Die Krim und der Champagner Teil 3 – Jedes Löwen Macht hat ein Ende

Fast zehn Jahre lang experimentierte das Energiebündel unermüdlich mit den unterschiedlichsten Sorten, Herstellungsverfahren und Lagerungsarten.

In den Kellern und Grotten legte er Archive der heimischen Produktion an – inklusive der besten Marken der französischen Konkurrenz.

Es kristallisierten sich fünf Rebsorten heraus, die Frankreichs Winzer herausfordern sollten – die Roten Pinofran und Cabernet Sovignon sowie die Weißen Chardonnet, Aligote und Riesling.

Der junge Wilde war inzwischen auch Chefwinzer im drei Kilometer östlich von Jalta gelegenen Dorf Massandra geworden. Seit Woronzows Zeiten wurde dort mit den Trauben Semillon, Aligote, Pedro Ximinez und Pinot Wein hergestellt. Da man in den Kellern bei Massandra optimale Lagertemperaturen gemessen hatte, ließ der Neue den bisher größten Weinkeller Russlands anlegen – einen siebenarmigen Stern mit jeweils 150 m Länge, vier bis fünf Meter breit. Das geschah im Jahre 1894

massandra-weinkeller183Ferner pflegte Lew Kontakte zu französischen Salons und hatte es zum Vizevorsitzenden im Expertenkomitee der jährlich in Paris stattfindenen Wein-Welt-Ausstellung gebracht. Zuhause auf der Krim gerieten die Weine immer vorzüglicher, wie die Experten neidlos anerkannten. Die Marke K-4 des Jahres 1899 war so köstlich, dass sie dem russischen Schampanskoje zweierlei Triumph brachten.

Sie erhielt den Grand Prix auf der Pariser Weinmesse des Jahres 1900, und sie verleitete den Grafen Chandon vor den Gästen einer ihm zu Ehren gegebenen Gala zu einer leichtsinnigen Aussage. Dieser Wein, so der Weinproduzent, sei von derart hoher Qualität, dass er nur aus Frankreich kommen könne. Der Ehrengast unserer Geschichte, sich nach alter Familientradition Fürst nennend, stand danach unverzüglich auf – groß, bärtig und mähnig: „Ich bin Ihnen, Graf, sehr denkbar, meinen Wein zu loben, aber er wurde auf meinem Gut Nowij Swet gemacht, nicht in Frankreich.“ Zu Ehren des Grafen war natürlich der Jahressieger serviert worden.

twerskaja220So nannte man Lew ab 1900 den ‚Vater des Krimsektes‘. Der russische Autor Wladimir Giljarowski schrieb über ihn: „Niemals fürchtete er irgendjemand.“ Kutscher riefen sich „der wilde Fürst“ zu, wenn sie den begehrten Gast sahen. Beflügelt vom Erfolg sah er Russlands zukünftigen Reichtum in der Weinherstellung – wenn denn alle zusammen arbeiteten. Fast prophetisch formulierte er: „Wenn unsere Generation dieses Ziel verfehlt, werden es unsere Kinder erreichen.“ Nun werden es frühestens die Urenkel richten können.

Sein Credo für das zwanzigste Jahrhundert lautete: Der Wert eines Mannes ist gleich dem Wert seines Weines. Wohl nur Außenstehende durften erkennen, dass er auf den Konflikt seines Lebens zusteuerte: Guter-Wein-für-Alle! gegen Wer-soll-das-bezahlen?

Die teuren – da wegetechnisch zu lang – Kellerbauten und die riesige Degustationshalle mit künstlerischem Interieur auf seinem ‚Neuen Licht‘, seine Liebe zum Schampanskoje und letztendlich die unrentablen Verkäufe in Moskauer Geschäften, das bekannteste von ihnen in der ‚uliza twerskaja‘, schufen Probleme – der Rubel rollte schlecht.

Um den kommerziellen Abstieg nicht besorgt rettete der ‚König der Experten‘ sein Werk im Krim-Paradies auf nicht ungeschickte Weise – ja geradezu elegant. Er schenkte dem verdutzten Zaren Nikolaus II. das Gut mit folgenden Worten: „Eure Hoheit, ich habe zwei Töchter, was nichts Besonderes ist, aber darum geht es nicht. Ich habe einen Sohn – einen ungesetzlichen. Eure Hoheit, adoptiert ihn. – Pause – Dieser Sohn ist Nowij Swet“. Der Zar nahm den Sohn an. Ebenfalls erfüllte er des Schenkers ‚Auflage‘, eine Villa mit zwanzig Zimmern für Wissenschaftler zu errichten, damit diese vor Ort weiter die Probleme des Weinbaus erforschen und klären konnten.

Im Sommer 1912 kam Nikolaus mit seiner Familie nach Nowij Swet zur freundlichen Übergabe. Dabei soll er seinen Vorgänger auf dem Gut gefragt haben, ob er sich jetzt noch als freier Mann fühle? „Ja, Zar, ich bin ein freier Mann. Vielleicht, weil es Ihre und nicht meine Vorfahren waren, die vor 300 Jahren die russische Krone annahmen“, antwortete der Fürst. Diese für damalige Verhältnisse dreiste Antwort rief im Abkömmling der Romanows keinen Zorn hervor. Er wusste vom schäumenden Charakter des familiär Gleichgestellten. Gut drei Jahre später starb der Löwe von der Krim im Januar 1916 an einer Lungenentzündung.

Nach der Revolution mauerten die Kellermeister die Tunnel der Weinlager zu, um wenigstens dem ersten Durst der Befreier widerstehen zu können. Seinen Gebeinen in der Familiengruft ging es schlechter als dem schwachprozentigem Sohn – der Sektdestille in Nowij Swet.

Die Krim und der Champagner Teil 4

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