Der Zar hinter Lenin

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St. Petersburg – Bei der Wiederherstellung eines Gemäldes, welches den Revolutionsführer in markanter Pose zeigt, ist auf der Rückseite des Werkes ein Bildnis des letzten russischen Zaren entdeckt worden. Nach Abschluss der Restaurierungsarbeiten soll das Kunstwerk in St. Petersburg ausgestellt werden.

St. Petersburg hat in der relativ kurzen Zeit seines Bestehens schon vieles erlebt. Gekrönte Regierungsoberhäupter kamen und gingen und mit dem letzten Zaren ging 1917 auch die Monarchie in Russland. Die „Oktoberrevolution“, losgetreten mit dem Sturm auf die letzte kaiserliche Residenz, den Petersburger Winterpalast, versprach den Russen die Gleichstellung der Menschen und die Abkehr von der herrschenden Klasse. Im Ansatz klang die Idee perfekt. Dass sich dadurch lediglich eine neue Herrscherkaste herauskristallisierte, konnte anfangs noch niemand ahnen.

Ein Gemälde im Dornröschenschlaf

Ganz wie es sich für einen Revolutionsführer gehört, verewigte man Wladimir Iljitsch Uljanow, der unter seinem „Kampfnamen“ Lenin in die Geschichte eingehen sollte, in Öl auf einer vier mal drei Meter großen Leinwand. Wladislaw Ismailowitsch schuf das Lenin-Gemälde 1924, welches den Führer der bolschewistischen Revolution vor der Peter-und-Pauls-Festung an der Newa zeigt. In den 1970er Jahren wurde das opulente Gemälde beschädigt, jedoch sollte es bis zum Jahr 2013 dauern, bevor die Fachleute der Staatlichen Akademie für Kunst und Design in St. Petersburg mit seiner Restaurierung begannen.

Auf der Rückseite, unter Schichten wasserlöslicher Farbe verborgen, stießen die Fachleute auf das Bild des letzten russischen Zaren, Nikolaus II. Dass ein Gemälde im Lauf der Zeit übermalt wurde, gilt in Kunstkreisen eigentlich als nichts Ungewöhnliches. Schon so mancher Regent musste auf der Leinwand für seinen Nachfolger Platz schaffen, was in der Regel nicht selten zum unwiederbringlichen Verlust des Originals geführt hatte. In diesem Fall allerdings wollte der Künstler offenbar nicht an die Ewigkeit der bolschewistischen Revolution glauben und ging deshalb äußerst gefühlvoll zu Werke.

Somit war es ein Leichtes für das Restauratoren-Team, das darunter liegende Gemälde peu a peu wieder freizulegen. Die Restaurierung sei laut Tatjana Pozelujewa, der Leiterin des Restauratoren-Teams, mittlerweile weitgehend abgeschlossen. „Wir waren bass erstaunt. Es wirkt fast so, als hätte er (Wladislaw Ismailowitsch, d. Red.) gehofft, dass das Porträt von Nikolaus II. eines Tages wiederentdeckt wird“, sagt Pozelujewa schon fast ehrfürchtig. Das ursprüngliche Kunstwerk war im Jahre 1896, also 22 Jahre vor der Ermordung des Zaren und seiner Familie durch die Bolschewiken, von Ilja Galkin geschaffen worden.

Wladislaw Ismailowitsch, so die Leiterin der Konservatoren, sei durch seine behutsame Vorgehensweise bei der Anfertigung seines Lenin-Bildnisses auch ein sehr hohes persönliches Risiko eingegangen. Ende des Monats soll nun die Leinwand mit beiden Gemälden in der St. Petersburger Kunstakademie Stieglitz ausgestellt werden.

[mb/russland.RU]

Über den Autor

Michael Barth
1961 in Nürnberg geboren und von da aus ab 1979 die große weite Welt erkundet. Die Wege führten anfangs nach Klein- und Mittelasien und waren stets das Ziel. Immer mit im Gepäck, der sehnsüchtige Blick auf die schier unerreichbare UdSSR. Dann fiel der eiserne Vorhang, die Pfade führten nach Nordosten. Durch einen glücklichen Umstand tat sich letztendlich Russland auf. Der berufliche Werdegang verlief zunächst sehr unjournalistisch. Ständig auf der Suche nach neuen Aufgaben und Herausforderungen war nach der Ausbildung zum Kirchenmaler vom Krematoriumsarbeiter bis zum R’n’R Caterer so ziemlich alles dabei, was Abenteuer und Ungewöhnlichkeit versprach. In Russland kam 2008 der Journalismus hinzu. Weltenbummeln und schreiben – perfekt. Zuerst bei einer kleinen Gazette und ab 2012 ernsthaft im Feuilleton bei russland.RU. Seit 2014 dort Chefredakteur.