Die Chruschtschow-Häuser müssen fallen

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In Moskau wird der Stil der Gebäude mit den Namen der zu ihrer Bauzeit Herrschenden bezeichnet. Die für die Stadt typischen und auch einmaligen sind die spitztürmigen Stalinhochhäuser, gebaut im „Stalin‘schen Zuckerbäckerstil“, wissenschaftlich Stalinempire, am Ende der Stalinzeit.

Die berühmtesten sind die Lomonossow-Universität, das russische Außenministerium, das Wohnhaus an der Kotelnitscheskaja-Uferstraße und das ehemalige Hotel Ukraine. Dort wohnen zu können, ist heiß begehrt und heute fast unbezahlbar.
Aber auch acht- bis zehnstöckige Wohnhäuser mit guter Substanz gibt es aus der Stalinzeit, ebenso dekorativ wie die Hochhäuser.

Nach Stalin kam der Bauernsohn Nikita Sergejewitsch Chruschtschow. Er wollte schnellstmöglich die Wohnungsnot beheben, für ihn war das Motto „Masse statt Klasse“, – wobei das relativ war, denn aus damaliger Sicht waren die teilweise riesigen Baukomplexe mit nicht selten 1000 Wohnungen, die fast immer Bad, Toilette und Küche hatten sehr gesucht. Man darf nicht vergessen, dass in Moskau ein Großteil der Menschen in sogenannten Kommunalkas lebte. Das sind ehemalige große bürgerliche oder herrschaftliche Wohnungen, in deren Zimmern jeweils eine Familie lebte und alle gemeinsam dasselbe Bad und dieselbe Küche benutzten.

Die Chruschtschow-Häuser hatten den Nachteil, dass sie schnell gebaut und weder gegen Temperatur noch Geräusche isoliert waren. Es waren meist schnell hochgezogene fünf- bis achtstöckige, dünnwandige Häuser. Damals war das kein Problem: alle Häuser waren an das Fernwärmenetz angeschlossen und die Temperatur wurde über das Öffnen der Fenster geregelt – es war ja alles umsonst. Dass man den Nachbar so gut hörte, war auch nicht tragisch, denn man war gemeinschaftliches Zusammenleben gewohnt.

Mit fortschreitenden zivilisatorischen Ansprüchen wurde es aber zum Problem. Die Häuser entsprechen heute bei Weitem nicht mehr den Ansprüchen.

Wie die Nachrichtenagentur TASS berichtet, hat der Moskauer Oberbürgermeister Sobjanin ein Programm initiiert, wonach die fünf-stöckigen Chruschtschowhäuser abgerissen und stattdessen neue gebaut werden sollen.

Es werden nur dort die Häuser abgerissen und Ersatz gebaut, wo sich die Mehrheit der Bürger dafür aussprechen. Auf die Bewohner werden keine Kosten zukommen. Die, deren Wohnung ihr Eigentum ist, erhalten eine neue Wohnung zum Besitz. Für die, die noch nach dem alten System kostenlos in einer Wohnung leben, gilt das Gleiche. Die, die ihre Wohnung noch nicht (ebenfalls kostenlos) privatisiert haben, können die neue Wohnung zu den gleichen Bedingungen privatisieren, d.h., sie bekommen die neue Wohnung geschenkt.

Die neuen Wohnungen haben jeweils die gleiche Zimmeranzahl, sind jedoch  zwischen acht und zehn Quadratmetern (ca. 20 %) größer. Bad, Toilette und Küche werden den neuesten Standards entsprechen.

Nach vorläufigen Schätzungen sollen etwa 25 Millionen Quadratmeter Wohnung, entsprechend 7.500 Häusern, in denen 1,6 Millionen Menschen leben, abgerissen und neu gebaut werden.

[Hanns-Martin Wietek/russland.news]

Über den Autor

Hanns-Martin Wietek
Arbeitet als freier Publizist für russische Literatur und Geschichte für verschiedene Medien. Literaturkritiker für buechervielfrass.de und russland.RU. Seit 2003 bei russland.RU zuständig für Kunst und Kultur und stellt russische Künstler vor.