Die wahren Helden von Sotschi [Tag 3]

Die Welt schaut dieser Tage kollektiv auf Russland. Gut, nicht alle, es gibt auch einige, die demonstrativ zur Seite sehen. Sotschi liegt ja schließlich in Russland. In dieser Kolumne geht es nicht um Rekorde, sondern um die wahren Helden der Olympischen Winterspiele 2014. Denn Sie wissen doch: Dabei sein ist alles!

Beginnen wir doch einfach mit einem tragischen Helden. Fünf Medaillen hat er bislang in seiner Karriere schon bei Olympischen Spielen gewonnen. Er ist der schillernde Held auf der rasanten Skipiste, der US-Amerikaner schlechthin. Ein Mann wie aus dem Western. Heute wurde er lediglich Achter. Bode Miller saß daher sichtlich geknickt in Russland herum, währenddessen seine Mitkontrahenten den Ruhm einheimsten. Trotzdem, „Bode halt die Ohren steif Miller“ ist es wert, als wahrer Held von Sotschi bezeichnet zu werden.

Noch gar keine Olympischen Erfolge vorweisen kann ein junger Mann, von dem man es eigentlich auch gar nicht erwartet. Er stammt von einer Südseeinsel, genauer gesagt aus Tonga. Nein, er heißt nicht Freitag, wie viele jetzt glauben mögen. Sein Name ist Fuahea Semi. Ha, jetzt haben wir Sie drangekriegt, denn unter seinem richtigen Namen tritt er nämlich gar nicht an. Er nennt sich seinem Sponsor zuliebe schlichtweg Bruno Banani. Klingt irgendwie zwischen Schwul und Macho. Vor fünf Jahren saß er das erste Mal auf einem Schlitten, heute rodelt er bei den Olympischen Spielen mit. Und just heute schlitterte er in Sotschi auf Platz 32. Da ziehen wir glatt unseren Hut, für uns zweifelsohne ein Held.

Und dann haben wir noch den Mann, dem man am liebsten eine Tapferkeitsmedaille verleihen möchte. Vor wenigen Wochen lag der Skispringer Thomas Morgenstern nach einem schweren Sturz noch mit den allerschwersten Verletzungen auf der Intensivstation. Schädel-Hirn-Trauma, Lungenquetschung, das volle Programm eben. Sein Start wurde mit gemischten Gefühlen beobachtet. Konnte das gut gehen? Ja es konnte! Sein Sprung in den Nachthimmel von Sotschi war vermutlich wertvoller für ihn, als jeder Psychologe es auf Erden richten könnte. Die Belohnung für seinen Mut war ein respektabler 14-ter Rang im Abschlussspringen. Noch Fragen wegen dem Heldenstatus?

(Michael Barth/russland.RU)

Über den Autor

Michael Barth
1961 in Nürnberg geboren und von da aus ab 1979 die große weite Welt erkundet. Die Wege führten anfangs nach Klein- und Mittelasien und waren stets das Ziel. Immer mit im Gepäck, der sehnsüchtige Blick auf die schier unerreichbare UdSSR. Dann fiel der eiserne Vorhang, die Pfade führten nach Nordosten. Durch einen glücklichen Umstand tat sich letztendlich Russland auf. Der berufliche Werdegang verlief zunächst sehr unjournalistisch. Ständig auf der Suche nach neuen Aufgaben und Herausforderungen war nach der Ausbildung zum Kirchenmaler vom Krematoriumsarbeiter bis zum R’n’R Caterer so ziemlich alles dabei, was Abenteuer und Ungewöhnlichkeit versprach. In Russland kam 2008 der Journalismus hinzu. Weltenbummeln und schreiben – perfekt. Zuerst bei einer kleinen Gazette und ab 2012 ernsthaft im Feuilleton bei russland.RU. Seit 2014 dort Chefredakteur.