Deutche Unternehmen in Russland: Wir bleiben!

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Die Wirtschaftssanktionen des Westens sind unwirksam und schaden dem Geschäft. Das geht aus einer Umfrage unter 110 in Russland tätigen deutschen Unternehmen hervor, deren Ergebnisse die Russisch-Deutsche Außenhandelskammer (DRAHK) am Dienstag in Moskau vorstellte. Die wichtigste Aussage: „Trotz der Sanktionen und einer schwierigen Wirtschaftssituation in Russland bleiben die meisten deutschen Unternehmen auf dem russischen Markt und sehen hier weiterhin Perspektiven“, erklärte der Präsident der DRAHK, Rainer Seele.

Allerdings fühlen sich inzwischen fast zwei Drittel der Unternehmensvertreter (65%) in ihrem Russland-Geschäft von den Sanktionen betroffen, während es im August noch 38 Prozent waren. Größter Bremsklotz waren dabei für die Hälfte der Befragten die Finanzsanktionen, die solche üblichen Operationen, wie die Kreditierung von Lieferungen und Investitionen nahezu unmöglich machten. Auch die Einschränkungen für Dual-Use-Erzeugnisse, also von Waren, die sowohl für zivile wie für militärische Zwecke genutzt werden können, sowie Sanktionen gegen bestimmte Gesellschaften und Organisationen behindern die Arbeit deutscher Unternehmen in Russland. Für 17 Prozent der Unternehmer ist ihr Geschäft von den russischen Gegenmaßnahmen in der Landwirtschaft betroffen. Drei von vier befragten (74 Prozent) gaben einen Rückgang des Umsatzes seit der Einführung der Sanktionen im März 2014 an. Hierbei sei allerdings, wie festgestellt wurde, auch die sich parallel drastisch verschärfende Wirtschaftskrise in Russland, die im Absturz des Rubels einen sicht- und spürbaren Ausdruck fand, ein mindestens ebenso stark wirkender Faktor.

An einen Effekt der Sanktionen glauben immer weniger Befragte – waren es vor einem Jahr noch 34 Prozent, so sind es jetzt gerade noch 21 Prozent. Jedoch wird sich, wie jetzt klar zu sein scheint, auch die Hoffnung von rund einem Drittel der Unternehmensvertreter auf Lockerung oder Abschaffung der Sanktionen bereit zum Beginn des kommenden Jahres nicht erfüllen, denn der Westen wird wohl die Kompromiss-Variante wählen und die Sanktionen um sechs Monate bis zum Juli 2016 verlängern. Dabei glauben fast 80 Prozent der Respondenten nicht daran, dass die Sanktionen die Außenpolitik der russischen Regierung beeinflussen können.

Dass die Auswirkungen der Sanktionen auf beiden Seiten zu spüren sind, belegt der Rückgang des Handelsumsatzes zwischen Russland und Deutschland im Jar 2014 von 76 auf 67 Milliarden Euro. Für dieses Jahr könnten die Werte noch schlechter ausfallen.

Dennoch seien die deutschen Unternehmen bereit, „auch unter einem Sanktionsregime“ an Partnerschaften in Russland zu arbeiten, bekräftigte vor wenigen Tagen Volker Treier, stellvertretender Hauptgeschäftsführer des Deutschen Industrie- und Handelskammertages.

Zugleich forderte der Chef des Ost-Ausschusses der deutschen Wirtschaft, Eckhard Cordes, eine Diskussion über einen „Einstieg in den Ausstieg“ aus den Zwangsmaßnahmen gegen Russland. Er verband dies mit der Hoffnung auf einen dauerhaften Frieden in der Südost-Ukraine. „Wir alle brauchen diesen Frieden. Business braucht Frieden“, sagte Cordes beim Deutsch-Russischen Wirtschaftsdialog in Berlin. Russland befinde sich auf einem „Weg der Deeskalierung“, schätzte er ein.

Um Investitionen in sein Land warb der russische Industrie- und Handelsminister Denis Manturow: „Wir müssen eine neue Industriepolitik einführen, wir brauchen eine Modernisierung unserer Wirtschaft.“ Manturow setzt seit Längerem auf eine baldige Beendigung der Wirtschaftssanktionen. „Sie schaden beiden Seiten. Für mich liegt es auf der Hand, dass sie nicht ewig dauern werden“, sagte er dem SPIEGEL.

Für die wirtschaftlichen Probleme seines Landes machte Manturow aber vor allem die Abhängigkeit von den Rohstoffexporten verantwortlich. Die Sanktionen hätten die Krise nur verschärft, eine Aufhebung könnte die Situation zumindest entspannen.

Hartmut Hübner – russland.RU

Über den Autor

Hartmut Hübner
Gelernter und sogar diplomierter Journalist. Nachdem ich im Ergebnis einer Fahrt auf einem Riesenrad von meinem ursprünglichen Wunsch, Pilot zu werden, endgültig Abschied genommen hatte, beschloss ich als, „rasender Reporter“ aus der ganzen Welt zu berichten. Als „Mittagspausen-Notenkoch“ im Schulfunk und Volontär bei der Berliner Zeitung „Junge Welt“ begann meine journalistische Karriere, die sich nach dem Studium als Verantwortlicher für eine Zeitung im sächsischen Gesundheitswesen, Pressesprecher an der Leipziger Sporthochschule DHfK und Redakteur an der Leipziger Volkszeitung fortsetzte, bis ich mir einen Kindheitstraum erfüllte und ein freies Korrespondentenbüro in Moskau übernahm. Das war 1995 – und seither lässt mich Russland nicht mehr los.