Dorf in Weissrussland baut mit Deutschen erste Windkraftanlage

Im weißrussischen Druschnaja gibt es nicht einmal einen Laden. „Zwei Kühe, ein Pferd, Schweine, Gänse und Bienen“, schnell hat Juri Suprinowitsch den Tierbestand des 30-Häuser-Nestes über dem Narotschsee nahe der Grenze zu Litauen aufgezählt. Aber Druschnaja ist in Weißrussland einzigartig: Hier steht der bislang einzige Windpark des Landes.

Stolz sind sie auf die beiden Windkrafträder, die mit deutscher Hilfe gebaut wurden. In einem Land, das 25 Jahre nach der Atomkatastrophe von Tschernobyl, eine Renaissance der Atomkraft einleitet, wirken sie wie zwei mahnend erhobene Zeigefinger.

Druschnaja ist ein Umsiedlerdorf. Ohne Tschernobyl hätte es die Siedlung wohl nie gegeben. Die Einwohner wie Walentin Horoschka stammen aus den radioaktiv verseuchten Gebieten im Südosten Weißrusslands. Zehntausende Menschen wurden unter Zwang umgesiedelt oder gingen aus Angst: vor Verstrahlung, Missbildungen, Genschäden und Schilddrüsenkrebs, der unter weißrussischen Kindern zunimmt.

Nicht so in Druschnaja: „Wir sind das kinderreichste Dorf in der Umgebung“, sagt Suprinowitsch und zählt ausdrücklich die „Pflegekinder“ aus den verseuchten Gebieten dazu, die sie zeitweise zusätzlich betreuen in ihrem Dorf, das 1992 auf Initiative des von Dietrich von Bodelschwingh geführten Vereins Heim-statt Tschernobyl aus dem westfälischen Bünde gegründet wurde.

Erst waren es nur fünf Rohbauten. Alle Häuser in Druschnaja sehen aus wie gewöhnliche Einfamilienhäuser auf großzügigen 5000-Quadratmeter-Grundstücken. Das Besondere seien ihre Öko-Baumaterialien: Holz, Lehm und Schilf, sagt Suprinowitsch. Aus dem Leiden an Tschernobyl solle in Druschnaja Positives erwachsen. Deutsche und Weißrussen setzen gemeinsam auf Nachhaltigkeit: beim Bauen und in der Versöhnung, denn die Region erlebte als umkämpfte Partisanen-Hochburg im Zweiten Weltkrieg viel Grauen.

Irgendwann sei ihnen aufgefallen, dass es auf der Anhöhe über dem See „viel Wind gibt“, sagt Suprinowitsch. 1999 begannen Messungen, nach anderthalb Jahren stand fest: „In Deutschland würde man an so einer Stelle ein Windkraftwerk bauen.“ Heim-statt Tschernobyl sammelte Spenden, nachdem in Deutschland Anträge auf eine öffentliche Finanzierung abgelehnt worden waren, und ließ 2000 und 2001 zwei Windräder mit einer Gesamtleistung von 850 Kilowatt bauen. Mit den 1,3 Millionen Kilowatt-Stunden können 650 Haushalte im Jahr versorgt werden, rechnet Suprinowitsch vor. Eine Stromrechnung erhalten die Dorfbewohner dennoch, denn der Strom wird wie in Deutschland ins Netz eingespeist. Das Geld, das der gemeinnützige weißrussische Partnerverein Ökodom dafür bekommt, fließt in soziale Projekte.

Gut angelegt wurden die Gelder unter anderem in einer Ambulanzstation im Nachbarort Sanarotsch. Die medizinische Versorgung der weißrussischen Landbevölkerung ist oft noch erbarmungswürdig. In Sanarotsch dagegen steht Allgemeinarzt Wiatscheslaw Trubatsch im hellen Foyer einer blau-weiß gestrichenen kleinen Tagesklinik, die mit Hilfe von sechs Krankenschwestern alle einfachen Untersuchungen und Labortests von Blutbildern bis Cholesterinbestimmung anbieten kann. Auf diese Weise leiste Ökodom auch Integrationsarbeit, denn andernorts traf umgesiedelte Tschernobyl-Opfer oft Neid und Wut wegen einiger „Privilegien“, die sie hatten, wie Suprinowitsch sagt.

Mit der Windkraft hätten sie „ein Beispiel für Weißrussland“ gegeben, sagt Suprinowitsch, der die Geschäfte des Vereins Ökodom leitet. Dessen kommerzielle Tochtergesellschaft Ökodom-Stroj GmbH führt inzwischen die Windkraftanlage und fungiert als Baugesellschaft der Ökohäuser, die auch verkauft werden. Gedämmt werden sie mit Seeschilf, das in einer kleinen Werkstatt unter Leitung von Meisterin Tanja Wischiwanjuk zu fünf Zentimeter dicken Platten gepresst wird.

Dass Weißrussland mit russischer Hilfe in der Region bei Astrawets sein erstes Atomkraftwerk bauen will löst in Druschnaja Kopfschütteln aus. Für die Dorfbewohner ist Tschernobyl noch längst nicht lang her.