Deutsche Atomkraft gegen russisches Gas – Gedanken zur „Brückentechnologie“

[ Von Gunnar Jütte ] Selten hat eine Regierung in Deutschland so offen mit der Atomlobby paktiert wie die gegenwärtige Deutsche: Ausstieg aus dem Ausstieg, um Deutschland mit einer „Brückentechnologie“ die Zeit überbrücken zu lassen bis aller Strom aus regenerativen Quellen kommt. Jahrelanges Russlandbashing durch die Medien und Erklärungen konservativer wie liberaler Politiker, dass Russland ein unsicherer Kantonist bei der Gaslieferung sei, machen sich nun bezahlt.
Atomkraft als „Brückentechnologie“ ist nur sinnvoll für die großen Energieversorger, die mit abgeschriebenen AKWs noch mal eben etliche Milliarden Euro zusätzlich verdienen können. Ansonsten ist Atomkraft als „Brückentechnologie“ so ziemlich die ungeeignetste von allen anderen Varianten.
Für eine „Brücke“ von vielleicht maximal 50 Jahren hängt man sich für die nächsten 10tausende von Jahren den Atommüll ans Bein.

Nicht genug, dass von dem Müll schon genug da ist und das Atommülllager Asse mit jeder heruntergekommenen Atommülldeponie in Russland konkurrieren kann, nein, jetzt wird noch munter weiter Atommüll produziert, der dann auf Kosten der Steuerzahler irgendwie, irgendwo verbuddelt wird.

„Brückentechnologie“ wird gebraucht, dass ist unzweifelhaft. Jährlich entstehen mehr und mehr Quellen für regenerative Energie, aber bis zu einer eine flächendeckende Versorgung wird noch etwas Zeit vergehen.

Eine „Brückentechnologie“ wäre möglich mit Gas. Im Gegensatz zu Atomkraftwerken, die sich nicht mal eben an und ausstellen lassen, ist das bei Gaskraftwerken möglich. Gaskraftwerke lassen sich in allen notwendigen Größen bauen, vom Großkraftwerk, bis hin zu sinnvolleren Blockheizkraftwerken der Stadtwerke oder kleinen hausbezogenen Kraft-Wärme-Kopplungen.

Gas ist dezentral einsetzbar, bei Bedarf an- und abschaltbar, von der Umweltfreundlichkeit nur durch regenerative Energie übertroffen und es hinterlässt keine Mülldeponien, die Jahrtausende mit unkalkulierbaren Folgekosten geschützt werden müssen.

Das einzige Problem ist der Bezug von Gas. Und damit sind wir offenbar am neuralgischen Punkt: Es ist zwar noch in großen Vorräten vorhanden, aber die meisten Vorkommen liegen auf russischen Territorium.

Jahrelang haben die deutschen Medien und konservative wie liberale Politiker gegen eine Gasversorgung aus Russland gehetzt und damit Hand in Hand mit der Atomlobby den Boden für die angebliche Notwendigkeit geebnet, eine andere Art der Versorgung zu finden. Der „Spiegel“ mit der Überschrift „Die Waffe Gas“, „Bild“ mit einem Foto des Gazpromvorsitzenden und der Überschrift „Dieser grinsende Russe dreht uns das Gas ab“ oder der Focus mit einer nicht nachvollziehbaren Aussage: „Ein Lieferant, der Gas als Waffe nutzt, ist für Deutschland langfristig aber gefährlicher als ein unzuverlässiges Transitland“. Sind nur kleine Beispiele dafür.

Wie die deutsch-russische/sowjetische Gaskooperation anfing

Noch Anfang 1963 hatte Konrad Adenauer eine Röhrenlieferung der Mannesmann-Werke und anderer westdeutscher Firmen an die Sowjets in Höhe von 100 Millionen Mark auf Geheiß der Amerikaner verboten.

1973 schloss die Ruhrgas im Rahmen der deutsch-sowjetischen Verträge ein Gasgeschäft mit dem Erzfeind UdSSR ab – mitten im „Kalten Krieg“,

Bei dem Geschäft, das die Errichtung einer Erdgaspipeline von Sibirien bis nach Deutschland vorsah, lieferte die Mannesmann AG, finanziert von der Deutschen Bank, nahtlose Rohre, die zum Bau der Pipeline benötigt wurden. Im Gegenzug beliefert die heutige Gazprom die Ruhrgas mit Erdgas. Aus dem über Jahrzehnte bis zum Jahr 2000 fixierten Erlös tilgte die sowjetische Seite den Kredit bei der Deutschen Bank.

1983 unterzeichnete die Ruhrgas AG mit der sowjetischen Sojusgasexport und dem DDR-Kombinat „Verbundnetze Energie“ einen Vertrag über die Lieferung von jährlich 650 Millionen m³ Erdgas für Westberlin ab 1985.

Krupp-Generaldirektor Ernst Wolf Mommsen sagte damals: „Selbst wenn acht bis zehn Prozent des westdeutschen Energiebedarfs von der UdSSR gedeckt werden, hätte ich keine Bedenken.“

Carl−Christian Kaiser schrieb dazu in der „Die Zeit“ vom 13.2.1970: …. Im Augenblick deutet allerdings nichts darauf hin, dass die Russen das Geschäft mit dem stillen Vorbehalt abgeschlossen haben, uns eines Tages den Gashahn zuzudrehen. ….

