Donbass vor neuem offenen Krieg? [mit Videos]

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In den letzten Tagen gab es trotz des formalen Waffenstillstands umfangreiche Kampfhandlungen im Donbass. Die Onlinezeitung Tajmer spricht von mindestens vier toten Zivilisten. Die Gefahr wird immer größer, dass eine Seite die Nerven verliert, offensiv und umfassend vorstößt und die Phase relativer Ruhe entgültig beendet.

Beschuss von Donezk und Gorlowka

Durch zahlreiche Filmaufnahmen belegt ist ein erneuter, lange anhaltender Beschuss von Donezk und dem Vorort Gorlowka durch Regierungstruppen. 20 Häuser sollen dabei beschädigt worden sein, darunter ein Krankenhaus. Von zwei Toten und sechs Verletzten ist hier die Rede, wobei diese Zahlen ausdrücklich nicht entgültig sind, da die Kampfhandlungen andauern und noch nicht alle Verluste erfasst sind. Daneben gibt es Todesopfer in kleinen, auswärtig gelegenen Ortschaften, die ebenfalls unter Beschuss stehen. Auch Makejewka steht unter Beschuss, wovon es hier aktuelle Fotos gibt.

Schwere Waffen fehlen in den Rückzugsräumen

Auch die OSZE bestätigt diese Beschuss „aus westlicher Richtung“, wo gerade eben die Regierungseinheiten liegen. Hierbei ist zu bemerken, dass die OSZE grundsätzlich nicht den Schützen benennt, sondern nur die Schussrichtung. In den Bereitstellungsräumen, in die gemäß einer früheren Vereinbarung die schweren Waffen abgezogen werden sollten, fehlen laut den Beobachtern auch sowohl bei den Regierungstruppen als auch bei den Rebellen Materialien, die sich anderswo aufhalten, wobei die festgestellten Fehlmengen bei den Regierungstruppen höher sind.

Auch Rebellen feuern fleißig

Doch die Regierungstruppen sind nicht die einzigen, die den Waffenstillstand brechen. Auch unabhängige Quellen bestätigen den Beschuss der von Regierungstruppen gehaltenen Ortschaften Awdejewka, Marinka und Dserschinsk. Über die Anzahl der Opfer ist hier noch nichts bekannt. Die örtliche Onlinezeitung Mariupol Schisn berichtet von Beschuss der Rebellen auf  Dörfer in der Umgebung in der letzten Nacht. Auch in der Stadt waren Artilleriesalven deutlich zu hören. Hierbei wurde eine Gasleitung getroffen, das Dorf Sartane sei ohne Strom.

Friedenswille der Führungen fraglich

Gelegentliche offene Worte hinter der Front stimmen dabei nicht optimistisch. In der ukrainischen Zeitung „Ukrainiskij Tischden“ gibt die ukrainische Abgeordnete Anna Gopko, ihres Zeichens Ausschussvorsitzende im Parlament, zu, dass die Regierungstruppen die letzten Wochen relativer Ruhe für umfangreiche Umgruppierungen genutzt hätten. Die Größe und Bewaffnung der örtlichen Truppe würde Fortschritte machen, so die Politikerin und sprach von „Vorbereitungen“, den „Krieg zu gewinnen“. Auch Rebellenführer Puschilin sprach in einem Interview mit der Onlinezeitung Politnavigator von einer Bereitschaft zur Offensive und zum Angriff. Für Russischkundige hier das komplette Interview im Original:

Von den Hinterleuten der Kiewer und Rebellen im Ausland, dem Westen und Russlands Regierung, ist ebenfalls keine Unterbrechung der Gewaltspirale zu erwarten. So vermeiden es es westliche wie russische Politiker weiter in ihren öffentlichen Statements, ihre eigene Seite zur Mäßigung aufzufordern und ergehen sich eher in Appelle an die Hinterleute der Gegenseite, was bereits in der Vergangenheit wirkungslos war.

Aktion wird Reaktion erzeugen

Die Umgruppierungen der Regierungstruppen für offensive Kämpfe bleiben den Rebellen nicht verborgen – sie verfügen über zahlreiche Informanten unter der Bevölkerung im Hinterland der Ukrainer, das ja ebenfalls zum Donbass gehört. Ein Angriff – egal welcher Seite – würde bei seinem Scheitern der Gegenseite den schon fast erwarteten Vorwand für eigene Offensivaktionen liefern. Und so steigert sich immer weiter die Spirale der Gewalt die, wie es scheint, sich schon fast zwangsläufig bis zum Ausbruch neuer offener Kämpfe zu steigern scheint.

Roland Bathon, russland.RU; Foto: Vom Beschuss zerstörtest Fahrzeug Prawda DNR, Creative Commons

Über den Autor

Roland Bathon
Geboren 1970 in Franken und dort seitdem wohnhaft, aber regelmäßig in Russland und mit familiären Banden dorthin. Zum Thema Russland bin ich ursprünglich über meine allgemeine Osteuropa- und Reiseleidenschaft in den 90er Jahren gekommen und habe in den folgenden Jahrzehnten das Land ausgiebig individual kennengelernt. Später habe ich auch mehrere Bücher über Russlandreisen und andere Russlandthemen mit verfasst, bis es mich Mitte des letzten Jahrzehnts mehr und mehr in die Richtung Film, vor allem den Schnitt verschlagen hat. Bei russland.RU seit 2007 zuständig zunächst für den Aufbau und bis heute die inhaltliche Schwerpunktsetzung von russland.TV. Bei Eigenproduktionen meist zuständig für den Schnitt und eine Art Schaltzentrale für viele wichtige Mitarbeiter und Kontakte.