Die letzte Vorstellung einer Clown-Legende

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[Von Michael Barth] – Es war sein allerletzter Auftritt am vergangenen Sonntag in Rostow am Don. Am Mittwoch Abend ist Oleg Popow  verstorben. Friedlich in seinem Fernsehsessel eingeschlafen sei er, so teilten russische Medien mit. In den Herzen seiner Anhänger wird Popow jedoch als der „Clown der den Sonnenstrahl einfing“ für immer weiterleben.

Am 31. Juli 1930 erblickte der kleine Oleg Konstantinowitsch Popow in Wirubowo im Oblast Moskau das Licht der Welt. Er erlebte die Gräuel des Großen Vaterländischen Krieges, was vermutlich zu seiner Tiefsinnigkeit beitrug, und wurde im Alter von 14 Jahren während eines Sportfestes vom damaligen Leiter des Moskauer Staatszirkus entdeckt. Ihm verdankte Popow seine Ausbildung an der renommierten Staatsschule für Zirkuskunst in Moskau und er trainierte hart – bis zu zehn Stunden am Tag -, um eines Tages selbst einmal im Zirkus auftreten zu dürfen. Zuvor absolvierte der gelehrige Schüler jedoch eine Schlosserlehre bei der Zeitung „Prawda“ und übte sich in Jonglage und Seiltanzen, bevor er 1955 tatsächlich sein erstes Engagement am legendären Moskauer Staatszirkus bekam.

Weil der junge Popow einen spitzfindigen Humor mitbrachte und diesen auch noch genial pantomimisch unterstrich, avancierte er schon bald zum – wenn man so will – „Ober-Clown“ und begeisterte schon damals das Publikum mit seinen subtilen Späßen.

Angeblich habe er seine erste Stelle nur bekommen, weil ein Akteur krankheitsbedingt ausfiel, aber dann ging es mit seiner Karriere steil nach oben und schon bald war Oleg Popow ebenso berühmt wie Charles Rivel oder Clown Grock. Im Jahr 1959 war Popow bereits so bekannt, dass ihm der „Spiegel“ anlässlich einer der ersten BRD-Tourneen des Moskauer Staatszirkus gleich eine Titelstory widmete. Er sei „der unauffälligste Clown, den man je gesehen habe“, schrieb der Spiegel.

Schon früh einer der Größten im Zirkusrund

Auch dieser „spirituelle Pfiff“, wie es die „Frankfurter Rundschau“ nannte, war es, der ihm 1969 den Titel „Volksheld der UdSSR“ einbrachte. Bereits 1960 erfüllte sich Popows sehnlichster Wunsch – ein Treffen mit dem unvergleichlichen Charlie Chaplin, von dem er bis zuletzt schwärmte. Ihre gemeinsame Sprache sei der Humor gewesen, sollte man später sagen.

1961 trat Oleg Popow im legendären Madison Square Garden in New York City auf. Seine damalige Gage: gerade einmal 25 US-Dollar für ausverkaufte Vorstellungen. 1962 führte der Weg nach Kuba, wo es dann nur noch Kost und Logie für die Auftritte gab. Ab 1972 arbeitete er auch einige Zeit beim Fernsehen, wo er seine eigene Show hatte. Werbeverträge sicherten sein Grundeinkommen.

Erst in den 1980-er Jahren zahlte sich seine Arbeit langsam aus. Er stieg allmählich auf in den damals noch erlauchten Kreis der Rubelmillionäre. Für seine besonderen Verdienste erhielt Oleg Popow im Jahr 1980 den Leninorden von seinem Heimatland. Sein Ansehen als „der besondere Clown“ trug nun endlich auch Früchte. Bereits im darauffolgendem Jahr überreichte ihm Fürstin Gloria in Monaco die Auszeichnung „Goldener Clown“, quasi den „Oscar der Zirkuswelt“, die höchste Anerkennung eines Menschen, der sein Leben dem Zirkus verschrieben hat. 1993 wurde Popow dann endgültig in die „Clown Hall of Fame“ aufgenommen.

Oleg Popow brauchte keine aufwendige Verkleidung, um die Menschen in den Manegen der Welt zu erfreuen. Im Gegensatz zu seinen lebhaften Kollegen genügten ihm seine schwarz-weiß karierte Ballonmütze, eine strohblonde Perücke und die obligatorische knallrote Pappnase. Und er spielte auch nicht den „dummen August“ und auch nicht den sowjetischen Hofnarren der derben Späße. Sein Humor war viel tiefgründiger als man es mit einer starren Maske je vermitteln könnte. Popow schlüpfte in die unscheinbare Rolle des „Hans im Glück“. Es war Popows Begabung, Traurigkeit in Hoffnung zu verwandeln, aber nicht in eine himmelhoch jauchzende, sondern in eine etwas melancholische.

