Drei Schritte nach innen

image_pdfimage_print

In ihrem Werk „Drei Schritte nach Russland“ beschreibt die hoch gerühmte deutsch-russische Autorin Irina Liebmann drei Reisen nach Russland. Diese sind in ihrem Buch mehr Reisen zu ihrem Selbst, ihrer russischen Identität und eine Entdeckungsreise auf der Suche nach der „russischen Seele“.

Irina Liebmann, geboren 1943 in Moskau, ist schon als Kind in die damalige DDR gekommen und in Deutschland aufgewachsen. Russland kannte sie – vor ihren im Buch beschriebenen Aufenthalten – nur von Besuchen aus der Sowjetzeit, die bereits vor Jahrzehnten aufgehört hatten, so dass ihr das heutige Russland aus der Ferne mehr und mehr fremd geworden war. Sie wagte den Schritt zurück – eigentlich drei Schritte auf Reisen nach Moskau, Kasan und zur Datschensaison auf´s Land. Oder um es anders auszudrücken: Immer tiefer nach Russland hinein.

Liebmanns Reisen werden zu einem wahren Selbsterfahrungstrip. In ihnen ist sie natürlich auf der Suche nach der russischen Seele vor Ort (was häufiger Buchthema ist) und in sich selbst (worüber es weniger Bücher gibt). Beide Suchen sind auch für den Leser durch Erfolg gekrönt durch im Buchtext gekonnt geschilderte kleine Reise-Begebenheiten, die Liebmann bildreich und einfühlsam schildert und die viel über die russische Mentalität offenbaren. Durch die schon fast lyrische Sprache und tiefsinnige Gedanken ist ihr Werk ein echter Leckerbissen für Freunde der hochgeistigen Literatur und die renommierten Rezensenten gehobener Literatur haben bereits ihre Weihrauchfässer ausgepackt, um dem „neuen Liebmann“ eine entsprechende Huldigung zuteil werden zu lassen. Die mehrfache Trägerin hoch angesehener Literaturpreise hält für ihre Zielgruppe, was ihre Reputation verspricht.

Was aber nach Meinung unseres eher profan veranlagten Rezensenten etwas auf der Stecke bleibt, ist jedoch die reale äußere Handlung und in all den bildhaften Worten und Gedanken der flüssige Fortgang der erzählten Reise. Seitenweise kann sich Liebmann mit einer ihrer Schicksalshaften Begegnungen in russischen Kirchen, unbedachten Worten eines Taxifahrers oder Erinnerungen aus über 50 Jahren Lebenserfahrung beschäftigen, ohne dass real außerhalb ihrer Gedankenwelt etwas Neues passiert. Tief taucht sie stets ab in das Symbolhafte, das Tiefsinnige oder gleich in die russische Seelenanalyse. Das muss man bereit sein, voll mit zu durchleben, sonst wird man von diesem Buch als Leser nicht viel haben.

So seien Fans „gewöhnlicher“ Reisereportagen oder andere Freunde eines eher leichten Lesegenusses vor diesem unscheinbar dünnen Büchlein (etwa 200 Seiten) gewarnt. Wem Kulturmagazine wie „Aspekte“ zu hoch sind, der wird auch an „Drei Schritte nach Russland“ keine Freude haben. Ein beispielhaftes Zitat? Gerne:

„Ihre Antwort: ´Nun ja´. Nun ja. Das hört sich manchmal so an, als ob sie etwas erzählen wollte, erklären vielleicht, die Herzschmerzen, Seufzer, die schlaflosen Nächte, aber das tat sie nie“.

Es folgen noch zwei Absätze über die Hintergründe der Bemerkung und der bemerkenden Person. Dann hoffen wir mal, dass die Protagonistin hier nicht „nun ja“ gesagt hat, weil ihr gerade nichts Besseres einfiel.

Die russische Seele findet sich in „Drei Schritte nach Russland“ auf sehr verschlungenen Wegen. Teilweise in russischen Begegnungen, teilweise in verborgenen Winkeln des Kopfes der Autorin. Wobei auch der Rezensent nicht behaupten will, dass sie einfacher gefunden werden kann.

Daten zum Buch: Irina Liebmann, Drei Schritte nach Russland, Piper Verlag München, 2013, ISBN 978-3-827011381

Roland Bathon, russland.TV – Russland hören und sehen