Die Ukrainekrise gibt es nicht

Kommentar: Warum deutsche Mainstream-Medien einen realen Bürgerkrieg verleugnen

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Dieser Artikel behandelt nicht etwa eine Verschwörungstheorie. Vielmehr geht es darum, warum die vor allem von großen deutschen Medien gebrauchte Bezeichnung „Ukrainekrise“ schlicht und ergreifend falsch ist, weil sie die Vorgänge vor Ort schon lange nicht mehr treffend beschreibt. Und es wird auch dargelegt, warum der Begriff von den gleichen Medien dennoch konsequent weiter gebraucht wird und man es in den entsprechenden Redaktionsstuben tunlichst vermeidet, von einem „Bürgerkrieg“ zu sprechen, was die Wahrheit einzig und alleine trifft.

Krisen und was sie ausmachen

Was ist eigentlich eine Krise? Wie schön, dass gerade die über jeden Verdacht erhabene „Bundeszentrale für politische Bildung“ Lehrkräften hier eine hübsch sachliche Definition gibt: „Intensivierung eines latenten Spannungszustands durch Mittel, die im Vorfeld militärischer Drohungen liegen. Konfliktbeziehungen erreichen das Stadium einer Wende, die die Wahrscheinlichkeit einer Gewaltandrohung erhöht.“

Auch in der Ukraine hatten wir noch im März eine Krise, selbst als Russland – was man davon auch immer halten wollte – mit militärischen Kräften die Krim besetzte, um deren Wechsel ins eigene Staatsgefüge abzusichern. Denn es fiel fast kein Schuss, es kam nicht zu offenen Gefechten, aber solche lagen in der Luft mit der Grundlage eines Konfliktes zwischen der brandneuen Regierung der Ukraine und Kräften in deren Osten, unterstützt von Russland. Die Krim-Krise war „geboren“.

Bürgerkriege und wo sie sich unterscheiden

Diese Phase ist jedoch schon seit mehreren Monaten vorbei – denn aktuell im Donbass gibt es nunmehr seit Monaten offene militärische Auseinandersetzungen zwischen stark bewaffneten Parteien – Regierungstruppen und Separatisten. Schwere Artillerie, Panzer, Luftangriffe werden eingesetzt, von einem „Vorfeld militärischer Drohungen“ oder einer reinen „Androhung“ von Gewalt kann da niemand mehr sprechen. Es gibt militärische Verbände, die aktiv kämpfen, unbestreitbarer Fakt. Selbst die Definition einer „schwere Krise“ der oben genannten Bundeszentrale passt da absolut nicht mehr, da diese eine „öffentliche Gewaltdrohung“ bedeutet, aber eben keine ausgeübte Gewalt.

Leider definitieren uns die staatlich finanzierten Staatsrechtler, die das geschrieben haben, an gleicher Stelle den „Bürgerkriegs“-Begriff nicht, so dass wir uns hier mit Wikipedia behelfen müssen. Das Online-Lexikon schreibt von einem Bürgerkrieg als bewaffneten Konflikt auf dem Gebiet eines einzigen Staates zwischen mehreren inländischen Gruppen, häufig mit Einwirkung ausländischer Mächte. Man hat fast das Gefühl, das Autorenkollektiv hatte bei dieser treffenden Beschreibung den aktuellen Donbass im Kopf, denn sowohl der bewaffnete Konflikt, als auch der eine Staat als Kampfplatz und die mehreren Staaten als „Einwirker“ sind zweifellos vorhanden.

Bei der Motivation nichts neues

So fragt sich, wo doch der „Bürgerkrieg“ als Bezeichnung der Vorkommnisse in der Ostukraine so viel treffender als, als die „Krise“, warum ändern dann all die sachkundigen Journalisten von öffentlich-rechtlichen und privaten Medienkonzernen in Deutschland ihren Sprachgebrauch nicht? Hier betrachten wir doch einmal die Bezeichnungen des Konfliktes durch die beteiligten Parteien. Lesen wir bei der ukrainischen Regierung stets lediglich von einer „Anti-Terror-Operation“ im Donbass, bezeichnen die Rebellen die gleiche Sache eher als ihren „heldenhaften Kampf gegen die ukrainischen Faschisten“. Während also die Regierung in Kiew eher versucht, die Angelegenheit – immerhin ein Aufstand gegen ihren eigenen Herrschaftsanspruch – herunter zu spielen, putschen die Separatisten diesen zu einer glorifizierten Entscheidungschlacht auf, die bei ihnen (beabsichtigt) an den Zweiten Weltkrieg erinnert.

Welcher Seite kommt es also zupass, wenn man den Konflikt mit einer verharmlosenden und nachweislich falschen Bezeichnung in Deutschland herunter spielt? Welche Seite unterstützen Redakteure in großen Verlagshäusern und TV-Anstalten Deutschlands schon alleine durch ihre Wortwahl, völlig unabhängig von ihrer umstrittenen Selektion, welche Geschehnisse aus dem Donbass berichtet werden und welche nicht? Es ist schon erstaunlich, wie man bei der Haltung der Mainstream-Presse weniger großer Medienverbünde selbst bei einer rein sprachlichen Analyse zum gleichen Schluss kommen muss, wie wenn man die Anzahl und Auswahl der Inhalte analysiert. Auch unterbewusst rollt die Propagandamaschine nicht nur durch die Ukraine oder Russland. Meinungs-Manipulation ist nicht nur in diktatorischen Staaten eine gut beherrschte und ausgeübte Kunstform. Gut tut man da, wenn man sich online noch anderweitig informiert, wo die Dinge beim Namen genannt werden.

Roland Bathon, russland.RU; Foto: Anna News, Creative Commons

Über den Autor

Roland Bathon
Geboren 1970 in Franken und dort seitdem wohnhaft, aber regelmäßig in Russland und mit familiären Banden dorthin. Zum Thema Russland bin ich ursprünglich über meine allgemeine Osteuropa- und Reiseleidenschaft in den 90er Jahren gekommen und habe in den folgenden Jahrzehnten das Land ausgiebig individual kennengelernt. Später habe ich auch mehrere Bücher über Russlandreisen und andere Russlandthemen mit verfasst, bis es mich Mitte des letzten Jahrzehnts mehr und mehr in die Richtung Film, vor allem den Schnitt verschlagen hat. Bei russland.RU seit 2007 zuständig zunächst für den Aufbau und bis heute die inhaltliche Schwerpunktsetzung von russland.TV. Bei Eigenproduktionen meist zuständig für den Schnitt und eine Art Schaltzentrale für viele wichtige Mitarbeiter und Kontakte.