Deutsche Werkzeugmaschinen in Russland gefragt

Rekordbeteiligung deutscher Unternehmen an der "Metalloobrabotka 2014" trotz Konjunkturschwäche

image_pdfimage_print

[Von Ullrich Umann Moskau-gtai] – Der russische Markt für Werkzeugmaschinen bietet deutschen Herstellern 2014 ein widersprüchliches Bild: einerseits verschlechtert sich die Wirtschaftslage, andererseits ist das Interesse russischer Maschinenkunden so hoch wie nie. Dies wurde auf der Moskauer Fachmesse „Metalloobrabotka“ im Juni 2014 deutlich. Derweil stellt der Staat zur Modernisierung des russischen Maschinenbaus Zuschüsse in Milliardenhöhe bereit.

Der deutsche Werkzeugmaschinenbau hat 2014 in Russland keinen leichten Stand. Die meisten deutschen Hersteller verzeichnen einen rückläufigen Auftragseingang. Nach Angaben von Dr. Wilfried Schäfer, Geschäftsführer des Vereins Deutscher Werkzeugmaschinenfabriken (VDW), auf einer Pressekonferenz zur Fachmesse „Metalloobrabotka“ am 17.6.2014 in Moskau, hatte der Auftragseingang 2013 um 53% zugenommen, verlangsamte sich jedoch im 4. Quartal 2013 auf 14% und im 1. Quartal 2014 auf 7%.

Der rückläufige Trend lässt sich auch an den deutschen Exporten von Werkzeugmaschinen nach Russland ablesen. So bezifferte der VDW die Ausfuhrsteigerungen für 2012 mit 27% und für 2013 mit 8%. Insgesamt wurden 2013 deutsche Werkzeugmaschinen im Wert von 518 Mio. Euro an russische Kunden geliefert. Im 1. Quartal 2014 stiegen die Ausfuhren zwar um 11% gegenüber der gleichen Vorjahresperiode. Doch sei dies laut VDW auf lange Vorlaufzeiten für Großprojekte zurückzuführen. Für das Gesamtjahr 2014 sei dagegen mit einem weiteren Rückgang der Bestellungen zu rechnen.

Bis Ende 2014 wird die Nachfrage nach Werkzeugmaschinen in Russland voraussichtlich um 6% gegenüber dem Vorjahr sinken, prognostiziert der VDW. Für 2015 wird mit einem weiteren Rückgang um 1% gerechnet. Zurückzuführen sei diese negative Entwicklung auf die insgesamt um 3% rückläufige Produktionsleistung der wichtigsten Anwenderindustrien für Werkzeugmaschinen. Dies führe unter anderem in der Automobilindustrie, in der Feinmechanik/ Optik und in der Metallurgie zu sinkenden Anlageinvestitionen. Amtliche Zahlen der russischen Regierung erhärten diese Vorhersage. Demnach gehen die Bruttoanlageinvestitionen voraussichtlich um -3,4% bis Dezember 2014 zurück.

Der Präsident des russischen Verbandes der Werkzeugmaschinenhersteller Stankoinstrument, Georgi Samodurow, zeichnete auf der Pressekonferenz dagegen ein optimistisches Bild für die künftigen Liefermöglichkeiten der deutschen Werkzeugmaschinenbauer. Demnach haben russische Kunden die Qualität und Funktionsfähigkeit deutscher Produktionstechnik in den vergangenen Jahren schätzen gelernt und wollen diese künftig nicht mehr missen. Die Rekordbeteiligung von 134 deutschen Herstellern auf der Metalloobrabotka 2014 zeugt laut Samodurow vielmehr davon, dass die Kontakte zu russischen Kunden ausgebaut werden können. Die deutsche Industrie spüre regelrecht das große Interesse und Potenzial in Russland.

Projekte mit Bedarf an Werkzeugmaschinen

graf1

Quelle: Pressemitteilungen der Unternehmen

Wie Samodurow weiter ausführte, lagen dem russischen Ministerium für Industrie und Handel 2013 aus der Industrie 2.500 Anträge auf Genehmigung von Maschinenimporten vor. Diese Anträge müssen gestellt werden, da das Ministerium in jedem Fall prüft, ob baugleiche oder ähnliche Anlagen auch von russischen Herstellern bezogen werden könnten. Ist letzteres der Fall, werden automatisch Negativbescheide für beantragte Importe ausgestellt.

Im Ergebnis wurden von den genannten 2.500 Anträgen etwa 1.800 bewilligt, wovon wiederum 600 Anträge auf Einfuhren aus Deutschland zielten. In den ersten vier Monaten 2014 sind laut Samodurow weitere 1.500 Anträge gestellt worden. Es ist also eine deutlich steigende Tendenz bei der Nachfrage nach Importmaschinen zu verzeichnen.