….. Bis dahin wird man sehen, ob für die Vertiefung der Wirtschaftsbeziehungen auch eine politische Basis gefunden worden ist. Der Idealfall wäre eine gegenseitige wirtschaftliche Abhängigkeit, wäre ein dem Gas entgegenlaufender Strom europäischer Ware, auf die Russland nicht so schnell verzichten kann….

Dieser Strom der Waren läuft. Im letzten Jahr haben Deutschland und Russland Waren im Wert von über 50 Milliarden Euro umgesetzt. Tausende von deutschen Firmen haben sich in Russland mit Zweigstellen niedergelassen, deutsche Gaskonzerne haben Bohrrechte in Sibirien, deutsch-russische Joint-Venture zwischen Energieproduzenten sorgen für eine Energiesicherheit in Europa.

Kein Geld für Kommunisten

Damals wurde es als Frechheit angesehen, dass die UdSSR mit dem Gasgeschäft harte Devisen verdienen könnte.

„Für die Zweifler bleibt ein Stachel – selbst bei erträglichem Sicherheitsrisiko: Bis zum Jahre 2005 wird Moskau 300 Milliarden Mark an Devisen kassieren. Solche Vorteile (ein Devisenzufluß) sind bei einem internationalen Handelsgeschäft auch erforderlich, um es zustande zu bringen“, so der damalige Chef der Ruhrgas AG.

In dem Zusammenhang ist natürlich die damalige Panik der USA vor einem Kommunismus nicht zu vergessen, der zur Konkurrenz werden könnte. Der amerikanische Staatssekretär Lawrence Brady äußerte sich dazu schon fast phobisch: „Hohe Überschüsse von Hartwährungen aus dem Gasexport könnten die Sowjetunion in die Lage versetzen, das westliche Finanzsystem zu manipulieren.“

Wie heute bekannt ist, können die USA das westliche Finanzsystem auch ohne Hilfe aus dem Osten manipulieren.

Keine Geschäfte zwischen Russland und Deutschland

Auch in der postsowjetischen Zeit ist es für die USA unerträglich, sollten sich Deutschland und Russland geschäftlich wie politisch stärker verbünden.
Nach dem Ende des Ost-West-Konflikts und der dadurch bedingten Veränderung, schrieb Kissinger 1991, „es kann in niemandes Interesse liegen, wenn sich Deutschland und Russland gegenseitig als Hauptverbündete betrachten. Wenn sich beide Mächte zu nahe kommen, besteht die Gefahr der Hegemonie. An dieser Realität hat sich nichts geändert. Auch wenn es heute scheinbar keine für Amerika feindlichen Mächte in Europa mehr gibt, könnte die Entstehung einer neuen hegemonialen Mächtekonstellation schnell als feindlich angesehen werden.“

Was früher kein Problem war kann heute erst recht keines sein

Entgegen aller Bedenken, vor allem gegen die USA, wurde vor über 35 Jahren mit der Sowjetunion ein Gasgeschäft getätigt, welches problemlos den „Kalten Krieg“ überstand.

Heute beruhen Gasgeschäfte mit Russland auf einem viel breiteren Fundament. Russland, respektive Gazprom als größter Gasexporteur ist mit deutschen Gasversorgern auch per Aktien verbunden. Jeder will Geld verdienen, die deutsche wie die russische Seite, keiner hat ein Interesse diese Versorgungssicherheit aufs Spiel zu setzen, dafür sind die wirtschaftlichen Verknüpfungen viel zu groß.

Nebenbei ist der „Kalte Krieg“, wenn nicht gerade mal wieder von den USA irgendwo Raketen an die russische Grenze gestellt werden, angeblich vorbei und Russland ein angeblich ein kapitalistischer Staat, der Unsummen an Geld braucht, um seine Wirtschaft zu sanieren. Das verdient Russland nicht damit, dass es irgendwo seine Gaslieferungen sperrt.

Probleme gibt es immer noch im Gastransit durch Drittländer wie die Konflikte mit der Ukraine gezeigt haben. Eine Pipeline durch die Ostsee wie die Nord-Stream oder auch die South-Stream im Süden werden da Entlastung schaffen. Zusätzlich wird man sich Gedanken machen müssen, wer die Transitpipelines durch Drittländer kontrollieren soll und wie eine dauerhafte Transitsicherheit zusammen mit der EU hergestellt werden kann.

An Gas als „Brückentechnologie“ führt kein vernünftiger Weg vorbei. An Russland als Gasversorger für Europa führt ebenfalls kein Weg vorbei. Nur Russland verfügt über die Reserven, die eine Energiesicherheit über Jahrzehnte gewährleisten können bis es möglich sein wird mit Alternativenergien eine Versorgung zu sichern.

Atomkraft nein Danke.

[ Gunnar Jütte / russland.RU ]

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Über den Autor

Gunnar Jütte
Seit über 20 Jahren in Russland tätig. Gründer und Herausgeber von russland.RU und russland.TV