Die Deutschen aus Russland – Fragen der Erinnerungskultur. Eine Podiumsdiskussion mit Irina Tscherkasjanowa in Berlin

Berlin – Vor 250 Jahren begann mit dem so genannten Einladungsmanifest der russischen Kaiserin Katharina II. (der »Großen«) vom 22. Juli 1763 die Geschichte der Russlanddeutschen. Heute leben nach offiziellen Angaben noch etwa 400 000 Deutsche in Russland. In Deutschland sind es um die 2,5 Millionen Menschen russlanddeutscher Herkunft, die mit ihrer Erfahrung aus ihrer vor allem im vergangenen Jahrhundert tragischen Geschichte Bestandteil der bundesdeutschen Realität geworden sind.

Die Erinnerung an zwei Weltkriege, Deportation, Zwangsarbeit, Diskriminierung, aber auch an die positiven Erfahrungen, die die Russlanddeutschen während ihrer langen Geschichte an der Wolga, am Schwarzen Meer und anderswo im großen russischen Reich und später in der Sowjetunion machten, schließlich die gemeinsam erlebte Übersiedlung nach Deutschland sind die Grundlage für die Identität jener Menschen, die sich von der Gesamtgesellschaft in Deutschland als Gruppe noch immer wenig verstanden fühlen.

Ein noch immer nicht erschöpfend erforschtes und – was ebenso wichtig ist – im historischen Bewusstsein der Bevölkerung noch wenig verankertes Thema ist das Schicksal der Generationen von Russlanddeutschen, die den Zweiten Weltkrieg erlebten.

Die St. Petersburger Historikerin Irina Tscherkasjanowa, die selbst aus einer russlanddeutschen Familie stammt, hat die Geschichte der deutschen Bewohner Leningrads und des Leningrader Gebiets in den Jahren 1941 bis 1955 erforscht und damit ein Thema aufgegriffen, das besonders komplex und schmerzhaft ist, da es unmittelbar die symbolisch und geschichtspolitisch belastete Geschichte der Blockade Leningrads durch die Deutsche Wehrmacht berührt. Für ihren Beitrag zur Erforschung und gesellschaftlichen Aufarbeitung dieses Themas wird sie am 17. Oktober 2013 gemeinsam mit Ewa Chojecka mit dem Georg Dehio-Kulturpreis 2013 ausgezeichnet.

Es diskutieren:

Irina Tscherkasjanowa, Historikerin, St. Petersburg Katharina Neufeld, Direktorin des Museums für russlanddeutsche Kulturgeschichte, Detmold Viktor Krieger, Historiker, Heidelberg Moderation: Victor Dönninghaus, Historiker, Lüneburg

Dr. Viktor Krieger, geboren 1959 im Gebiet Dschambul, Kasachstan, studierte in Nowosibirsk und promovierte an der Akademie der Wissenschaften in Alma-Ata (Kasachstan) über deutsche Siedler zur Zarenzeit. 1991 siedelte er nach Deutschland über und ist seit 1999 als Projektmitarbeiter an der »Forschungsstelle für Geschichte und Kultur der Deutschen in Russland« und Lehrbeauftragter am Seminar für Osteuropäische Geschichte der Universität Heidelberg tätig.

Dr. Katharina Neufeld wurde 1951 in Russland geboren. Nach dem Studium der Geschichte an der Universität Samara (damals noch Kujbyschew) unterrichtete sie von 1975 bis 1997 als Lehrerin und Hochschuldozentin Geschichte. 1997 siedelte sie nach Deutschland über. Seit 1999 ist sie Direktorin des Museums für russlanddeutsche Kulturgeschichte in Detmold, dem ersten und bisher einzigen Museum der Russlanddeutschen in Deutschland zur Dokumentation und Präsentation ihrer Geschichte und Kultur im internationalen Kontext von Migration und Integration.

Dr. Irina Tscherkasjanowa, in Karaganda (Kasachstan) in einer russlanddeutschen Familie geboren, studierte an der Staatlichen Universität Karaganda Geschichte und arbeitete als Lehrerin in Nowosibirsk. Seit 1982 beschäftigt sie sich intensiv mit der Geschichte der Russlanddeutschen. Nach ihrem Umzug nach Omsk arbeitete sie zunächst als wissenschaftliche Mitarbeiterin im Omsker Staatlichen Museum und promovierte an der Omsker Staatlichen Universität mit einer Arbeit zum Thema »Deutsche Schulen in Sibirien seit dem Ende des 19. Jahrhunderts bis 1938«. Seit 1994 lebt und arbeitet sie in St. Petersburg. Sie ist Vorstandsmitglied der Internationalen Assoziation der Forscher russlanddeutscher Geschichte und Kultur.

Prof. Dr. Dr. h.c. Victor Dönninghaus, Jahrgang 1964, promovierte 1993 an der Universität Dnepropetrowsk (Ukraine) mit einer Arbeit über die »Nationalitätenpolitik auf der Krim 1921-1925«. 2006 folgte die Habilitation an der Universität Freiburg. 2009 bis 2013 war er als kommissarischer bzw. stellvertretender Direktor des Deutschen Historischen Instituts in Moskau tätig. Seit April 2013 ist er Wissenschaftlicher Mitarbeiter am Institut für Kultur und Geschichte der Deutschen in Nordosteuropa e. V. in Lüneburg

Eine Begleitveranstaltung zum Georg Dehio-Kulturpreis 2013 des Deutschen Kulturforums östliches Europa, in Zusammenarbeit mit dem Nordost-Institut – Institut für Kultur und Geschichte der Deutschen in Nordosteuropa e.V., Lüneburg, dem Integrationshaus Lyra e.V., Berlin, und dem Bezirksamt Marzahn-Hellersdorf

Termin: 18.10.2013 Uhrzeit: 18:00

Veranstaltungsort: Rathaus Marzahn-Hellersdorf, Rathaussaal, 2. Etage Alice-Salomon-Platz 3 12627 Berlin

Veranstalter: Deutsches Kulturforum östliches Europa Telefon: (0331) 200980 a.werner@kulturforum-ome.de www.kulturforum.info

Foto: (c) Deutsches Kulturforum östliches Europa e.V.

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