen müssen, und “Der wilde Junker“ verkommt und entartet zum Tier, wenn er die Arbeitskraft seiner leibeigenen Bauern verliert.

Das Wachauge“ karikiert das deformierte zaristische Gerichtswesen, das die Verbrecher unbehelligt lässt und die Systemkritiker verfolgt. In “Ein müßiges Gespräch“ legt Saltykow einem aufgeklärten, freidenkenden Gouverneur seine eigene Überzeugung in den Mund, dass nämlich die zaristische Bürokratie für Russland nicht nur nutzlos, sondern verderblich sei. “Der süße Brei“ zeigt, was passiert, wenn die neureichen Kapitalisten die Macht im Staat übernehmen.

Der unglückselige Wolf“ raubt und mordet sein ganzes Leben lang, und als er sich im Alter bessern will, schafft er es nicht; ja, er schafft es nicht einmal, seinem Leben ein Ende zu setzen und muss letztlich von einem Bauern erschlagen werden. (Hier zeigt sich, dass Saltykow am Ende seines Lebens nicht mehr an eine unblutige Änderung der Verhältnisse geglaubt hat.)

Der weise Gründling“ – ein Individualist – will sich einfach in seine Höhle zurückziehen und mit nichts etwas zu tun haben, wird aber doch vom Hecht gefressen. “Der opferbereite Hase“ kommt trotz oder wegen seiner sklavischen Ergebenheit an die Realität um.
Die idealistische Karausche“ zeigt, dass die Vorstellungen der Utopischen Sozialisten und damit die Ideale ihres Verfassers eben doch Utopien waren.
Erschütternd ist das Gleichnis im “Klepper“, mit dem Saltykow das Schicksal des ausgebeuteten russischen Bauern schildert; und ganz besonders drastisch ist das Bild, das er im “Recken“ als Allegorie der zaristischen Herrschaft zeichnet: Der Recke kommt ins Land und zieht sich für lange, lange Zeit in eine Baumhöhle zum Schlafen zurück. Als die Menschen ihn brauchen, damit er ihnen in ihrer Not hilft, rufen und rufen sie ihn; er aber rührt sich nicht. Als letztendlich Iwanuschka, der Dummling, sich als Einziger traut, den Recken anzustoßen, um ihn zu wecken, zerfällt er – er ist innerlich schon vollständig ausgehöhlt und zerfressen.

Diese wenigen Notizen mögen als Anreiz genügen, um sich das von Gerhard Dudek im Insel Verlag herausgegebene Buch Die Tugenden und die Laster, Märchen für Kinder gehörigen Alters zu besorgen; man müsste einen über alle Maßen umfangreichen Essay schreiben, um den Märchen auch nur annähernd gerecht zu werden.

Saltykow schrieb seine Märchen mit seiner Zeit im Blick; durch ihr abstraktes Wesen aber sind sie bis zu einem gewissen Grad zeitlos und gerade auch heute wieder aktuell.

Werke:
Protivorecija (1847, dt. Widersprüche);
Zaputannoe delo (1848, dt. Eine verwickelte Sache)
Gubernskie ocerki (1856f., dt. Skizzen aus dem Gouvernement)
Smert‘ Pazuchina, (1857, dt. Der Tod Pazuchins)
Nevinnye rasskazy  (1857-59, dt. Harmlose Erzählungen)
Satiry v proze (1859-62, dt. Satiren in Prosa)
Miša i Vania (1863, dt. Mischa und Wanja)
Nasa obscestvennaja zizn (1863f., dt. Unser gesellschaftliches Leben)
Pompadury i pompadursi (1863-74, Pompadour und Pompadourin, 1953)
Gospoda taskentcy (1869-72, Die Herren Taschkenter, 1954)
Istorija odnogo goroda (1869f., Die Geschichte einer Stadt, 1946);
Dnevnik provinciala v Peterburge (1872, dt. Petersburger Tagebuch eines Provinzlers)
Blagonamerennye reci, (1872-76, dt. Wohlgesinnte Reden)
Gospoda Molčalin (1874-1878, dt. Die Herren Moltschalin)
Gospoda Golovlëv (1880, Die Herren Golowliow, 1914);
Za rubezom, Sat. 1880 (1880, dt. Im Ausland, Jenseits der Grenzen; deutscher Titel: Reise nach Paris, d. 1958);
Skazki (1880-85; Geschichten und Märchen, 1924; Märchen, 1954; Satirische Märchen, 1958; Die Tugenden und die Laster, 1966)
Pošechonskie rasskazy (1883f., dt. Erzählungen aus Poschechonien)
Meloci zizni (1886f., Die Kleinigkeiten des Lebens,  1938)
Pošechonskaja starina (1887-89, dt. Alte Zeit in Poschechonien; deutscher Titel: Provinz Poschechonien dt. 1955)

Sonderausgaben
Anfissa Porfirjewna (1923 im Orchis Verlag mit Illustrationen von Boris Grigorjew)
Polnoe sobranie socinenij (Gesammelte Werke), XII 1891-93 (Gesamte Werke);
Sobranie socinenij (GW), XXII 1965-77 (Gesammelte Werke).

