Die modernen Farben des Krieges

[Von Michael Barth] – Freie Feldschlachten, sich gegenseitig die Köpfe einschlagen – das war einmal. Die Menschen ersonnen Panzer, immer effektivere Gerätschaften um einander zu töten, am Ende waren es Raketen. Atomar waren sie gar. Das zeigte Wirkung. Nicht nur bei denen, die sie besaßen, nein vor allem auch bei denen, die verdammten Schiss davor hatten.

Die Beute jedoch hatte den Braten gerochen, man musste jetzt ganz anders vorgehen. Dann kam den Oberbefehlshabern die grandiose Idee, warum hetzen wir die Menschen eigentlich nicht gegeneinander auf? Inzwischen werden die meisten Konflikte ja gerne als „Volksrevolutionen“ verkauft. Das nennt sich dann in der Regel ganz poetisch „Frühling“. Die Farbe ist dabei egal, mal ist der Frühling weiß, mal orange – Hauptsache Frühling, egal. Hört sich ja auch fröhlich an…

Aber das mit dem Frühling ist auch immer so eine Sache. So richtig rosarot ist er eben doch nicht immer. Besonders nicht dann, wenn sich andere um die Farbe kümmern. Wenn den Farbeimer diejenigen in der Hand halten, deren Interesse an deiner Lebensgestaltung gelegen ist. An der Zukunft deiner Heimat, deines Landes. Man könnte es auch Wohlergehen nennen. Taugt dir nicht? Pech gehabt! Die machen das schon.

Auf dem Farbeimer wird NGO draufstehen. Das ist so ein Anstrich, bei dem man sich als Anstreicher die Hände nicht bekleckert. Versinnbildlicht kauft da eine Regierung in einem Farbenladen vor Ort ein und bestimmt den Farbton. Da fährt dann ein Haufen Leute voll drauf ab. Hauptsache alles wird anders, besser, irgendwie neu. Und die kriegen dann als erstes immer voll auf die Mütze. Denn, und das ist das Kleingedruckte auf dem Eimer, dem Malermeister geht es um etwas ganz was anderes.

Weltweite Farbschlachten mit Leihpersonal

Bei den NGOs geht es nämlich um weit mehr als bunte Lenze. Es geht um den „Krieg der Zivilgesellschaft“. Das Wort ist im Grunde genommen treffend für die letzten Konflikte, die unsere Massenmedien bemüht haben. Eine NGO, das sollte man wissen ist eine „Non Governmental Organisation“, also eine „Nicht-Regierungs-Organisation“. Ergo sucht sich der Farbenhändler genau den Farbton aus, der dem Nachbarn stinkt. In der Regel bringt er dann auch noch eine handvoll Leiharbeiter als Anstreichertruppe von zu Hause mit.

Aber der Fisch fängt immer vom Kopf her das Stinken an. So auch die Interessen der Regierungen. NGOs sind nützlich, sehr nützlich sogar. Da kann man Bürgerkriege mittels eines Farbeimers anzetteln, die sich gewaschen haben. Was hatten wir nicht schon alles an wahren Farbschlachten. So ziemlich ganz Nordafrika, alle waren am Farbeimer zugange. Syrien, Afghanistan, Irak. Der Wahnsinn des Malermeisters kennt keine Grenzen.

Die jeweiligen Staatsführer sind bei derlei Renovierungsaktionen in der Regel immer die ersten Bauernopfer. Wahlweise werden sie mit Schimpf und Schande vom Hof gejagt, manchmal aufgehängt oder wenn es denn so Sitte ist, auch schon mal gepfählt. Hauptsache grausam. Was hat es gebracht? Zerwürfnis, Chaos, Bürgerkrieg. Der Traum von Friede, Freude, Eierkuchen – endgültig ausgeträumt. Der „Krieg der Zivilgesellschaft“, praktisch weil man sich dabei nicht selber die Hände schmutzig macht. Sollen die mal ruhig selbst die Drecksarbeit erledigen. Der eigene Kittel bleibt dabei rein.

Nur Russland lässt sich nicht tünchen  

Dummerweise hat das nur mit Russland noch nicht so ganz geklappt. Versuche waren ja da, so ist das nicht. Sowohl von Innen wie von Außen sollte Russland unterminiert werden. Der beste Einfall seit langem war die Posse um Pussy Riot. Der Westen, wenn auch ohne Hintergrundwissen, fand das von vornherein ziemlich aufregend. Die Russen, um die es schließlich ging, eben nicht. Punkt, so einfach. Von außen wollte es auch noch nicht so richtig klappen. Der Malermeister hat sich aber auch die falschen Pinsel ausgesucht.

Georgien war da mal so eine Idee, wenngleich auch eine Dumme. Das heißt, es hat schon was gebracht. Nämlich Abspaltungen und Zerwürfnisse im Kaukasus. Der russische Bär hat sich jedoch ziemlich unbeeindruckt davon gezeigt. Für ihn war das nicht mehr als eine lästige Fliege, die ihn im Winterschlaf genervt hat. Der damalige georgische Präsident Saakaschwili hat dann auch die Fliege gemacht und Georgien war wieder uninteressant für den Malermeister.

Nun haben wir das gleiche Farbenspiel in der Ukraine. Auch hier werden wieder Menschen von anderen gegeneinander aufgehetzt. Langsam fällt es schwer die Farbtöpfe auseinander zu halten. Blau vermischt sich mit braun, vom Orange, wie die Revolution einst gefärbt wurde ist kaum mehr was übrig und wenn man dann noch weiß, blau und rot dazu gibt, hat man eine brisante Melange. Dem Anstreicher mag es recht sein. Er sitzt schon auf der Lauer, um die Folgeschäden zu kitten. Garantiert nicht ohne Eigennutz.

Somit hat der Begriff „Krieg“ zwar einen neuen Anstrich bekommen – aber er ist grausamer, weil hinterhältiger, als je zuvor. Dessen perfide Fratze kommt mehr denn je deutlich zum Vorschein. Die moderne Kriegsführung hat neue Facetten angenommen, viele, vielleicht sogar die meisten, haben es nur noch nicht erkannt. Wenn man so will: Der 3.Weltkrieg ist bereits in vollem Gange. Traurig aber wahr…

Über den Autor

Michael Barth
1961 in Nürnberg geboren und von da aus ab 1979 die große weite Welt erkundet. Die Wege führten anfangs nach Klein- und Mittelasien und waren stets das Ziel. Immer mit im Gepäck, der sehnsüchtige Blick auf die schier unerreichbare UdSSR. Dann fiel der eiserne Vorhang, die Pfade führten nach Nordosten. Durch einen glücklichen Umstand tat sich letztendlich Russland auf. Der berufliche Werdegang verlief zunächst sehr unjournalistisch. Ständig auf der Suche nach neuen Aufgaben und Herausforderungen war nach der Ausbildung zum Kirchenmaler vom Krematoriumsarbeiter bis zum R’n’R Caterer so ziemlich alles dabei, was Abenteuer und Ungewöhnlichkeit versprach. In Russland kam 2008 der Journalismus hinzu. Weltenbummeln und schreiben – perfekt. Zuerst bei einer kleinen Gazette und ab 2012 ernsthaft im Feuilleton bei russland.RU. Seit 2014 dort Chefredakteur.