Die Fesseln fallen

image_pdfimage_print

Das war´s dann wohl. Mit dem Rücktritt von Michail Chodorkowski vom Platz an der Spitze des russischen Erdöl-Riesen „JUKOS“ dürfte die letzte Messe gesungen sein. Die Fesseln fallen und das an mehreren Stellen zugleich: Der nun ehemalige Konzernboss wird zum doppelt freien Unternehmer – frei von den Handschellen und frei von der Last der Verantwortung und der Aktien, denn schließlich hat er seinem Kumpel Niswin in Israel sein 50prozentiges Aktienpaket an der Menatep-Gruppe mehr oder weniger kostengünstig vermacht.

Menatep wiederum ist mit über 60 Prozent an JUKOS beteiligt. Der geläuterte Ex-Manager will sich nun mit genzer Kraft der firmeneigenen Wohltätigkeitsstiftung widmen. Recht so, damit hat er etwas zu tun und muss sich nicht arbeitslos melden.

Mit seinem mehr oder weniger freiwilligen Rückzug aus dem spannenden Geschäftsleben sollte Chodorkowski auch weitere Fesseln gelöst haben, nämlich die um die von der Staatsanwaltschaft beschlagnahmten Aktien.

Die Börse reagierte sofort und ließ die JUKOS-Papiere am gestrigen Tag um fast dreizehn Prozent nach oben schießen und mit ihr andere wichtige Industriewerte. Des weiteren fallen die Fesseln, die JUKOS und SIBNEFT während der letzten Monate daran hinderten, gemeinsam neue Ölmärkte zu erobern.

Alles in allem dürfte nun recht bald wieder Ruhe ins politische und wirtschaftliche Leben Russlands einkehren. Obwohl eigentlich nichts Ungewöhnliches passiert ist. Es wurden nur die Gesetze angewendet, die für alle gemacht sind.

Im Westen wurde das ebenfalls so gesehen und die JUKOS-Affäre zum innerrussischen Sonderfall erklärt, der die Beziehungen in keiner Weise belastet. Business as usual.

Dafür war die russische Geschäftswelt alarmiert. Schon nach der Verhaftung von JUKOS-Vizeboss Lebedjew hatten die Unternehmer aufgebracht an Präsident Putin geschrieben und den Teufel wirtschaftlichen Niedergangs an die Kremlwand gemalt. Aber mit jedem Brief wurde der Ton sanfter und bittender.

Einige der Ober-Unternehmer, wie Medienboss Gussinski oder der Pionier der ersten Reformstunde Beresowski haben ihr Heil in der Flucht gesucht.

Aus seinem englischen Politasyl hat sich Beresowski per Fernsehen gewundert, warum die Staatsmacht überhaupt gegen JUKOS vorgeht: „In den ersten Reformjahren haben doch alle geklaut und es hat ja niemand etwas dagegen unternommen. Was heißt überhaupt gestohlen? Wir haben die Gesellschaft umgebildet, wie das bei jeder Revolution vorkommt. Dass nun viele zusehen müssen, wie sie ihre Familien ernähren, ist eine unausweichliche Folge dieser Revolution.“

Das Kapitel JUKOS ist nun offensichtlich zu Ende und alle können wieder an die Arbeit gehen – bis auf Chodorkowski natürlich. Pünktlich zum Start der letzten Etappe des Parlaments-Wahlkampfes, einen Monat vor der Abstimmung kann sich nun das Lager des Präsidenten wieder jenen Themen zuwenden, die ihnen Wählerstimmen bringen sollen: Wirtschaftswachstum, Reformen sowie Recht und Ordnung. Dazu passt natürlich die JUKOS-Entfesselung geradezu ideal.
Chodorkowski sei dank. (hh/.RU)