Die Russisch-orthodoxe Kirche hat in der Isaaks-Kathedrale nichts verloren!

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Die geplante Übergabe der Isaaks-Kathedrale in St. Petersburg an die Russisch-orthodoxe Kirche wird heiß diskutiert. Der „Kommersant“ liefert einen historischen Rückblick auf die angespannten Beziehungen zwischen Staat und Kirche im Zarenreich.

Unsere Gesellschaft wird immer wieder zum Schlachtfeld zwischen Gläubigen und Antiklerikalen – da wundert sich keiner über scharfe Diskussionen hinsichtlich orthodoxer Lehrbücher zur Biologie, in denen der Evolutionismus als veraltet und unwissenschaftlich bezeichnet wird, oder über wütende Dispute über Abtreibungen oder Genmanipulation.

Die Entscheidung der Petersburger Stadtregierung, die Isaaks-Kathedrale der Kirche zu übergeben, hat aber erstmals eine Spaltung innerhalb der immer als monolithisch wahrgenommenen orthodoxen Gemeinschaft nach sich gezogen. Da gibt es plötzlich Jubelnde und Empörte – die einen sehen in der Entscheidung den Beginn einer echten Sühne des Staates am ausgeraubten und erniedrigen originären Russland; die anderen fangen aber an, die eigene Kirche der übermäßigen Liebe zum Mammon zu verdächtigen.

Handelt der Staat nun richtig, wenn er der Kirche die Isaaks-Kathedrale zurückgibt? Die logische, nichtideologische Antwort auf diese Frage kann nur diese sein: Es kann gar nicht die Rede sein von der Rückgabe der Kathedrale an die Russisch-orthodoxe Kirche. Zurückgegeben kann nur das werden, was irgendwann weggenommen wurde. Die Isaaks-Kathedrale — „die Hauptkirche des Russischen Reiches“ — hat der Kirche nie gehört.

Ein kirchliches und staatliches Nationalprojekt

Die Geschichte ihres Baus selbst ist in vielem eine Weltliche. Als Kaiser Alexander I. nach Beendigung des unsäglich schweren Vaterländischen Krieges von 1812 (Krieg gegen Napoleon – Anm. d. Ü.) beschloss, anstelle der vorherigen (bereits dritten) Kirche im Namen des Isaak von Dalmatien eine mächtige Kathedrale zu errichten, die „außen und innen in Reichtum und Erhabenheit der Architektur all das darstellen würde, was in den großartigsten Kirchen Italiens für Verblüffung sorgt“, wollte er ein neues Weltwunder erbauen, das der Welt die Stärke Russlands und zugleich seine Bereitschaft zeigen würde, mit der Zeit Schritt zu halten — soll heißen: das Beste und Modernste aufzunehmen, das es zu dem Zeitpunkt in der Kunst gab.

Die Kirche war eine Art Nationalprojekt: Für die Anfertigung des Entwurfs und die Organisation der nötigen Arbeiten wurde eine Sonderkommission zur Erbauung der Isaaks-Kathedrale gegründet. Montferrand sollten die hervorragendsten russischen Künstler und Architekten zur Seite stehen. Und möge ihre Errichtung auch nicht so lange gedauert haben, wie es bei Notre Dame de Paris der Fall war – 40 Jahre gegenüber fast 200, die für den Bau der französischen „Kollegin“ benötigt wurden –, so kann die Isaaks-Kathedrale durchaus als Symbol für die vereinte Arbeit aller Schichten der russischen Gesellschaft angesehen werden.

Bei ihrem Bau waren 400.000 unfreie Bauern eingesetzt (sowohl staatliche als auch Leibeigene), fast jeder vierte davon machte unter ihren Mauern den letzten Atemzug — erschlagen von schweren Steinen oder dahingerafft durch Quecksilbervergiftung, die unerträglich schwere Arbeit und vielfältige Epidemien.

Die Kirche wurde aus Staats- und Privatkapital gebaut: Die gigantische Summe, die für ihre Errichtung ausgegeben wurde, setzte sich aus Geldern des Fiskus und privaten Spenden zusammen. Insgesamt kostete die Errichtung der Kathedrale mehr als 23 Millionen Silberrubel. Die Kommission musste über jeden ausgegebenen Rubel Rechenschaft ablegen.

Kirchlich-staatlicher Konflikt

Interessant ist, dass die Kirche in gewisser Weise gegen den Bau einer neuen Isaaks-Kathedrale war. Wie die Mitarbeiter des Russischen Museumsverbandes, die auf ihrer Webseite einen kurzen Exkurs in die Geschichte der mit der Kirche verbundenen Eigentumsfragen veröffentlicht haben, völlig zu Recht anmerken, rief die Entscheidung Alexanders I., die alte Kirche bis aufs Fundament abzureißen, die Unzufriedenheit von Metropolit Ambrosius hervor, der sich bei Fürst Golizyn beschwerte, der Klerus sei gezwungen, in einer anderen Kirche Gottesdienste abzuhalten, und verlöre Einkünfte aus dem Verkauf von Kerzen und rituellen Diensten. Der Kaiser ging auf die Argumente des Metropoliten nicht ein.

