Die islamische Welt, der Westen und Russland

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Von Dr. Christian Wipperfürth. Moskau und der Westen vertraten im arabisch-islamischen Raum häufig unterschiedliche Ansichten über die Hintergründe und Auswirkungen dortiger Krisen und Umbrüche:

Russland lehnte 2003 den Irakkrieg ab und verstärkte ab etwa 2005 seine Kritik an der seines Erachtens verfehlten Afghanistanpolitik Washingtons. Anfang 2011 war Moskau im Gegensatz zum Westen nicht etwa euphorisch, sondern zutiefst skeptisch über die Aussichten des „Arabischen Frühlings“. Einige Monate später schloss sich Moskau nur sehr zögernd der westlichen Haltung im Kampf zwischen der damaligen libyschen Führung unter Muammar al-Gaddafi und der Opposition an. Seit Sommer 2011 kritisiert Russland die westliche Politik lautstärker denn je. Das Verhältnis wird scheinbar nahezu ausschließlich von Konkurrenz, wenn nicht Gegnerschaft geprägt. Die Fronten sind aber keineswegs so klar, wie es in der medialen Darstellung scheint:

Der Westen war sich in entscheidenden Fragen keineswegs einig.

Insbesondere die Haltung Deutschlands bewegte sich zwischen den Polen Washington und Moskau. Mitunter neigte Berlin der einen, mal der anderen Seite zu: 1.    Deutschland lehnte den Irakkrieg grundsätzlicher ab als alle anderen großen Mächte, grundsätzlicher als Frankreich oder Russland.

  1. Nach 2003 stellten sich die USA und Russland in Zentralasien immer wieder ein Bein. Auf der anderen Seite jedoch spielte Russland eine entscheidende und konstruktive Rolle, den deutschen Transit von und nach Afghanistan sicher zu stellen.
  2. Deutschland enthielt sich bei der entscheidenden Libyen-Resolution des Weltsicherheitsrats, ebenso wie Russland und im Unterschied zu den westlichen Partnern.
  3. Mitte 2013 wurde der Einsatz von Chemiewaffen im syrischen Bürgerkrieg bekannt. Deutschland lehnte hierbei ab, in der NATO einen möglichen militärischen Einsatz auch nur zu diskutieren. Die Bundeskanzlerin verweigerte sich auch der Syrien-Erklärung auf dem G20-Gipfel in St. Petersburg, die von allen anderen NATO-Partnern unterzeichnet worden war.
  4. Deutschland zögerte erkennbar – anders als die großen westlichen Verbündeten – die syrische Opposition als einzigen legitimen Vertreter des syrischen Volkes anzuerkennen.

Deutschland vertrat – in der Regel dezent, aber spürbar – eigene Positionen. S. hierzu http://www.cwipperfuerth.de/2013/09/deutschland-als-mittler-zwischen-dem-westen-und-russland/ sowie http://www.cwipperfuerth.de/2013/09/deutschland-in-aktion-mittler-zwischen-dem-westen-und-russland)

Elemente der westlich-russischen Konkurrenz nahmen seit 2003 und insbesondere seit 2011 spürbar zu, in einigen zentralen Fragen wurde gleichwohl kooperiert.

  1. Für den westlichen Afghanistan-Transit, auch den amerikanischen, war die Kooperation mit Russland selbst noch nach dem Ausbruch der Ukrainekrise unverzichtbar. (S. z.B. http://www.cwipperfuerth.de/2014/08/russland-der-westen-und-afghanistan-und-die-ukrainekrise/)
  2. Die syrischen Chemiewaffen konnten nur aufgrund der westlich-russischen Kooperation unschädlich gemacht werden. Deutschland spielte hierbei aufgrund seiner Glaubwürdigkeit und technischen Möglichkeiten eine zentrale Rolle.

Es gibt derzeit sowohl Anzeichen für eine Verschärfung der amerikanisch-russischen Spannungen hinsichtlich Syriens, aber auch ernst zu nehmende Anzeichen für eine verstärkte Kooperation. In Kürze werde ich mich hierzu äußern.

Über den Autor

Dr. Christian Wipperfürth
Arbeitet als Freier Publizist, Er hat zuvor für das Europäische Parlament bzw. den Deutschen Bundestag gearbeitet und Internationale Beziehungen an der Universität in St. Petersburg gelehrt.