Der Westen hat nicht viel zur Vertrauensbildung mit Russland getan

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Das Deutsch-Russische Forum e.V. ist eine derjenigen Organisationen, die auch in diesen, für die Beziehungen zwischen beiden Ländern schwierigen Zeiten, den Kontakt, weniger auf politischer, als auf zivilgesellschaftlicher Ebene zu halten und möglichst auszubauen versuchen. Am Rande einer Veranstaltung in Moskau, in der eben dafür Möglichkeiten besprochen wurden, beantwortete der Vorsitzende des Vorstandes des Deutsch-Russischen Forums e.V., Matthias Platzeck, Fragen von Russland.RU-Redakteur Hartmut Hübner.

Herr Platzeck, das Deutsch-Russische Forum wurde 1993 in der Hochzeit der Beziehungen zwischen Deutschland und Russland nach dem damaligen Ende des Kalten Krieges gegründet. Heute ist das Verhältnis zwischen Deutschland und Russland auf einem neuen Tiefpunkt. Wo liegen aus Ihrer Sicht die Gründe für diese Rückwärtsentwicklung?

In den ersten Jahren gab es natürlich große Euphorie. Russland war plötzlich keine Bedrohung mehr. Das hatte auch mit der Person von Michail Gorbatschow zu tun, der bei uns äußerst populär war, schließlich hatte er ja auch entscheidenden Anteil am Zustandekommen der deutschen Einheit. Und auch mit Boris Jelzin war offenbar leicht umzugehen.

Dann wurde Wladimir Putin Präsident. Auch er war deutschland- und europafreundlich gestimmt. Ich erinnere nur an seine Rede auf Deutsch vor dem Bundestag im Jahre 2001, die von allen Fraktionen mit stehenden Ovationen bedacht wurde. Allerdings hat man ihn damals zwar an-, aber ihm wohl nicht wirklich zugehört. Denn er hat gesagt, dass den „süßen Reden“ nun Taten folgen müssten, um den Traum von einem geeinten Europa mit einem starken Russland wahr werden zu lassen.

Er machte schon damals darauf aufmerksam, dass gerade nach dem 11. September den neuen Gefahren für Frieden und Sicherheit auf der Welt nur gemeinsam erfolgreich begegnet werden kann. Die Voraussetzung dafür sei gegenseitiges Vertrauen, weshalb alte Vorurteile abgebaut werden sollten.

Leider haben wir im Westen in den Folgejahren und weit vor der Ukraine-Krise einiges getan, was nicht gerade vertrauensbildend war – ich erinnere an die zügige Osterweiterung der NATO, den PRO-Raketenschutzschild, von dem, trotz anderslautender Beteuerungen, von vornherein klar war, dass er gegen Russland gerichtet ist oder auch an die Boykott-Drohungen vor den Olympischen Winterspielen in Sotschi.

Dass Russland darauf mit einer zunehmenden Distanz zum Westen und der Betonung der Eigenständigkeit reagiert, ist zumindest nachvollziehbar. Denn man muss auch sehen, dass Putin nach den katastrophalen Verhältnissen der 90iger Jahre das Land wieder stabilisiert und der Bevölkerung in Russland wieder Selbstwertgefühl und Nationalstolz gegeben hat, die in den Jahren zuvor verschüttet worden waren. Daraus erklärt sich u.a. auch die anhaltende Zustimmung zu Putin im Land.

Welches Russlandbild haben, nach Ihren Erfahrungen, die Deutschen heute?

Das ist ganz unterschiedlich. Wenn ich im Osten Deutschlands mit den Leuten rede, dann sind für viele gute Beziehungen zu Russland eigentlich eine Selbstverständlichkeit, viele haben dort studiert, haben dort z.B. an der BAM gearbeitet oder haben über den obligatorischen Russischunterricht auch Zugang zur russischen Kultur und Lebensweise gefunden. Auch viele Ältere, denen die Befreiung vom Faschismus und die entscheidende Rolle der Sowjetunion noch im Gedächtnis ist, stehen Russland positiv gegenüber.

