Die „Nachtwölfe“ – ein Mythos auf Europa-Tour

Foto: mit freundlicher Genehmigung Valera Klein (c)Foto: mit freundlicher Genehmigung Valera Klein (c)
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Genau einen Monat ist es nun her, dass die „Nachtwölfe“, diese unberechenbare „Rockerbande Putins“, Europas Straßen in Angst und Schrecken versetzten und in Berlin einfielen. Hastig wurden auch dieses Mal gültige Visa annulliert, die örtliche Polizei in allerhöchste Alarmbereitschaft versetzt. Inzwischen ist ein Monat vergangen, die Biker wieder zuhause und die Aufregung hat sich schon längst gelegt. Zumindest bis nächstes Jahr, bis zu ihrer nächsten Gedenkfahrt…

[Eine Nachbetrachtung von Michael Barth] – „Wo wir sind, ist Russland“. Wenn diese Worte aus dem Mund des Chirurgen erklingen, schwingt mehr mit als nur markiges Gehabe. Der Chirurg haut nicht einfach nur auf den Putz. Vielmehr vereinen sich in diesem kurzen Satz Patriotismus und Stolz. Stolz, aber gleichzeitig auch Respekt, vor einem riesengroßes Land – Russland.

Der Chirurg, der mit bürgerlichem Namen Alexander Soldastonow heißt, ist Anführer der größten Motorrad-Bruderschaft in Russland. Rund 5.000 Biker verteilt über das gesamte Land sowie Osteuropa, stehen hinter ihm und tragen die legendäre Kutte. Die Kutte der „Nachtwölfe“. Soldastonow selbst lebt in Moskau und in seiner Stimme liegt eine Mischung aus Entschlossenheit und Ruhe. Geboren und aufgewachsen ist er auf der Krim. Deshalb werden er und seine Mannen den Entschluss der Halbinsel, wieder Teil Russlands zu sein, vor der Regierung in Kiew schützen. Mehr Entschlossenheit geht nicht.

Ruhig und bedacht klingen des Chirurgen Worte, wenn er betont, dass es die Orthodoxe Kirche sei, die das mächtige Land vereine. Deshalb würden die „Nachtwölfe“ auch keine Sowjetromantik betreiben, für sie zähle nur „Mütterchen Russland“. Auch die Gebaren vergleichbarer Biker-Gangs aus Europa, wie den „Hells Angels“ oder den „Bandidos“ seien ihnen fremd. Den „Nachtwölfen“ gehe es nicht um Revierstreitigkeiten und zwielichtige Territorialgeschäfte. „Das ist kriminell, das brauchen wir nicht“, erklärt Alexander Soldastonow. Stattdessen fährt er lieber einmal mit dem russischen Präsidenten Seite an Seite. Putin und der Chirurg, die beiden schätzen sich.

Rocker“ in Leder und die latente Angst vor Russland

Als die „Nachtwölfe“ zum 9.Mai in Gedenken an den „großen Vaterländischen Krieg“ erneut ihren Weg nach Berlin einschlugen, mögen das die zwei Hauptprobleme Europas gewesen sein: Die latente Russophobie und das gemeingültige Bild von finsteren Ledergestalten auf schweren Maschinen,. Zudem verkauft sich der Titel „Putins Rocker“ weit besser als eine simple Gedenkfahrt. Und prompt war das Geheul um die Wölfe wieder allerorts zu vernehmen. Die „vom Kreml gesandten Halbkriminellen“ folgten, wie schon im vergangenem Jahr, dem Ruf, der ihnen vorauseilte.

Wir erinnern uns: Die Rückkehr der Krim nach Russland, die ausufernden Kämpfe in der Ostukraine, Putin an sich – der „Kalte Krieg 2.0“. Da kam der Auftritt der „russischen Rocker“ zum 70. Jahrestag der Kapitulation Hitlerdeutschlands mehr als recht, um Europa in Angst und Schrecken zu versetzen. Die Biker wurden einem Wolfsrudel gleichgestellt, das eine verängstigte Schafherde zur Beute auserkoren hat. Einreiseverbote, Visa-Annullierungen und ein politisches Tamtam sondergleichen waren die Folge. Dieses Jahr gab es eine Neuauflage der Gedenkfahrt. Am 29.April starteten die „Nachtwölfe“ in Moskau. Die gleiche Tour, die selben Stationen, das gleiche Ziel – Berlin.

Verpolte Polenpolitik

Mit 20 seiner Mitstreiter fuhr Alexander Soldastonow in Moskau los, unterwegs sollte der Tross noch weiter anwachsen. Allerdings musste der Chirurg nach Minsk und Brest schon wieder umkehren. Sein Schengen-Visum wurde seit der Ukraine-Krise bis auf weiteres annulliert. Der Rest fuhr hingegen weiter, obwohl er es eigentlich gar nicht hätte dürfen. Polen verweigerte den „Nachtwölfen“ gleich per se die Einreise. Offiziell hieß es aus Warschau, die „Sicherung der öffentlichen Ordnung“ könne nicht gewährleistet werden. Die in den Kreml zitierte polnische Botschafterin hingegen durfte sich anhören, das Einreiseverbot sei eine „zynische Verhöhnung der Opfer im Kampf gegen den Faschismus und werde die bilateralen Beziehungen belasten“.

