Die wahren Helden von Sotschi [Tag 12]

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Sicherlich haben Sie inzwischen bemerkt, dass wir in dieser kleinen Kolumne keinen profanen Rekordleistungen hinterher jagen, sondern uns mehr um die stillen Helden der Olympischen Spiele bemühen. Den kleinen Kuriosa am Rande eben. Man sollte ihnen Beachtung schenken. Denn Sie wissen doch: Dabei sein ist alles!

Der wahrste Held der wahren Helden von Sotschi ist zweifelsohne bislang der D-Rolf. Deshalb gehört einzig und alleine ihm der heutige Beitrag an dieser Stelle. Eigentlich heißt er ja Rolf Becker und kommt aus Halle. Zwei Wochen hat er gebraucht, um mit seinem Trabant aus seiner Sachsen-Anhaltiner Heimat ins subtropische Sotschi ans Schwarze Meer zu fahren. Sachsen-Anhalt bezeichnet sich selbst gern als „Land der Frühaufsteher“. Warum das jetzt genau so ist, können wir Ihnen offengestanden auch nicht sagen. Aber der Rolf kam deshalb schon mal nicht zu spät. Eher genau richtig um bei der Eröffnung der Spiele vor Ort gewesen zu sein.

Schulrussisch hat der 66-Jährige noch in seiner damaligen Heimat, der DDR, gelernt. Deswegen kann er es sogar verstehen, wenn sogar die Russen ihn in ihrer Landessprache „Wy Geroj“, einen Helden nennen. Ursprünglich ist es ja der „Drehorgel-Rolf“. Er ist wohl auch der inoffizielle Weltmeister im Dauerdrehorgelspielen. So sagt er zumindest. Bei seinem strahlenden Auftreten unter der strahlenden Sonne Sotschis muss man ihm das einfach abkaufen. Gut zwei Wochen lang hat sich der Strahlemann in seiner Rennpappe über die Ukraine durch Schneestürme gekämpft und ist in etlichen Wodkagelagen verschütt gegangen. Jetzt war er da, in Sotschi, bei den XXII. Olympischen Winterspielen.

An der „Maschina“ aus dem VEB Zwickau kommt sowieso niemand vorbei, wenn er sie stolz unter Palmen auf dem Bürgersteig parkt. „Es riecht nach Kindheit“, sagen die Russen, wenn er den Zweitakter anwirft. Vor allem die Älteren, die noch in einer Generation ohne schwarze SUV’s mit verdunkelten Scheiben groß geworden sind, wissen sein Unternehmen zu schätzen. „Der hat das wirklich durchgehalten?“, fragen sie ob der stattlichen 2700 Kilometer von den Frühaufstehern bis zur Dauerparty. Auch die strengen Sicherheitskontrollen in und um Sotschi verblassten schnell beim Anblick des skurrilen Gefährts. Er selber sieht sich indes als „Bildungsbotschafter“. Seit gestern ist D-Rolf, alias Rolf Becker aus Halle nun wieder auf dem Nachhauseweg. Na dann Rolf, fahr mal vorsichtig…

(Michael Barth/russland.RU)

 

Über den Autor

Michael Barth
1961 in Nürnberg geboren und von da aus ab 1979 die große weite Welt erkundet. Die Wege führten anfangs nach Klein- und Mittelasien und waren stets das Ziel. Immer mit im Gepäck, der sehnsüchtige Blick auf die schier unerreichbare UdSSR. Dann fiel der eiserne Vorhang, die Pfade führten nach Nordosten. Durch einen glücklichen Umstand tat sich letztendlich Russland auf. Der berufliche Werdegang verlief zunächst sehr unjournalistisch. Ständig auf der Suche nach neuen Aufgaben und Herausforderungen war nach der Ausbildung zum Kirchenmaler vom Krematoriumsarbeiter bis zum R’n’R Caterer so ziemlich alles dabei, was Abenteuer und Ungewöhnlichkeit versprach. In Russland kam 2008 der Journalismus hinzu. Weltenbummeln und schreiben – perfekt. Zuerst bei einer kleinen Gazette und ab 2012 ernsthaft im Feuilleton bei russland.RU. Seit 2014 dort Chefredakteur.