Die wirtschaftliche Dominanz des Westens schwindet

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[Von Dr. Christian Wipperfürth] Ein umfangreiches Team von Wirtschaftshistorikern hat Daten aus der Zeit vor der Industrialisierung (also vor 1780) ausgewertet, um Aussagen über das Pro-Kopf-Einkommen in verschiedenen Weltregionen gegen Ende des 18. Jahrhunderts machen zu können. Es handelt sich beispielsweise um staatliche Angaben zu Steuer- und Zolleinnahmen oder etwa der Getreideernte. Hierüber finden sich in den Archiven viele Millionen Daten. Fünf Großregionen wurden untersucht. Ergebnis war: Das Pro-Kopf-Einkommen war in China am höchsten, an zweiter Stelle stand Indien, dann kamen – in dieser Reihenfolge – Westeuropa, Russland und Westafrika. Die weltweiten Wohlstandsunterschiede waren damals noch nicht hoch. In der reichsten Region lag das Pro-Kopf-Einkommen lediglich 30 % höher als in der ärmsten.

In den ersten zwei Jahrhunderten nach Einsetzen der Industrialisierung ging die Schere gewaltig auseinander. Die westliche Hälfte Europas und Nordamerika eilten den anderen Regionen der Welt weit voraus. Russland und Japan machten sich um 1900 auf den Weg, zum Kreis der entwickelten Länder aufzuschließen. Die Unterschiede zwischen den reichen und armen Ländern wuchsen bis ins letzte Viertel des 20. Jahrhunderts aber weiter an. 1979 war nach Angaben der „Weltbank“ das Einkommen in der Bundesrepublik Deutschland ziemlich genau 100mal so hoch wie in Bangladesch und gut 20mal so hoch wie in China. Im letzten Viertel des 20. Jahrhunderts begann sich die Entwicklung grundsätzlich anzugleichen. 2013 lag das Pro-Kopf-Einkommen hierzulande „lediglich“ noch etwa über 50mal so hoch wie in Bangladesch und etwa siebenmal so hoch wie in China. Aufgrund der unvergleichlich leistungsfähigeren und kostengünstigeren Verkehrs- sowie Nachrichtenübermittlung nebst der beispiellos offenen Grenzen können sich Neuerungen rascher ausbreiten. Dies erhöhte zugleich den Anreiz und die Notwendigkeit, Innovationen auch tatsächlich einzusetzen.

In den 1970er/80er Jahren machten die „kleinen Tiger“ wie Südkorea und Taiwan einen gewaltigen Satz nach vorne, in den vergangenen 20 Jahren vor allem China. Die Entwicklung anderer Länder oder ganzer Kontinente stockte hingegen, entweder zeitweise oder auf Dauer. Aber auch in vielen Staaten Afrikas südlich der Sahara ist vor einigen Jahren eine Dynamik mit hohen Wachstumsraten in Gang gekommen. Die Welt rückt immer näher zusammen. Der Schwerpunkt der Weltwirtschaft befand sich zwei Jahrhunderte im nordatlantischen Raum, er bewegt sich seit einigen Jahrzehnten Richtung Südosten. Es folgt eine Illustration des Schwerpunkts der Weltwirtschaft anhand der gewichteten Wirtschaftsleistung der Länder der Welt:

Verschiebung Schwerpunkt Weltwirtschaft

Laut der „Weltbank“ betrug der Anteil der sich entwickelnden Länder an der weltweiten Wirtschaftsleistung im Jahre 1980 31 %, 2013 waren es bereits 50,4 %. Ein Ende dieser Entwicklung ist nicht in Sicht. Das Bruttoinlandsprodukt der „Brics“-Länder (Brasilien, Russland, Indien, China und Südafrika) ist dabei, dasjenige der „G7“ zu übersteigen. (Zur Entwicklung der „Brics“ s. http://www.cwipperfuerth.de/2013/05/das-wirtschaftswachstum-der-bric-lander/, zur Rangliste der größten Wirtschaftsmächte http://www.cwipperfuerth.de/2013/01/rangliste-der-grosten-wirtschaftsmachte/).

1995 gehörten sechs der sieben größten Volkswirtschaften der Welt den „G7“ an (Deutschland, Frankreich, Großbritannien, Italien, Japan, Kanada, USA). 2014 waren es nur noch drei.

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Das Schwinden der weltweiten wirtschaftlichen Dominanz des Westens hat zunehmend politische Auswirkungen, auch hinsichtlich der Ukrainekrise. In Kürze werde ich hierzu einen Beitrag veröffentlichen.

Über den Autor

Dr. Christian Wipperfürth
Arbeitet als Freier Publizist, Er hat zuvor für das Europäische Parlament bzw. den Deutschen Bundestag gearbeitet und Internationale Beziehungen an der Universität in St. Petersburg gelehrt.