Der Völkermord an Leningrad: Vor 75 Jahren begann die Blockade

Foto: RIA Novosti archive, img. #2153 / Boris Kudoyarov CC BY-SA 3.0Foto: RIA Novosti archive, img. #2153 / Boris Kudoyarov CC BY-SA 3.0
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[Von Lothar Deeg] – Am 8. September 1941 begann eine der schlimmsten Episoden des Zweiten Weltkriegs: Die deutsche Wehrmacht und ihre finnischen Verbündeten hatten sämtliche Landverbindungen der zweitgrößten Stadt der Sowjetunion abgeriegelt. Ein Drittel ihrer Bewohner überlebte die zweieinhalbjährige Belagerung nicht, die meisten von ihnen waren verhungert.

St. Petersburg begeht Anfang September innerhalb weniger Tage zwei runde historische Jahrestage: Am 6. September 1991, vor 25 Jahren, bekam die Stadt nach einem Volksentscheid ihren historischen Namen zurück. Und am 8. September vor 75 Jahren begann mit der Blockade Leningrads eines der schrecklichsten Kapitel des Zweiten Weltkriegs. Nachdem Hitlers Blitzkrieg gegen die Sowjetunion ins Stocken geraten war, sollte die Großstadt nicht mehr erobert, sondern ausgehungert werden. Etwa eine Million Menschen starben – und dieses Trauma der Petersburger Stadtgeschichte bleibt im Bewusstsein der nordrussischen Kulturmetropole für ewig mit dem Namen Leningrad verbunden.

Ein Kanten Brot pro Tag – wenn es Brot wäre

Das Museumsexponat ist so schlicht wie anrührend: ein dünnes, abgeschabtes Vesperbrettchen. Darin hat jemand eine russische Inschrift eingebrannt, wohl zum Andenken für die eigene Familie: „Winter 1941. Hunger. Auf diesem Brett schnitten wir das Brot“.

Brot war während der Blockade Leningrads wertvoller als Gold – auch wenn es zur Hälfte aus nicht verdaubaren Beimischungen wie Sägemehl und Zellulose bestand. Zu Beginn des schrecklichen Hungerwinters 1941/42 wurde die zugeteilte Tagesration fünf Wochen lang auf nur 250 Gramm für Arbeiter und 125 Gramm für Kinder und alle anderen herabgesetzt. Davon kann ein Mensch nicht überleben, doch es gab kaum andere Lebensmittel in Leningrad: Die Versorgungswege waren so gut wie abgeschnitten, große Vorräte bei einem deutschen Bombenangriff auf einen Lagerhaus-Komplex gleich in den ersten Blockade-Tagen verbrannt. Alsbald wurden in der Stadt Katzen und Ratten gejagt und gegessen, es gab auch einzelne Fälle von Kannibalismus.

Das Brettchen befindet sich in der beklemmenden Ausstellung im unterirdischen Gedenksaal des „Monuments für die heldenhaften Verteidiger Leningrads“ – einem vor 40 Jahren am südlichen Stadtrand errichteten Denkmal in typisch sowjetischem Beton-Gigantismus, aber ausgestaltet mit sehr sensibel gestalteten Skulpturengruppen: Granaten gießende Arbeiterinnen, Barrikaden bauende, ausgemergelte Zivilisten.

Die Front verlief am Stadtrand

Die Belagerer waren so nahe an die damals 3 Millionen Einwohner zählende Stadt herangerückt, dass die Rotarmisten mit der Straßenbahn zur Front fahren konnten. Touristen, die heute vom Flughafen in die ehemalige Zarenmetropole kommen, um die Kunstsammlungen der Eremitage oder die Fontänenlandschaft des Prunkschlosses Peterhof zu erleben, rollen mit ihren Bussen ohne Halt an dem Monument vorbei: Die Belagerung spielt in heutigen Pauschalreiseprogrammen keine Rolle. Dabei hat in dieser Zeit eine der schönsten Städte Europas unter enormen Entbehrungen und Opfern ihrer Vernichtung widerstanden. In Leningrad starben während des Krieges doppelt so viele Menschen, wie in Deutschland den alliierten Luftangriffen zum Opfer fielen.