Der Clown, der den Sonnenstrahl einfing

„Es macht mich glücklich, wenn ich sehe, dass die Leute glücklich sind“, erzählte er uns einmal, als wir ihn in seiner fränkischen Wahlheimat Egloffstein besuchten. Auch fand er die kleinen Schmunzler viel wichtiger als die großen Lacher, die nur vordergründig und oberflächlich seien. Und weiß Gott, es steckte eine große Poesie in ihm.
Wenn er seine Bühnenkleidung ablegte, wenn der Privatmensch Oleg Popow zum Vorschein kam, war es dennoch dieser unverkennliche Oleg Popow, den er in der Manege verkörperte. Er schien das Spiel mit den Worten und den Sinnen zu lieben. Kein Satz eines Gesprächs ließ daran zweifeln, einen weisen Grand Seigneur vor sich zu haben, der genau wusste wovon er sprach. Vermutlich machte ihn gerade das zu dem, der er war – der Clown, der den Sonnenstrahl einfing.

Trotz aller Liebe zu seiner Heimat kehrte Popow 1991 der ehemaligen Sowjetunion den Rücken. In den Wirren des Umbruchs verlor Popow viel von seinem angelegten Geld, zudem gab es geschäftliche Querelen.
Während einer Vorstellung in Aschaffenburg lernte er seine spätere Frau kennen und die beiden bezogen ihre Wahlheimat in Oberfranken. Gabi Popow unterstützte ihren Mann als Dolmetscherin und Bühnenpartnerin und hielt ihm den Rücken frei, wo es nur ging. In seine ursprünglichen Heimat wollte Popow eigentlich nie mehr zurückgehen.

Auf die Frage, wann er gedenke sich zur Ruhe zu setzen, antwortete er: „Wozu? Ich habe doch alles was ich brauche. Meine Gelenke sind nicht mehr die Jüngsten, das spüre ich schon. Aber ein Leben ohne die Manege, nein, das kann ich mir nicht vorstellen. Ich genieße hier das gute Essen und das Bier und bei der Arbeit die Gesichter glücklicher Menschen.“
Er genoss sichtlich sein Leben in der Idylle, dort wo andere Urlaub machen, bei seinen Pferden und Hunden, die auch der Stolz seiner Frau sind. Und je länger man mit ihm redete, umso mehr hatte man das Gefühl, dass hinter jedem seiner Worte ein verschmitztes Lächeln steckte, er aber immer ehrlich war.

Zuletzt hat er dann doch noch seine Meinung, nie mehr in Russland auftreten zu wollen, geändert.
Zuerst kam es 2015 zu einem Gastauftritt am Schwarzen Meer in Sotschi und danach folgten Auftritte im berühmten Zirkus in St. Petersburg Anfang dieses Jahres. Die Russen hatten ihren Oleg Popow nach einem Vierteljahrhundert wieder.
Nun hat er während einer Tournee in Rostow am Don die Manege verlassen, um künftig im ganz großen Zelt zu spielen. Und auf unzählige zufriedene und glückliche Gesichter zu blicken, für die der Name Oleg Popow unsterblich ist.

[Michael Barth/russland.RU]

 

Über den Autor

Michael Barth
1961 in Nürnberg geboren und von da aus ab 1979 die große weite Welt erkundet. Die Wege führten anfangs nach Klein- und Mittelasien und waren stets das Ziel. Immer mit im Gepäck, der sehnsüchtige Blick auf die schier unerreichbare UdSSR. Dann fiel der eiserne Vorhang, die Pfade führten nach Nordosten. Durch einen glücklichen Umstand tat sich letztendlich Russland auf. Der berufliche Werdegang verlief zunächst sehr unjournalistisch. Ständig auf der Suche nach neuen Aufgaben und Herausforderungen war nach der Ausbildung zum Kirchenmaler vom Krematoriumsarbeiter bis zum R’n’R Caterer so ziemlich alles dabei, was Abenteuer und Ungewöhnlichkeit versprach. In Russland kam 2008 der Journalismus hinzu. Weltenbummeln und schreiben – perfekt. Zuerst bei einer kleinen Gazette und ab 2012 ernsthaft im Feuilleton bei russland.RU. Seit 2014 dort Chefredakteur.