Deutsche Handelsketten halten weiter zu Russland

Anzahl der Supermärkte steigt / Wettbewerb wird fast nur über Preise ausgetragen

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Von Ullrich Umann Moskau (gtai) – Deutsche Einzelhandelsketten geben den russischen Markt nicht auf. Obwohl die Realeinkommen der Bevölkerung sinken. Sogar das Gegenteil ist der Fall. Die Tengelmann Group kündigte an, bis Jahresende 2015 mit zwölf Supermärkten der Marken „Plus“ und „Plus-Discount“ den Einstieg ins Geschäft mit Waren des täglichen Bedarfs zu wagen. Und das soll erst der Anfang in Russland sein.

Tengelmann, Metro Group, Globus, REWE Group und Adidas sind als große deutsche Handelsketten, seit Jahren in Russland aktiv. Deichmann ist 2014 mit einem ersten Geschäft in Moskau in den Verkauf von Schuhen und Accessoires eingestiegen. Inzwischen hat sich die Zahl der Deichmann-Filialen auf fünf in Moskau und vier in Sankt Petersburg erhöht.

Tengelmann stellt sich breiter auf

Tengelmann will bis Ende Dezember 2015 jeweils drei Plus-Supermärkte in den Gebieten Moskau, Tula und Nischni Nowgorod eröffnen. In Kaluga, Twer und Murom entsteht jeweils eine Verkaufsstelle der Marke „Plus-Discount“. Der Anteil von Lebensmitteln und Getränken am Angebot in den Tengelmann-Filialen wird 70% betragen. Dabei soll ausschließlich mit russischen Lieferanten zusammen gearbeitet werden.

Bei zwölf Lebensmittel-Supermärkten will Tengelmann nicht halt machen. Die russische Entwicklungsgesellschaft des Konzerns OOO Plus Development plant bis 2022 bis zu 150 Discount-Supermärkte allein für das Moskauer Gebiet. Die dafür notwendigen Investitionen werden auf 450 Mio. Euro beziffert. Damit wäre Tengelmann der erste ausländische Handelskonzern, der im Discount-Bereich tätig ist und sich dabei auf 2.200 Warengruppen pro Verkaufseinrichtung beschränkt.

Analysten sehen darin ein gewisses Risiko: Tengelmann könne die niedrigen Discount- Margen nicht ohne weiteres über hohe Verkaufsvolumen kompensieren. Bei der Auswahl der Lieferanten müssen die Einkäufer von Tengelmann in Russland daher mit gut gespitztem Bleistift kalkulieren. Bei dem deutschen Handelskonzern handelt es sich aber nicht um einen Neueinsteiger am russischen Markt. In ihren Obi-Märkten verkauft die Gruppe schon seit Jahren erfolgreich Waren des Bau- und Handwerkerbedarfs.

Preisbewusstsein steigt mit sinkenden Einkommen

Mit seinem Discount-Angebot möchte Tengelmann vor allem Käuferschichten mit geringen und mittleren Einkommen für sich gewinnen, die gern in einem Geschäft mit internationalem Markennamen einkaufen würden. Dabei geht Tengelmann davon aus, dass in Zeiten sinkender Reallöhne das Preisbewusstsein in den Privathaushalten wächst. Vorerst stehen den Konsumenten aber nur die Türen zu Discountern russischer Handelsketten wie Diksi, Magnit oder X5 Retail Group offen.

Hauseigene Marken bieten Wettbewerbsvorteil

Magnit hat ein weit verzweigtes Netz von Discountern aufgebaut. In diesen werden mit 1.800 Artikeln pro Verkaufsstelle noch weniger Warengruppen als bei Tengelmann angeboten. Doch hat Magnit allein durch die Anzahl seiner Supermärkte bereits eine dominierende Marktstellung inne und besitzt daher in den Preisverhandlungen mit Lieferanten eine bessere Positionen als Tengelmann.

Ein weiterer kommerzieller Vorteil der russischen Handelsketten besteht darin, dass sie über die Jahre hinweg das Angebot an hauseigenen Marken bei abgepackten Produkten, Konserven und Getränken massiv ausgebaut haben. Diese zeichnen sich durch günstigere Preise bei ähnlicher Qualität im Vergleich zu Fremdmarken aus.

Neben den dominierenden russischen Einzelhandelsketten müssen sich die deutschen Handelskonzerne Metro, Globus, Rewe und Tengelmann im Geschäft mit Waren des täglichen Bedarfs gegen weitere ausländische Wettbewerber behaupten. Dazu gehören unter anderem die Auchan Group (Marken Auchan und Atak), die COOP-Group (Selgros Cash & Carry), die Stockmann Group (Stockmann), Kesko (K-ruoka) und Sok Retail Inc. (Prisma).