Aber in den jüngeren Generationen, die ihr Russlandbild nur über die aktuelle, nicht selten einseitige Berichterstattung in unseren Medien vermittelt bekommen, sehen viele Russland entweder als potenziellen Gegner oder es ist ihnen überhaupt gleichgültig. Das ist eine Entwicklung, die nicht froh macht. Ermutigend ist allerdings, dass diejenigen jungen Menschen, die ihre Informationen zunehmend aus verschiedenen Quellen im Internet, statt nur aus den traditionellen Medien, beziehen, auch Russland viel aufgeschlossener gegenüberstehen.

Aber es gibt da noch eine spezielle Gruppe von Russland-Freunden, darunter zahlreiche AfD- Anhänger. Die finden am gegenwärtigen Russland und vor allem an Putin die an europäischen Maßstäben gemessene autoritäre Staatsführung gut. Aber an einer wirklichen Verbesserung der Beziehungen zu Russland und den Russen sind sie nicht interessiert. Diesen Unterschied müssen wir immer wieder deutlich machen.

Auch in Russland ist, im Ergebnis der Sanktionen, und der anhaltenden Russland-Schelte aus dem Westen das Interesse an Europas deutlich erlahmt. Wie will das Deutsch-Russische Forum e.V. den Spagat schaffen und helfen, das weitere Auseinanderdriften beider Länder zu bremsen?

Es geht jetzt darum, das Interesse nicht nur in Deutschland, sondern auch in Russland am jeweils anderen wieder zu fördern. Dass dies nicht einfach ist, hat das jetzt zu Ende gegangene deutsch- russische Literaturjahr gezeigt, das bei weitem nicht die Resonanz zeigte, die wir erhofft hatten. Allerdings hatte das Deutsch-Russische Forum e.V. mit der Verleihung des Friedrich-Joseph-Hass- Preises an den sowjetisch-russischen Schriftsteller Daniil Granin einen würdigen Höhepunkt. Die Festansprache hielt übrigens der SPD-Vorsitzende und Vizekanzler Sigmar Gabriel.

Im Juni beginnt das deutsch-russische Jugendjahr, das den jungen Leuten in beiden Ländern die einzigartige Möglichkeit bietet, sich bei zahlreichen Veranstaltungen besser kennen zu lernen, das Interesse an der jeweils anderen Kultur, anderen Lebensweise zu wecken.

Zu den Aktivitäten unseres Forums in diesem Jahr gehören die Potsdamer Begegnungen, die in diesem Jahr unter dem Motto »Vom gegenseitigen zum gemeinsamen Verständnis« durchgeführt werden. Aber dazu zählen auch unsere zahlreichen Programme im Nachwuchsbereich wie z.B. das bundesweite Sprachlernspiel „Spielend Russisch lernen“, unsere Seminare für junge Nachwuchsführungskräfte in Russland und Deutschland oder die Deutsch-Russischen Karrieretage.

Wir sind auch froh, dass der Petersburger Dialog wieder in Gang gekommen ist. Nach dem Neustart im vergangenen Jahr in Potsdam treffen sich diesmal Mitte Juli Vertreter aus vielen Bereichen der Zivilgesellschaft in St. Petersburg, um darüber zu sprechen und zu vereinbaren, wie die Kontakte zwischen den Menschen beider Staaten weiter entwickelt werden können.
(Hartmut Hübner/russland.ru)

Über den Autor

Hartmut Hübner
Gelernter und sogar diplomierter Journalist. Nachdem ich im Ergebnis einer Fahrt auf einem Riesenrad von meinem ursprünglichen Wunsch, Pilot zu werden, endgültig Abschied genommen hatte, beschloss ich als, „rasender Reporter“ aus der ganzen Welt zu berichten. Als „Mittagspausen-Notenkoch“ im Schulfunk und Volontär bei der Berliner Zeitung „Junge Welt“ begann meine journalistische Karriere, die sich nach dem Studium als Verantwortlicher für eine Zeitung im sächsischen Gesundheitswesen, Pressesprecher an der Leipziger Sporthochschule DHfK und Redakteur an der Leipziger Volkszeitung fortsetzte, bis ich mir einen Kindheitstraum erfüllte und ein freies Korrespondentenbüro in Moskau übernahm. Das war 1995 – und seither lässt mich Russland nicht mehr los.