Die Arktis – ein neuer Hotspot?

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Die an Ressourcen reiche arktische Landmasse erregte schon zu sowjetischen Zeiten die russische Aufmerksamkeit. Das Thema wurde nicht nur im Politbüro, sondern auch in anderen Bereichen aufgegriffen, zum Beispiel in der Literatur und im Kino. Im Jahr 1972 stieß in dem berühmten Fantasy-Abenteuerfilm Sannikow-Land – nach dem von einem russischen Geologen im Jahr 1926 veröffentlichten gleichnamigen Roman – eine Arktis-Expedition in der lebensfeindlichen Eiseskälte auf eine bewohnte Insel, auf der Gold gefunden und abgebaut wurde. Heutzutage verbindet man die Arktis überwiegend mit den Kohlenwasserstoffen Öl und Gas, doch denken immer noch viele Russen zuerst an die nie versiegende Quelle von Bodenschätzen aller Art, wenn sie Richtung Nordpol blicken. Der Mythos des eisigen und trotzdem reichen Nordens wurzelt tief in der russischen Seele. Kein Wunder also, wenn die aktuelle Arktispolitik wie ein kollektives “Die Arktis muss russisch bleiben!“ klingt.

Mittlerweile wird das Thema Arktis mehr und mehr politisiert. Obwohl dieser Bereich für den Kreml sehr sensibel ist, strebt die russische Regierung einen konstruktiven Dialog mit den anderen Anrainerländern zur arktischen Zusammenarbeit an. Während des 4. Arktik-Forums Die Arktis: Territorium des Dialogs im März 2017 in Archangelsk hat der russische Präsident Wladimir Putin prognostiziert, dass zukünftig fast dreißig Prozent aller weltweit vorhandenen Kohlenwasserstoffe in dieser Region gefördert werden sollen. Bis zum Jahr 2014 hat Moskau seine Präsenz in der Region schrittweise verstärkt, um dieses Potenzial nutzen zu können. Jedoch geschah das noch zu Zeiten der Dreistelligen Ära, als die Preise für ein Barrel Öl über 100 Dollar lagen.

Aus dem Gasprom-Konzern, der die Entwicklung der arktischen Infrastruktur aktiv fördert, hieß es damals, dass die Öl-Förderung unter solch schwierigen Bedingungen erst ab einem Barrel-Preis von 80 Dollar und mehr rentabel sein könne. Obwohl die Ölpreise inzwischen wieder steigen, ist die Situation auf dem Ölmarkt von dem 80-Dollar-Niveau weit entfernt. Dennoch hat der Kreml vor zwei Jahren wieder begonnen, seine Präsenz in der Region weiter auszubauen. Warum?

Schon seit Jahren schlägt die russische Regierung die sogenannte Nord-Ost-Passage als kürzere Alternativ-Route nach Asien vor. Mit dem Abschmelzen der nördlichen Polkappe wächst die Bedeutung dieses Projektes kontinuierlich. Um diese Region effektiver bewirtschaften zu können, muss Russland alle entsprechenden Territorien zu seinem Eigentum erklären, was bis heute noch nicht gelungen ist. Meiner Ansicht nach ist das Projekt Nord-Ost-Passage sogar wichtiger als die Summe aller dort lagernden Kohlenwasserstoffe, da im Gegensatz zu den instabilen Öl- und Gaspreisen die Einnahmen aus Transitgebühren für Handelsschiffe stetig steigen werden. Darüber hinaus kann man behaupten, dass für Moskau die Kontrolle über diese Handelsroute langfristig bedeutsamer ist, als die Menge der sich dort befindlichen Öl- und Gasvorräte. Deswegen hat Russland bei den Vereinten Nationen schon zwei Mal, in den Jahren 2000 und 2007, seinen Anspruch auf den Lomonossow-Rücken angemeldet, der, falls die UN diesen Anspruch bestätigt, das russische Gesamtterritorium maßgeblich vergrößern würde.

Aber nicht nur aus wirtschaftlichen Gründen versucht der Kreml das arktische Territorium mit allen Mitteln der Diplomatie für sich zu beanspruchen. Moskau unterhält mehrere Militärstützpunkte in der Region, die russische Interessen schützen sollen, wenn andere Mittel nicht mehr zur Verfügung stehen. Nach dem Besuch des russischen Vizepremiers Rogosin auf Spitzbergen im Arktischen Ozean, hat der Westen, vor allem Norwegen, diesen Schritt der russischen Regierung sehr negativ bewertet, was jedoch die Position des Kremls nicht geändert hat. In diesem Zusammenhang darf man den geopolitischen Aspekt des Problems nicht aus den Augen verlieren, da der kürzeste Weg ballistischer Raketen von Nordamerika aus nach Russland über die Arktis führt. Deswegen besteht heute das Risiko einer rasanten Militarisierung der Arktis. Noch ist Russland in der Region militärisch betrachtet am stärksten präsent, ob sich der Kreml das weiterhin leisten kann, bleibt angesichts seines Engagements im Ukraine- und Syrien-Konflikt fraglich.

Unbestritten ist, dass die Arktis wegen ihrer Energievorkommen, Bodenschätze und maritimen Möglichkeiten für Russland ein riesiges Potenzial birgt. Aber die nachhaltige Entwicklung dieser Region wird maßgeblich davon abhängen, wie der Kreml seine Interessen durchsetzen will. Ob er im Einklang mit dem Völkerrecht, wie durch die UN vorgegeben, oder emotional wie in der Ostukraine handeln wird. Folglich kann sich die Arktis in den nächsten Jahren entweder zu einem neuen Konfliktherd unbekannten Ausmaßes entwickeln – oder zu einer partnerschaftlich verwalteten Region, in der man die internationale Zusammenarbeit vertiefen kann.

[Michail Feldman/russland.NEWS]