Die Sanktionen greifen – der Kwas ist alle

(Eine Glosse von Michael Barth)  St. Petersburg – Nun haben wir den Salat. Beziehungsweise, wir haben ihn nicht. Denn der ist ja auch sanktioniert. Diese Sanktionen tragen bereits reife Früchte, man bekommt es schon am eigenen Leib zu verspüren. Als das russland.RU-Team vor Ort gestern Mittag Kwas in einem kleinen Laden kaufen wollte, hatten sie gerade noch eine Flasche. Das schien hart bei der gegenwärtigen Hitze.

In einem Anflug von panischer Angst erwarben wir das kostbare Nass und trauten uns zunächst gar nicht so recht, die Flasche zu öffnen. Zu wertvoll schien sie uns. Nach einigem Nachdenken beschlossen wir, dass die Welt sowieso vornehm vor die Hunde geht, da war es ja dann auch schon egal und wir fassten wir uns ein Herz. Fast andächtig tranken wir schlückchenweise. Nur nicht zu hastig, es war die letzte Flasche! Kwas schien plötzlich kostbarer als Gold.

Wie mag das weitergehen, dachten wir bei uns. So blieb nur die logische Konsequenz und nochmal raus auf die Strasse. Ab jetzt waren ernsthafte Vorkehrungen angesagt. Bier, Zigaretten, Kaffee – der Einkaufskorb füllte sich rapide. Eigentlich sah der Laden an sich noch recht gut gefüllt aus, aber wer weiss. Vorsichtshalber noch ein paar Rollen Klopapier draufgepackt, es könnten bald die Letzten sein. Irgendwann war schliesslich der Punkt erreicht, nachdem wir uns präventiv noch mit ein paar Kugelschreibern, Haargummis, Seife und diversen Toilettenartikeln eingedeckt haben, das unser Einkaufskorb zu klein wurde.

Gottseidank gab es noch Einkaufskörbe in Hülle und Fülle. Die sind offenbar noch nicht von den Sanktionen betroffen. Auch Einkaufswägelchen. Mit einem Heidenrespekt vor diesen Sanktionen kamen als nächstes Brot, Wurst, Käse hinzu. In weiser Voraussicht deckten wir uns noch mit unzähligen Konserven ein. Nachdem diese Hamsterkäufe endlich verstaut waren, stand als nächstes ein Gang in ein Möbelgeschäft auf der Liste. Man weiss ja nie. Anschliessend waren Elektroartikel wie Stereoanlage, Fernsehgerät, ein Kühlschrank und eine Mikrowelle fällig. Das sollte eine Zeitlang vorhalten.

Nun stehen wir mit unseren gehamsterten Errungenschaften in einer vollen Wohnung und sind stolz wie Bolle. Das war mal gelungen gehamstert. Die Freude war alsbald getrübt, das Bier ging allmählich schon wieder zur Neige. Da sitzt man nun auf einem Berg von Tinneff und muss sich sorgen, dass das Bier ausgeht. Garantiert waren wir nicht die Einzigen, die sich mit Notvorräten eingedekt haben. Die Sanktionen greifen schnell. Aber was greifen sie nun wirklich? Diese Frage konnten wir uns, nachdem wir unseren Rausch ausgeschlafen hatten, auch nicht so recht beantworten. Das russische Inlandsprodukt haben wir auf alle Fälle immens bereichert.

Was dieser kleine Text uns nun sagen will? Es wird nicht alles so heiss gegessen, wie es gekocht wird. Schon gar nicht Sanktionen, die eigentlich niemandem nutzen. Schaden werden sie beiden Seiten, dass ist sicher. Und morgen wird es auch wieder Kwas geben.

Über den Autor

Michael Barth
1961 in Nürnberg geboren und von da aus ab 1979 die große weite Welt erkundet. Die Wege führten anfangs nach Klein- und Mittelasien und waren stets das Ziel. Immer mit im Gepäck, der sehnsüchtige Blick auf die schier unerreichbare UdSSR. Dann fiel der eiserne Vorhang, die Pfade führten nach Nordosten. Durch einen glücklichen Umstand tat sich letztendlich Russland auf. Der berufliche Werdegang verlief zunächst sehr unjournalistisch. Ständig auf der Suche nach neuen Aufgaben und Herausforderungen war nach der Ausbildung zum Kirchenmaler vom Krematoriumsarbeiter bis zum R’n’R Caterer so ziemlich alles dabei, was Abenteuer und Ungewöhnlichkeit versprach. In Russland kam 2008 der Journalismus hinzu. Weltenbummeln und schreiben – perfekt. Zuerst bei einer kleinen Gazette und ab 2012 ernsthaft im Feuilleton bei russland.RU. Seit 2014 dort Chefredakteur.