Aber als die Isaaks-Kathedrale endlich geweiht und eröffnet war, bestand die Kirche darauf, dass sie in ihre Befugnis übergeben würde.

Unter Alexander II. wurde die Kommission aufgelöst, die Kathedrale wurde dem Ministerium für Straßenwesen und öffentliche Gebäude übergeben. In einem an höchster Stelle abgesegneten Befehl des Staatsrates vom 22. Oktober 1864 wurde dem Hauptverwalter des Ministeriums vorgeschrieben, jeden Bedarf zur Instandhaltung der Kirche und einen Personalbestand von „technischen Spezialisten“ aus Mitteln seiner Behörde zu finanzieren; die Heilige Synode sollte im weiteren lediglich den Unterhalt des Klerus, des Chores und die Gottesdienstutensilien bezahlen.

Um die Kathedrale zu unterhalten, brauchte es eine Menge Geld: In jenem Jahr 1864 belief sich die Summe der Ausgaben für das Gotteshaus auf 68.858 Silberrubel. Allein der Unterhalt für den Chor kam auf 13.000 Silberrubel pro Jahr — mehr als jeder andere Ausgabenposten (obwohl im Ganzen die Ausgaben für die Kathedrale fast gleichmäßig auf den technischen Bedarf und die Gehälter des Klerus und der Sänger verteilt war), und bald darauf brach ein Konflikt zwischen der Synode und dem Ministerium zu finanziellen und Besitz-Fragen aus.

Kirchliche-monarchische Beziehungen

Die Kirche bestand auf ihrem Recht, vollständig über die Kathedrale zu verfügen, worauf der Kaiser eine Sonderkommission einberief, die diese schwierige Frage lösen sollte.

Der Kommission stand der bekannte Architekt und Professor der Kaiserlichen Akademie der Künste, Alexander Rosanow, vor. Sie lehnte die vollständige Übergabe des Gebäudes zur alleinigen Verwaltung durch die Synode ab und berief sich dabei auf die Unzweckmäßigkeit einer solchen Entscheidung (Die Kathedrale benötigt ununterbrochene technische und künstlerische Arbeiten, die die Kirche nicht gewährleisten kann.) und die historische Ungerechtigkeit — das Gotteshaus wurde aus Staatsgeldern und nicht aus Kirchenmitteln erbaut.

Um den Konflikt auszubügeln, wurde das Gebäude dem Ministerium für Straßenwesen entzogen und in die Verfügung des Innenministeriums übergeben. Warum dies? Möge uns die „Nachfolgerschaft“ zwischen dem damaligen und heutigen Innenministerium nicht in die Irre führen: Jenes Ministerium befasste sich nicht nur mit Fragen der Rechtsordnung, sondern mit einem weitgefächerten Katalog an Problemen, darunter religiösen — von der Politik gegenüber Schismatikern und Sektanten bis zur Instandhaltung vieler Kirchengebäude. Im Verfügungsbereich des Innenministeriums befand sich die Kathedrale bis zur Revolution.

Der Unwillen, das Gotteshaus der Kirche zu überlassen, den die Kaiser an den Tag legten, hatte natürlich einen ideologischen Hintergrund.

Die modernen, monarchistisch gestimmten Patrioten versuchen oft, die Geschichte Russlands als ehrliche und fruchtbare Zusammenarbeit zwischen Kirche und Staat darzustellen. In Wirklichkeit war das Verhältnis zwischen diesen beiden Institutionen größtenteils ziemlich schwierig: Die von den Monarchisten tief verehrten Zaren Iwan III., Iwan IV. und Katharina II. waren permanent auf die weitläufigen Kirchenländereien aus, die sie in Staatsland verwandelten; Peter I. würdigte die Kirche sogar zu einem ihm unterstellten Ministerium herab.

Und das hatte Gründe: In der Gesellschaft war noch die Erinnerung daran wach, wie Patriarch Nikon Versuche unternommen hatte, in Russland so etwas wie eine Theokratie einzuführen — er wollte sich selbst als „großen Herrscher“ titulieren, dem der Zar untergeben sein sollte. Dabei machte er sich eine Situation zunutze, die erst dank der Zeit der Wirren und der damit verbundenen Schwächung der Rolle des Zaren möglich geworden war: Nämlich als Patriarch Philaret, dem Vater des ersten Romanow-Zaren, absolut folgerichtig als „großem Herrscher“ gehuldigt wurde – noch vor seinem Sohn.

Nein, keineswegs in Harmonie, sondern oft im offenen Konflikt mit der Kirche bildete sich eine starke Zarenmacht heraus. Die „Rückgabe“ der Isaaks-Kathedrale passt nicht in die Rahmen einer Buße der Staatsmacht an den Orthodoxen, sondern in ein ganz anderes Paradigma. Nämlich das Paradigma der Schwächung der Zentralmacht und des Rückfalls in feudale Verhältnisse. Genau das stößt heute viele Gläubige von der Kirche ab und zwingt sie, sich die einfache Wahrheit ins Gedächtnis zu rufen, die einst von den russischen Schismatikern ausgesprochen worden war: „Nicht die Kirche, die gebaut wurde – hölzern oder steinern –, sondern die Kirche in den Herzen und in den Körpern.“