Findigerweise waren inzwischen die meisten „Nachtwölfe“ schon längst nach Bratislava geflogen und nur einer der „Wölfe“ stand an der Grenze. Unter den Sympathisanten waren allerdings auch Slowaken und Deutsche. Denen wurde der Grenzübertritt gleich mit verwehrt. Polens Verbote waren der Lächerlichkeit preisgegeben, der Bikertross indes frenetisch bejubelt. Die Leitung der Fahrt oblag nun Andrej Bobrowski. Auch er wurde nicht müde zu betonen, dass es sich bei den gefürchteten „Nachtwölfen“ keineswegs um eine kriminelle Vereinigung handele.

Prager Spitzen

Sie alle verbinde die Liebe zu Russland und der Spaß am Motorradfahren. „Alle Männer sind bodenständig, sie lassen nicht einmal den Gedanken an rechtswidrige Handlungen zu.“, sagt der Diplom-Bauingenieur Bobrowski. Er gedenke während der Tour seinen beiden Urgroßvätern, die beide in diesem Krieg gefallen sind. Spontane Unterstützung bekam er von einem polnischen Biker. Der half bei der Regelung von Problemen mit den örtlichen Behörden. Auch die polnischen Bürger zeigten Sympathie für die „Nachtwölfe“. Gemeinsam legten sie in Warschau am Denkmal des unbekannten Soldaten Blumen und Kränze nieder.

Recht unspektakulär, im Gegensatz zum Vorjahr, verliefen die Stationen im tschechischen Brno und Bratislava in der Slowakei. Auch in Wien sprach man sich hinterher löblich über die Aktion am Schwarzenbergplatz aus. Sogar die abgestellte Polizei protokollierte eine „total ruhige Stimmung“. Die Kranzniederlegung an der Gedenkstätte Dachau geschah von der Öffentlichkeit nahezu unbemerkt. In Prag hingegen fiel der Empfang nicht gar so herzlich aus. Rund 100 Demonstranten planten die Weiterfahrt der „Nachtwölfe“ durch eine Sitzblockade am Wenzelsplatz zu verhindern. Dabei skandierten Tschechen gemeinsam mit, na hoppla, Ukrainern: „Geh nach Hause, Ivan!“. Tschechien gehöre dem Westen, so der einstimmige Sermon der Demonstranten.

Die „Neue Rechte“ biedert sich an

Absurd wurde es dann ab der deutschen Grenze bis Berlin. An einer Tankstelle bei Dresden stand bereits „Pegida“-Gründer Lutz Bachmann für einen Fototermin parat. Rein zufällig natürlich, wie er krampfhaft versuchte zu entkräften. Jedoch sah man ihn am Abend in Torgau schon wieder mit den „Nachtwölfen“ posen. Per Twitter sicherte sogleich ein politisch rechtspopulistisch orientierter Herausgeber eines ebensolchen Magazins seine Unterstützung bis Berlin zu. Außerdem wollte man den Korso auf dem Motorrad begleiten. Die „Neue Rechte“ in ihrem Element – „Patrioten aller Länder, vereinigt euch!“

Auch in Berlin selbst verlief alles wie am Schnürchen. Trotz zahlreicher Kontrollen seitens der Polizei, legten die „Nachtwölfe“ gemeinsam mit Veteranen der ehemaligen Sowjetarmee Kränze an den Ehrenmalen der Stadt nieder und feierten, begleitet von hunderten Schaulustigen und Sympathisanten, den endgültigen Sieg über Hitler-Deutschland vor 71 Jahren. Friedlich wohlgemerkt! Wozu also all die Aufregung, die um den Besuch der Russen auf ihren Maschinen geschürt wurde?

Michael Ahlsdorf, Chefredakteur des Fachmagazins „Bikers News“ sieht den Wirbel ganz pragmatisch: „Das macht die Nachtwölfe eigentlich so interessant. Denn das, was da stattfindet, ist eigentlich etwas ganz Normales in der Rocker-Kultur. Es ist ein ‚Memorial-Run‘.“ Deshalb sollte man das Ereignis nicht überbewerten und bräuchte keine Panik schüren.

Der deutsche Boulevard übte sich derweil in Polemik. Von einem „bizarren Auftritt“ war die Rede, davon dass „Putins Rocker“ die Berliner Feierlichkeiten „aufgemischt“ hätten und dass sie „wie Popstars empfangen“ worden waren. Die „Welt“ fürchtete gar eine „politische List“ hinter dem Auftritt der russischen Biker. Und die Berliner Behörden standen vor einem Ausnahmezustand – letztendlich wegen Nichts.

[Michael Barth/russland.RU]

In einem darauffolgenden Gastbeitrag können Sie lesen, wie es sich anlässt, wenn man die „Nachtwölfe“ beherbergt und ob man dabei aufgefressen wird…

Über den Autor

Michael Barth
1961 in Nürnberg geboren und von da aus ab 1979 die große weite Welt erkundet. Die Wege führten anfangs nach Klein- und Mittelasien und waren stets das Ziel. Immer mit im Gepäck, der sehnsüchtige Blick auf die schier unerreichbare UdSSR. Dann fiel der eiserne Vorhang, die Pfade führten nach Nordosten. Durch einen glücklichen Umstand tat sich letztendlich Russland auf. Der berufliche Werdegang verlief zunächst sehr unjournalistisch. Ständig auf der Suche nach neuen Aufgaben und Herausforderungen war nach der Ausbildung zum Kirchenmaler vom Krematoriumsarbeiter bis zum R’n’R Caterer so ziemlich alles dabei, was Abenteuer und Ungewöhnlichkeit versprach. In Russland kam 2008 der Journalismus hinzu. Weltenbummeln und schreiben – perfekt. Zuerst bei einer kleinen Gazette und ab 2012 ernsthaft im Feuilleton bei russland.RU. Seit 2014 dort Chefredakteur.