Die Statuen der Polowetzen in der eurasischen Steppe

Wolnowacha – Die Polowetzen (abgeleitet von dem ukrainischen Wort polowzy, was blond bedeutet) waren während des Mittelalters nomadische Krieger aus den eurasischen Steppen. Im Gebiet der heutigen Ukraine kamen die Polowetzen [1] mit der Kiewer Rus in Konflikt, ausgezeichnet verbildlicht in Alexander Borodins Oper in vier Akten, mit dem Prolog „Prinz Igor“ [2].

Obwohl die Polowetzen eine einflussreiche Macht während des 11. und 12. Jahrhunderts waren, brachen die mongolischen Invasionen des 13. Jahrhunderts deren Herrschaft und zwangen sie, sich weiter im Westen anzusiedeln. Eines der materiellen Kulturzeugnisse, die die Polowetzen hinterlassen haben, sind zahlreiche anthropomorphe Statuen aus Stein oder Holz.

Die Ausarbeitung von derart gestalteten Statuen ist keine spezielle Besonderheit der Polowetzen-Kultur, sondern gehört wohl zu dem umfassenderen Dunstkreis der Steppe. Derlei Bildnisse wurden bereits seit dem Eneolithikum, der sogenannten Kupfersteinzeit [3], im vierten Jahrtausend vor Christus angefertigt und sind in ganz Russland und der Ukraine (ausgeprägt im Osten) zu finden. Zudem in Zentralasien, der Mongolei und sogar in Deutschland.

Die Statuen der Polowetzen haben sowohl männliche als auch weibliche Züge. Die stehenden männlichen Abbildungen werden überwiegend als kampfbereite Krieger dargestellt und tragen normalerweise Helme der Ruthenen [4] oder seltener eine Kappe, die mit Pelz oder Metallplättchen besetzt war. Dazu zwei ovale Brustpanzer, einen Säbel und einen Bogen, einen Köcher mit Pfeilen und eine Peitsche. Abgesehen von der militärischen Ausrüstung tragen die Kämpferfiguren auch alltägliche Gegenstände wie Messer, Feuersteine und Kämme, welche am Gürtel befestigt wurden.

Die Kleidung betreffend werden die Krieger mit Hemd, Hose, Kaftan, sowie hohen Stiefeln und Gürtel abgebildet. Interessanterweise repräsentieren die Statuen die Kappen tragen, eher wohlhabende Mitglieder der polowetzer Gesellschaft. Diese Figuren werden sitzend dargestellt, haben Säcke bei sich und tragen, im Gegensatz zu den Kriegern, außer einem Messer keine Waffen. Die Gegenstände die an diesen Statuen zu beobachten sind, zeigen, dass diese Eliten ihre führenden Positionen in der Gesellschaft nicht durch Kriege und militärische Fähigkeiten errungen haben, sondern durch Tierhaltung, Handel, Gewerbe und Steuererhebungen.

Was die Frauen angeht, schmücken die Abbildungen häufig aufwändige Kleidung und Kopfputz. Darüber hinaus lassen sich Ohrringe, Halsketten und Amulette ausmachen. Auch bei ihnen sind, wie bei den männlichen Statuen, die Alltagsgegenstände am Gürtel befestigt. Ein bildliches Merkmal sind ihre nackten Brüste. Es scheint, dass diese Darstellungen mit Stärke und Unverwundbarkeit assoziierbar sind. Wie bei ihren männlichen Pendants finden sich auch hier stehende und sitzende Figuren. Die Ersteren werden als Frauen von Kriegern interpretiert, während die Sitzenden zu den Gattinnen der wohlhabenden Polowetzen zu zählen sind. Obwohl die weiblichen Statuen die Frauen der besseren Gesellschaft repräsentieren, befindet sich eine Figur darunter, die eine Kriegerin zeigt.

Auch wenn es viele verschiedene Darstellungen der Polowetzen gibt, ein Rätsel bleibt bestehen. Alle Figuren scheinen eine Art Gefäß unter ihrem Bauch zu halten. Diese Behältnisse sind wiederum unterschiedlich gestaltet und zeigen Geschirr, Krüge, Becher aber auch Kelche. So unterschiedlich wie diese Gefäße sind, so verschieden sind auch die Ansichten, welchen Zweck sie darstellen. Ein Beispiel wäre, dass es sich um Urnen handeln könnte, die symbolisch mit der Asche der Ahnen gefüllt sind, oder um Ritualgefäße, in denen die Seele aufbewahrt wird [5].

Obwohl diese Statuen schon seit Jahrhunderten existieren, zollen sie inzwischen ihren Tribut, den Elementen ausgesetzt zu sein. Deshalb haben Archäologen nun ein besonderes Augenmerk auf den Erhalt und den Schutz der Polowetzen-Statuen. Jedoch gibt es noch zahlreiche Probleme mit dem fehlenden Bewusstsein für sie und dem gesetzlichen Umgang mit ihnen. Wie auch immer, wenn diese Hindernisse einmal überwunden sein sollten,  könnten die Statuen der Polowetzen auch für zukünftige Generationen erhalten bleiben.

Autor: Dhwty

Aus dem Englischen übersetzt mit freundlicher Genehmigung von „Ancient Origins“. Zum Originaltext mit weiterführenden Links gelangen Sie hier: ancient-origins

Anmerkung der Redaktion: Die Ortschaft Wolnowacha, die in diesem Artikel eine zentrale Rolle spielt, liegt unweit der Grosstadt Donezk in der Ostukraine und damit in einem derzeit heftig umkämpften Gebiet im Donbass [6].

Zum besseren Verständnis haben wir uns erlaubt einige Fußnoten hinzuzufügen:

[1] Das turksprachige Volk der Kiptschak

[2] Die Polowetzer Tänze

[3] Die Kupfersteinzeit

[4] Die Russinen

[5] Der heilige Gral

[6] Wolnowacha im Donbass