Die Russen, sie leiden und gedenken

Am 9. Mai gedenkt man in Russland des 72. Jahrestages des Sieges über Nazi-Deutschland

Putin bei der Siegesparade 2015 im "Ewigen Regiment"
image_pdfimage_print

[von Dr. Daria Boll-Palievskaya] Die spinnen, die Russen. So beginne ich immer meine Kolumne. Aber diesen Artikel kann ich so nicht anfangen. Denn es geht um ein Thema, bei dem für jeden Russen der Spaß aufhört. Um den Großen Vaterländischen Krieg.  So heißt im russischen Gebrauch der Zweite Weltkrieg.

Vor einigen Jahren war ein Freund von meinem Sohn mit uns in Moskau. Dem 14.Jährigen ist ein großes Plakat mit Kriegssymbolik aufgefallen. Was steht darauf, wollte er wissen. „70 Jahre! Zum großen Sieg!“, übersetzte ich. Aber die Gedenkfeier war doch schon im Mai, wunderte er sich. Und überhaupt, es ist wirklich so lange her…. Ich habe versucht ihm zu erklären, dass dieses Datum in Russland eine ganz besondere Bedeutung hat, dass es sich nicht nur auf einen Tag beschränkt. Dass es eine große immer noch blutende Wunde im kollektiven russischen Herz und gleichzeitig ein Grund für den Nationalstolz auf enorme Verdienste der sowjetischen Armee, der ganzen Bevölkerung ist. Dass es keine einzige Familie im ganzen Land gibt, die vom Krieg verschont geblieben wäre. In jeder Familie gab es Kriegsopfer. Deswegen kann man auch 70 Jahre danach einfach nicht ohne Tränen darüber sprechen. Es ist ein historisches Ereignis, das absolut gigantisch und gleichzeitig sehr persönlich ist.

Ob ich sein Herz mit meiner emotionalen Rede berührt habe? Ich weiß es nicht. Vielleicht hätte ich ihn dieses Jahr einfach nach Moskau mitnehmen müssen, damit er den 09. Mai selbst hautnah erleben kann. Und zwar nicht die pompöse Siegesparade, sondern den Gedenkmarsch „Das unsterbliche Regiment“. Diese Aktion fand zum ersten Mal im Mai 2012 in der sibirischen Stadt Tomsk statt. Die Idee kam von den Tomsker Journalisten und wurde sofort von den Menschen in der Stadt unterstützt. Damals zogen etwas 6000 Tomsker mit Porträts ihrer Eltern und Großeltern – Veteranen des Großen Vaterländischen Krieges – durch die Stadt. Inzwischen ist „Das unsterbliche Regiment“ zu einer landesweiten Tradition geworden. Denn sie ist nicht in den Hinterzimmern der Behörden entstanden, sondern aus den Herzen der Menschen. 2015 beteiligten sich an dem Marsch nach Polizeiangaben allein in Moskau mehr als 500.000 Menschen.  Der Zug bewegte sich zum ersten Mal vom Weißrussischen Bahnhof kilometerweit zum Roten Platz. Präsident Wladimir Putin ging mit dem Foto seines Vaters in den Händen mit. Ein Grund für viele westliche Medien das Ganze als „Putin-Show“ zu betiteln. Insgesamt nahmen mehr als 12 Millionen Menschen in 15 Ländern an der Initiative „Das unsterbliche Regiment“ teil. Und in diesem Jahr wird der Marsch von der Musik der schottischen, italienischen und serbischen Musiker begleitet  – die Nachkommen der Kriegsveteranen aus diesen Ländern sind nach Moskau gekommen, um Schulter an Schulter mit den Russen die Porträts ihrer im Krieg gefallenen Verwandten zu tragen und den gemeinsamen Sieg zu gedenken.

Viele Russen tragen an diesen Tagen ein rot-schwarz gestreiftes Bändchen – das Sankt-Georgs-Band, das als kollektiver Orden der Russischen Garde für den Kampfeinsatz gegen das Deutsche Reich verliehen wurde und seit dem 60. Jahrestag des Sieges als Zeichen des Gedenkens geführt wird. Dabei fiel dem Moskauer Korrespondenten eines deutschen Fernsehsenders nichts Besseres dazu ein, diese Geste als ein Zeichen der Abkapselung Russlands von der ganzen Welt zu bezeichnen.

„Das unsterbliche Regiment“ ist aus einem Friedensmarsch zu einer geschichtlichen Aktion geworden. Auf der Internetseite der Initiative moypolk.ru können alle Bürger Namen, Fotos und kurze Biographien ihrer Veteranen veröffentlichen. So schreiben die Menschen die Chronik des Großen Vaterländischen Krieges zusammen, in der die Geschichten einzelnen Familien zu Puzzlesteinen dieses schrecklichen Krieges werden. Inzwischen kamen 392422 Familiengeschichten zusammen (Stand 08.Mai 2017) Und ich möchte auch dabei sein. Mein Großvater hieß Iwan Dmitriewitsch Nowikow (1909-1998). Im Krieg war er ein einfacher Fahrer. Er überlebte, kam 1945 zurück. Mehr weiß ich leider nicht. Denn er konnte nie darüber reden. Ich weiß nur noch, dass er an jedem 09. Mai weinte.

Dr. Daria Boll-Palievskaya – russland.NEWS

Über den Autor

Dr. Daria Boll-Palievskaya
Selbstständige interkutlurelle Trainerin und Coach mit Schwerpunkt Russland. Berät deutsche Unternehmen bei ihrem Engagement in Russland. Freiberufliche Journalistin und Publizistin