Direktorin des Puschkin-Museums Marina Loschak: „Museum ist ein lebendiger Organismus“Foto: © Puschkin-Museum Moskau 2019

Direktorin des Puschkin-Museums Marina Loschak: „Museum ist ein lebendiger Organismus“

Frau Loschak, ein Kunstmuseum im 21. Jahrhundert ist etwas ganz anderes als ein Museum des 20. Jahrhunderts. Wie kann das traditionsreiche Puschkin-Museum mit dem modernen Zeitalter Schritt halten?

Marina Loschak: Heute kann ein Museum nicht bloß ein Raum sein, wo sich Menschen leise hin und her bewegen. Wir sind sehr offen und lebendig geworden. Wir machen uns Gedanken über die Zukunft und reflektieren über die Vergangenheit, um keine Fehler zu wiederholen. Durch die Kunst leisten wir unseren Beitrag zur Humanisierung der Gesellschaft. Und wir übernehmen vermehrt soziale Verantwortung.

Was verstehen Sie unter sozialer Verantwortung?

Marina Loschak: Kinder unter 16 Jahren besuchen unser Museum kostenlos. Kunststudenten, Rentner, Menschen mit Behinderung, kinderreiche Familien – all diese Gruppen zahlen für den Eintritt nur die Hälfte (umgerechnet 2,60 Euro). Dabei müssen wir die Hälfte unseres Budgets selbst verdienen und haben eine relativ kleine Mannschaft – nur 650 Mitarbeiter (zum Vergleich, bei der Ermitage arbeiten 3000 Menschen). Unser Haus ist bequem für Menschen mit eingeschränkten Möglichkeiten geworden. So gibt es bei uns spezielle Programme für Seh-und Hörbehinderte. Wir machen sehr viel in Richtung Inklusion. Als einziges Museum in Russland haben wir eine sogenannte Sensoren-Karte, die Menschen mit Handicaps helfen soll, sich in verschiedenen Sälen zu orientieren. Eine Herzensangelegenheit ist uns die Unterstützung der Kinder aus Kinderheimen, die noch nie in einem Museum waren. Für sie haben wir eine App „Was erwartet Dich in einem Museum“ entwickelt. Einen Besucher lediglich zu empfangen ist eine Sache, aber ihn darauf vorzubereiten, und zwar so, dass er den Wunsch verspürt wieder zu kommen – da steckt sehr viel Arbeit dahinter.

Die „Nacht der Museen“ ist ein internationales Projekt und das Puschkin-Museum nimmt natürlich daran teil. Welche eigenen Projekte haben Sie?

Marina Loschak: Wir initiieren eine Menge an neuen Ideen, und sie haben alle mit der Offenheit und Zugänglichkeit unseres Hauses zu tun. Wir haben viele verschiedene Bildungsprogramme. So kooperieren wir zum Beispiel mit einer medizinischen Hochschule – wir bringen Schönheitschirurgen das Malen und die Bildhauerei bei, damit sie einen guten Geschmack entwickeln. Wir machen sehr viel für die Kinder. Samstags haben wir bis zu 120 Kindergruppen. Sogar für Schwangere und für Mütter mit Neugeborenen gibt es bei uns ein spezielles Programm. Zweimal im Jahr gehört das Museum voll und ganz den Mitgliedern des „Klubs des jungen Kunstwissenschaftlers”. Sie machen alles – Führungen, Pressearbeit, einfach alles. Außerdem haben wir 500 freiwillige Helfer, die wir auch bei der Arbeit mit Menschen mit Behinderung involvieren. Konzerte, Vorlesungen, Masterklassen für Senioren – das Museum ist ein lebendiger Organismus.

Wie gut sind die Beziehungen zwischen dem Puschkin-Museum und anderen Museen im internationalen Kontext? Hat sich etwas nach der Einführung der Sanktionen zum Negativen verändert?

Marina Loschak: Nein, überhaupt nicht. Ganz im Gegenteil: unsere Beziehungen haben sich sogar vertieft. Alle unsere Partner – Museen, Stiftungen, private Sammler – alle arbeiten mit uns noch intensiver zusammen.

Können Sie konkrete Ausstellungen nennen, wo das Puschkin-Museum Leihgaben zur Verfügung stellte?