Chronologie der Märchen von Michail Jewgrafowitsch Saltykow–Schtschedrin (vorwiegend nach dem Datum der Veröffentlichung)
aus Die Tugenden und die Laster, herausgegeben von Gerhard Dudek (Insel Verlag 1946)

Von zwei Generälen, die ein Bauer ernährte   Februar 1869
Vom verlorenen Gewissen                               Februar 1869
Der wilde Junker                                                             März 1869
Leutchen aus dem Puppentheater                                  Januar 1880
Der weise Gründling                                                        September 1883
Der opferbereite Hase                                                     September 1883
Der unglückselige Wolf                                                   September 1883

Die folgenden vier Märchen wurden zum Druck für Februar 1884 vorbereitet, aber auf „Empfehlung“ der Zensur in den Korrekturfahnen der „Vaterländischen Annalen“ gestrichen.
Die Tugenden und die Laster
Statthalter Bär: Petz I.
Vom betrügerischen Zeitungsschreiber und vom leichtgläubigen Leser
Besser ein kleiner Fisch als nichts auf den Tisch (Die gedörrte Plötze)

Die folgenden vier Märchen wurden zum Druck für Februar 1884 vorbereitet, aber vom Autor selbst vor dem Druck aus der Märznummer der „Annalen“ herausgenommen. – April 1884 Schließung der „Vaterländischen Annalen“
Statthalter Bär: Petz II.,
Petz III.
Der Adler als Mäzen
Die idealistische Karausche

 

Zeisigs Herzeleid                     Dezember 1884
Das Wachauge                        Januar 1885
Der Dummling                          Februar 1885
Der getreue Tresor                  Februar 1885
Klepper                                    März 1885
Der süße Brei                          März 1885
Der zerstreute Widder              April 1885
Der überlegsame Hase             Mai 1885

(Ende Mai 1885 Reise des schwerkranken Autors nach Wiesbaden zur Kur.)
Die beiden Nachbarn                Juni 1885
Der Liberale                             Juni 1885
Der Recke                               geschrieben zwischen Juli 1885 und Juni 1886
Ein müßiges Gespräch             Februar 1886
Die Hyäne                                geschrieben etwa Juni 1886
Osternacht                               entworfen für Ostern, erschienen September 1886
Unterwegs                               September 1886
Die Affäre Unruh                      September 1886
Brand auf dem Dorfe                September 1886
Der Rabe als Bittsteller                        geschrieben November 1886
Ein Weihnachtsmärchen           Weihnachten 1886

Erklärung der Namen in Michail Jewgrafowitsch Saltykow–Schtschedrins Pompadour und Pompadourin (Aufbau Verlag 1954)
Saltykow liebte es, seinen Helden sowie den Orten, die in seinen Werken vorkamen, Namen zu geben, die eine symbolische Bedeutung hatten und auf diese Weise die Personen respektive Orte charakterisierten. Auch ließ er gern Gestalten aus anderen Werken der russischen Literatur in seinen Satiren auftreten, mit Vorliebe aus den Toten Seelen von Gogol.

Nachstehend in alphabetischer Reihenfolge eine Auswahl solcher Namen mit der Übersetzung der Wörter, aus denen Saltykow sie gebildet hat:
Balabolkin — leere Schelle, auch: Schwätzer
Balbessow — Tölpel, Dummkopf
Birjukow — Werwolf
Chramolobow — lahmer Kopf
Chranilow — aufbewahren, Hüter
Fuksjonok — Füchslein, junger Fuchs
Glumow — verspotten, sich lustig machen
Gorjatschkin — Heftigkeit, Jähzorn, Hitzkopf
Gubosciiljopow — Hängelippe, Maulaffe
Koscheljkow — Beutel
Koselkow, Koslik, Kosljonok — Ziegenböckchen
Krestowosdwishenskij  —  Kreuzaufrichtung,  Kreuzerhöhung
Krotikow — Maulwurf
Lobotrjassow — Narr
Mersakowskij — ekelerregend, verabscheuungswürdig
Mersopupios — ekelhafter Nabel
Nawosnyj — Mist, Dünger
Obiralowo — ausräubern, ausplündern, erpresstes Gut
Paskudsk — garstig, abscheulich, schmutzig
Pompadour — Wortkreation aus „Pomp“ und „Dummheit“; mit diesem Namen bezeichnet Saltykow einen Beamten, der nicht auf Grund seiner Leistungen und seiner fachlichen Ausbildung einen Posten erhalten hatte, sondern durch seine Beziehungen zum Hof und mondäne Bekanntschaften.
Prochodimzew — Schelm, durchtriebener Mensch
Prochwostow — Spitzbube, Halunke
Pustynnik — Einsiedler
Rasumnik — Verstand, der Verständige
Rylobejschtschikow — einer, der anderen auf die Schnauze schlägt
Semiosersk — Sieben Seen
Slabomyslow — Schwachsinn
Slatoustow — Goldmund
Solomennyj — strohern, Strohstadl
Solonina — Pökelfleisch
Sobatschkin — Hündchen
Subotytschin — Maulschelle
Tolstolobow — Dickschädel
Trjassutschkin — rütteln, schütteln, auch feige zittern
Waljai-Burljai — los und drauf, toben, streiten (Feste-Druff)
Wislouchow — Hängeohren
Wolschehnow — zauberhaft

Über den Autor

Hanns-Martin Wietek
Arbeitet als freier Publizist für russische Literatur und Geschichte für verschiedene Medien. Literaturkritiker für buechervielfrass.de und russland.RU. Seit 2003 bei russland.RU zuständig für Kunst und Kultur und stellt russische Künstler vor.