Finanziell gestützt wird diese Entwicklung durch das Regierungsprogramm zur Modernisierung des russischen Maschinenbaus und der Verteidigungsindustrie, wie Samodurow unterstrich. „Schließlich ist in diesen beiden Branchen mehr als 20 Jahre lang nichts oder kaum etwas investiert worden. Bis zu 80% des Maschinenparks ist technisch und moralisch verschlissen.“ Aus dem föderalen Haushalt sind für Umrüstungen und Modernisierungen des Maschinenbaus 2013 rund 1,5 Mrd. US$ bereitgestellt worden, so Samodurow. Im Jahr 2014 wird diese Summe auf 3 Mrd. $ erhöht, danach 2015 und 2016 auf jeweils 5 Mrd. bis 6 Mrd. $ gesteigert. „Da bei uns der Haushaltsansatz auf jeweils drei Jahre im Voraus festgelegt wird, sind diese Investitionen gesichert“, unterstrich der Verbandspräsident. Nach seinen Worten hebt sich der Maschinenbau damit positiv von anderen Branchen in Russland ab.

Industrie- und Handelsminister Denis Manturow hob während der Eröffnung der Messe „Metalloobrabotka 2014“ sowohl die hohe ausländische Beteiligung als auch die gestiegene Anzahl russischer Aussteller hervor. Es präsentierten sich mehr als 1.000 Firmen aus 37 Ländern und 548 Unternehmen aus Russland. Manturow führte die große Zahl russischer Aussteller auf Förderprogramme der Regierung zur Reindustrialisierung des Landes zurück.

Dennoch kann erst 10% der Nachfrage nach Werkzeugmaschinen in Russland von heimischen Herstellern befriedigt werden, betonte Manturow. Bis zum Jahr 2020 soll sich dieser Anteil aber auf 40% erhöhen. Für Kapazitätserweiterungen und für Forschung und Entwicklung fließen aus dem Haushalt bis 2020 insgesamt 32 Mrd. Rubel (etwa 0,7 Mrd. Euro). Derzeit wird mit besonderem Hochdruck an der Errichtung von Produktionskapazitäten zur Substitution weggefallener Einfuhren von Maschinen, Motoren und Komponenten aus der Ukraine gearbeitet. Dafür wird viel Geld in die Hand genommen, wobei Ressourcen aus anderen Industriebereichen abgezogen und in den Maschinenbau umgeleitet werden.

Demonstrativ unterzeichneten auf der Messe die Werkzeugmaschinenholding Stankoprom und die beiden Holdings für Luft- und Raumfahrtindustrie OAK und für Motorenbau ODK ein Kooperationsabkommen. In den Bereichen Luft-/Raumfahrt und Motorenbau wird die Abhängigkeit von der Einfuhr von Komponenten und Werkzeugmaschinen auf ein Mindestmaß heruntergefahren, unterstrich Manturow. In Zukunft werden beispielsweise Motoren und Teile für die Flugzeug- und Hubschrauberindustrie möglichst zusammen mit optimal anzupassenden Werkzeugmaschinen entwickelt, auf denen die Produktion anschließend in Serie geht.

Stankoprom ist vom Industrie- und Handelsministerium auserkoren worden, zum Systemintegrator für den russischen Werkzeugmaschinenbau zu werden. Hierbei geht die Holding zahlreiche Kooperationen mit ausländischen Unternehmen ein. So streben Stankoprom und die deutsche Firma Niles-Simmons-Hegenscheidt (NSH) eine strategische Zusammenarbeit an. Ziel sei es, in Russland die Montage von Maschinen des deutschen Herstellers zu organisieren. Einerseits vergrößern sich dadurch die Absatzchancen von NSH, andererseits verbessern sich die Serviceleistungen für russische Maschinenkunden.

Ein weiteres Abkommen unterzeichnete im Beisein von Minister Manturow die Saweljowsker Maschinenfabrik SMZ mit den belarussischen Maschinenbauern StankoGomel und Fabrik für Maschinenteile Gomel. Diese Unternehmen wollen gemeinsam Dreh- und Fräsmaschinen mit automatischen Prozesssteuerungen herstellen. Derartige Maschinen werden in Russland und Belarus entweder überhaupt nicht oder nur in ungenügender Stückzahl gefertigt. Mit der Gründung des russisch-belarussischen Gemeinschaftsunternehmens soll sich das aber ändern.

Deutschland: Exporte von Werkzeugmaschinen nach Russland

graf2