Marina Loschak: Das ist unsere tägliche Arbeit, man kann hier schlecht ein bestimmtes Projekt herausgreifen. Jeden Tag bekommen wir Kunstobjekte, unsere Kunstobjekte gehen auf Reisen, werden in große internationale Ausstellungen integriert. Das ist unsere Routine, und es spricht nichts dafür, dass dieser Austausch zwischen den Museen unterbrochen werden könnte. Eine traurige Ausnahme machen leider unsere Beziehungen mit den amerikanischen Museen, was mit dem Problem der Schneerson-Bibliothek zu tun hat. Auf beiden Seiten sind aber die Bemühungen, die Situation zu ändern, sehr groß. Besonders heute, wo die russisch-amerikanischen Beziehungen in einem schlechten Zustand sind, wäre es enorm wichtig, dass Museen zusammenarbeiten könnten. Denn wenn man eine Ausstellung vorbereitet, merkt man, wie uns amerikanische Museen fehlen. Oder wenn unsere amerikanischen Kollegen eine Paul Cezanne-Ausstellung machen. Wie sollen sie ohne Gemälde aus unserer Sammlung auskommen? Es geht doch um die Weltkunst. Und wir wollen zeigen, dass wir alle gegen Sanktionen sind. So werden wir in diesem Jahr zwei große Ausstellungen haben, die der englischen Kunst gewidmet sind: „Englische Schule“ und Thomas Gainsborough. Fünfzehn der besten britischen Museen arbeiten dabei mit uns zusammen. Damit wollen wir demonstrieren, dass die britisch-russischen Beziehungen auch eine andere Seite haben. Übrigens, Sponsoren der beiden Ausstellungen sind russische Mäzene.

Und mit Ihren deutschen Kollegen…

Marina Loschak: …arbeiten wir sehr eng zusammen, haben partnerschaftliche, beinahe familiäre Beziehungen. Mit Hermann Parzinger, Chef der Preußen-Stiftung, sind wir sehr gut befreundet. Unsere Kooperation mit dem Bode-Museum in Berlin oder mit der Gotha Stiftung des Schlosses Friedenstein möchte ich besonders hervorheben. Das Gotha Museum hatte zur Cranach-Ausstellung nach Moskau zahlreiche Leihgaben gesandt, danach sind wunderbare französische Gemälde des 17. und 18.Jahrhunderts aus unserer Sammlung nach Gotha gekommen. Gemeinsam mit unseren deutschen Kollegen bereiten wir uns auf das Schliemann-Jubiläum im Jahre 2022 vor, tauschen uns aus, überlegen uns ganz konkret verschiedene Möglichkeiten. Wir schlagen zum Beispiel vor, am gleichen Tag bei uns und im Bode-Museum eine Ausstellung zu eröffnen, und die dramatische Geschichte der Sammlung nach 1946 zu erzählen.

Und das Thema Beutekunst stört diese Kooperation nicht?

Marina Loschak: Vielleicht bin ich eine Idealistin, aber ich habe das Gefühl, mit klugen und freundlich gesinnten Menschen zu tun zu haben. Meine deutschen Kollegen, Museumsmitarbeiter, wissen, dass die wichtigste Mission eines Museums heute ist, die Kunst in einem guten Zustand zu bewahren, und die Exponate zugänglich zu machen, sowohl für die wissenschaftliche Arbeit als auch für die Besucher. Wir als Museumsmenschen verstehen uns sehr gut und es gibt keine gegenseitigen Ansprüche. So bietet uns das Bode-Museum in Berlin Gipsformen für unsere Restauratoren an. Ich glaube, eines Tages werden alle Museen ihre Türen öffnen, wie Länder ihre Grenzen öffnen, und es wird einen gemeinsamen europäischen Museumsbestand geben.

Marina Dewowna, auf welche Ausstellung dürfen wir uns in diesem Jahr freuen?

Marina Loschak: Im Sommer erwartet uns ein grandioses Kulturereignis: am 17. Juni werden bei uns gleichzeitig zwei Ausstellungen eröffnet. Auf der ganzen Etage des Hauptgebäudes werden die Gemälde der französischen Impressionisten aus der berühmten Kollektion des Kunstsammlers Sergei Schtschukin ausgestellt. Im anderen Gebäude wird man Meisterwerke des 20. Jahrhunderts aus der Sammlung der Louis Vuitton Stiftung bewundern können. Wir laden alle Kunstinteressierten zu dieser Schau von Weltrang herzlich ein!

[Daria Boll-Palievskaya/russland.NEWS]

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