Die wahren Helden von Sotschi [Tag 8]

Eigentlich weiß Herr Gauck auf Grund seines demonstrativen Fernbleibens der Olympischen Winterspiele 2014 gar nicht so richtig, was er alles versäumt. Gut, vielleicht interessiert ihn der Wintersport ja nicht einmal. Da können wir jetzt auch nur mutmaßen. Was er auf jeden Fall verpasst, sind die wahren Helden von Sotschi. Denn Sie wissen doch: Dabei sein ist alles!

Wobei, selbst das Olympische Motto müssen wir inzwischen etwas relativieren. Das Team Togo hat sich weitaus mehr vorgenommen, als nur in Sotschi dabei zu sein. Die Afrikaner sind zwar das erste Mal bei einem derartigen Wintervergnügen zugegen, aber Bayor Kelani der Vizepräsident des NOK verkündete schon vorab: „Wir sind nicht zum Spaß hier und kommen nicht als Amateure!“ Schwer vorzustellen, bei einer Durchschnittstemperatur von rund 30 Grad Celsius im Ländle. Andrerseits, Glaube versetzt bekanntlich Berge und holt am Ende gar Medaillen.

Stolzen vierzig Wettbewerben wollten die beiden 23-Jährigen US-Amerikaner Tom O’Connor und Stephen Arlington in Sotschi beiwohnen. An sich wäre das Rekordverdächtig. Mindestens zwei bis drei Termine haben sie sich angedacht. Inzwischen kommen die Jungs aus Buffalo aber schon ein wenig ins schleudern mit ihrem Programm. Letzten Donnerstag wären die beiden fast zu spät für das Eishockey-Spiel gekommen. Das Triple der US-Mannschaft im Slopestyle-Finale hat die Zwei dann doch etwas länger in Atem gehalten, weil es gar so schön war.

Und dann waren da noch die Libanesen. Zu dutzenden haben sie sich in ihrer Heimat halb nackt fotografieren lassen. Die Aktion galt der Solidarität mit der Skirennläuferin Jackie Chamoun. Die Kampagne unter dem Motto „I Am Not Naked – I Strip for Jackie“ soll die 22-Jährige rehabilitieren, die wegen vor langer Zeit gemachter Nacktfotos in die Kritik geraten war. Die Kalenderfotos würden mehr Aufmerksamkeit erregen, als Gewalt und Blutvergießen in Palästina, so hieß es auf der Plattform eines populären Social Media. Irgendwie sind sie ja dann doch wahre Helden, diese Libanesen.

(Michael Barth/russland.RU)

Über den Autor

Michael Barth
1961 in Nürnberg geboren und von da aus ab 1979 die große weite Welt erkundet. Die Wege führten anfangs nach Klein- und Mittelasien und waren stets das Ziel. Immer mit im Gepäck, der sehnsüchtige Blick auf die schier unerreichbare UdSSR. Dann fiel der eiserne Vorhang, die Pfade führten nach Nordosten. Durch einen glücklichen Umstand tat sich letztendlich Russland auf. Der berufliche Werdegang verlief zunächst sehr unjournalistisch. Ständig auf der Suche nach neuen Aufgaben und Herausforderungen war nach der Ausbildung zum Kirchenmaler vom Krematoriumsarbeiter bis zum R’n’R Caterer so ziemlich alles dabei, was Abenteuer und Ungewöhnlichkeit versprach. In Russland kam 2008 der Journalismus hinzu. Weltenbummeln und schreiben – perfekt. Zuerst bei einer kleinen Gazette und ab 2012 ernsthaft im Feuilleton bei russland.RU. Seit 2014 dort Chefredakteur.