Die Helden von Tschernobyl

Für seinen Einsatz in Tschernobyl hat Lew Falkowsky wie abertausende andere Sowjet-Bürger sein Leben riskiert. Im Juni 1986 wurde er als sogenannter Liquidator auf das verseuchte Gelände am Kernkraftwerk von Tschernobyl geschickt.

Wenige Wochen zuvor, am 26. April 1986, war dort der Reaktor Nummer 4 explodiert. Eine radioaktive Wolke zog Richtung Europa. Und in Tschernobyl selbst strahlte der Reaktor vor sich hin. Falkowsky hat nach seinem Einsatz mit schweren Gesundheitsproblemen zu kämpfen. Doch wie andere Liquidatoren, die Tschernobyl überlebt haben, würde auch er sich der Gefahr wieder aussetzen.

„Ich bereue nicht, dass ich dorthin gegangen bin“, sagt der heute 73-Jährige. „Ich bedaure, dass ich meine Gesundheit verloren habe, aber das war meine Arbeit.“ Falkowsky macht seit seiner Tätigkeit als Liquidator das Herz zu schaffen. Verantwortlich dafür sind nach Ansicht seiner Ärzte die starken Medikamente, die er gegen die hohe Strahlenbelastung einst bekam. „In Tschernobyl waren die Liquidatoren einer Strahlendosis ausgesetzt, die weit über dem Normwert lag“, sagt er.

Die Arbeiter wie Falkowsky standen nach der schwersten Atomkatastrophe der Geschichte vor einer unlösbaren Aufgabe: Sie sollten die Folgen der Reaktorexplosion „liquidieren“, bauten einen Schutzmantel um den strahlenden Block des Kraftwerks und sollten die auch heute noch weiträumig abgeriegelte Umgebung in der heutigen Ukraine dekontaminieren.

Für ihren selbstlosen Einsatz werden die Likwidatori, wie sie im Russischen heißen, zwar als Helden gefeiert. Doch um finanzielle Beihilfe müssen sie kämpfen: Erst am Mittwoch demonstrierten in der ukrainischen Hauptstadt Kiew dutzende Menschen gegen die Pläne der Regierung, die Leistungen für Liquidatoren zu kürzen. Schätzungen zufolge dürften schon zehntausende der Katastrophenhelfer als direkte Folge ihrer Arbeit gestorben sein. Genaue Zahlen gibt es aber nicht.

In Japan sind es rund 50 Techniker des Unglückskraftwerks Fukushima 1, auf denen wenige Wochen vor dem 25. Jahrestag der Katastrophe von Tschernobyl die Hoffnung der ganzen Nation ruht. Anders als die sowjetischen Liquidatoren haben die japanischen Arbeiter wenigstens noch die Chance, unter dem Einsatz ihres Lebens den drohenden GAU zu verhindern. Doch wo technisches Gerät wegen der hohen Strahlenbelastung versagt, ist auch die Gefahr für die Gesundheit der Techniker groß. Welche Schäden sie davontragen werden, ist nur erahnbar.

Doch der drohenden Katastrophe wollen sich auch weitere Japaner stellen. Die japanische Betreibergesellschaft suchte händeringend nach 20 Freiwilligen, die helfen, das Schlimmste abzuwenden. Einige Bewerbungen seien bereits eingegangen, berichtete die Nachrichtenagentur Jiji. Darunter soll auch ein 59-Jähriger sein, der kurz vor seiner Rente steht. Das schreibt jedenfalls die Tochter des Mannes auf Twitter: „Ich habe gegen die Tränen gekämpft, als ich gehört habe, dass mein Vater, der in einem halben Jahr pensioniert werden soll, sich zur Mithilfe bereit erklärt hat.“

Igor Ostrezow kann die Einsatzbereitschaft gut verstehen. „Natürlich würde ich zurückkehren“, sagt der 72-Jährige, der wie Falkowsky Liquidator in Tschernobyl war. Er habe von der hohen Strahlenbelastung, der er sich damals aussetzte, gewusst. „Bevor ich dorthin gefahren bin, habe ich alles was ich konnte über das Thema gelesen und versucht, alle Vorsichtsmaßnahmen einzuhalten“, sagt er. Noch immer bewahrt er den kleinen laminierten Ausweis auf, der ihm damals den Zutritt in die Sperrzone ermöglichte. „Ich bedaure nichts. Ich bin stolz auf alles.“

Mit der Katastrophe hat sich aber sein Blick auf die Atomenergie verändert. „Atomenergie sollte es in der modernen Welt nicht geben“, sagt Ostrezow, der nach Tschernobyl an Krebs erkrankte. „Ich hoffe, dass die Ereignisse in Japan die Menschen wachrütteln und die Menschen die Gefahren verstehen.“