Der erste Blockadewinter war auch für russische Verhältnisse extrem kalt – und im belagerten und systematisch mit Artillerie beschossenen Leningrad brach die städtische Infrastruktur zusammen: Es gab keinen Strom, keine Kohle zum Heizen und kaum Leitungswasser, auf den Straßen liegen gebliebene Trolleybusse und Straßenbahnen wurden vom Schnee verschluckt. Leer stehende Holzhäuser wanderten ebenso in die kleinen provisorischen Blockade-Öfen wie viele alte Möbel, Parkettböden und Büchersammlungen. Die Wirtschaft bestand nur noch aus Rüstungsproduktion und der Verteilung der spärlichen Lebensmittelrationen. Die Behörden kümmerten sich um die Aufrechterhaltung der Disziplin, aber auch um die Organisation von Freiwilligentrupps, die Verschüttete bargen, Brände löschten oder Kranke in Hospitäler brachten. Der Ausbruch von Seuchen konnte so weitgehend verhindert werden.

Der Tod wurde zum ständigen Begleiter

Doch tagtäglich starben tausende Menschen den Hungertod – im Bett, beim Wasserholen oder auf dem Fußmarsch zur Arbeit: „Die Menschen sind vom Hunger so geschwächt, dass sie dem Tod keinen Widerstand leisten, sie sterben, wie als würden sie einschlafen. Und die sie umgebenden halblebendigen Menschen beachten sie dabei nicht im Geringsten. Der Tod wurde zu einer Erscheinung, die man auf Schritt und Tritt beobachten konnte“, schrieb die Literaturwissenschaftlerin Jelena Skrjabina in ihren Memoiren.

Drei Viertel aller Blockadeopfer starben in diesem Winter. Im Laufe des Frühjahrs verbesserte sich die Lage langsam: Über die „Straße des Lebens“ kam immer mehr Nachschub per Lastwagen nach Leningrad – und nach und nach wurden 1,3 Millionen Bewohner, darunter die meisten Kinder in der Stadt, evakuiert. Diese häufig unter deutschem Beschuss liegende Versorgungslinie führte 40 Kilometer nach Osten aus der Stadt – und dann über das Eis des Ladogasees. Im Sommer kamen Frachter und Barkassen zum Einsatz. Später gelang es sogar, eine Benzinpipeline und eine Stromleitung durch den größten See Europas zu verlegen.

1942: Die Stadt zeigt ihren Überlebenswillen

Im ersten Blockadesommer 1942 gab es dann wieder vereinzelt Fußballspiele, Theateraufführungen und Konzerte: Elf Monate nach Beginn der Blockade wurde in der Philharmonie die „Leningrader Symphonie“ von Dmitri Schostakowitsch aufgeführt – und im Radio und über das städtische Lautsprechersystem auch über die Front hinweg übertragen.

Die eigentliche Blockade dauerte 17 Monate, dann gelang es den sowjetischen Truppen, einen Landstreifen südlich des Ladoga-Ufers zurückzuerobern: Im Februar 1943 konnte eine provisorische Bahnlinie nach Leningrad verlegt werden. Doch noch immer standen die deutschen Truppen am südlichen Stadtrand und feuerten mit ihren Geschützen immer wieder stundenlang in die Stadt. Bis der Feind auch hier zurückgeschlagen war, verging nochmals fast ein Jahr. Erst am 27. Januar 1944 markierte ein Feuerwerk über der Newa das Ende der Belagerung.

Aus dem Stadtbild getilgt, aber nicht aus dem Gedächtnis

Im touristisch so attraktiven historischen Zentrum von St. Petersburg erinnert fast nichts mehr an diese Schreckenszeit: An einem Haus des Newski Prospekts hat man eine Inschrift konserviert: „Bürger, bei Artilleriebeschuss ist diese Straßenseite die gefährlichere“. An der Isaak-Kathedrale und der Anitschkow-Brücke wurden Schrammen, die Granatsplitter in den Granit rissen, bewusst belassen. Neben dem Mahnmal am Stadtrand gibt es in der Innenstadt noch ein Blockademuseum und eine Ausstellung zu diesem Thema in der Rumjanzew-Villa, einer Filiale des Stadtgeschichtsmuseum.

Das bedrückendste Mahnmal für den von Hitler-Deutschland an einer nicht kriegswichtigen Millionenstadt begangenen „Genozid durch bloßes Nichtstun“ (so der Historiker Jörg Ganzenmüller) ist jedoch der Piskarjowskoje-Friedhof, wo während der Blockadejahre Tote in langen Massengräbern verscharrt wurden: Allein dort liegen 70.000 Soldaten und 420.000 Zivilisten begraben.

[Lothar Deeg/russland.NEWS]

 

 

 

Über den Autor

Lothar Deeg
Lothar Deeg geboren 1965 und gebürtig aus Bad Mergentheim. 1991 infizierte ich mich als frisch gebackener Diplom-Journalist auf einer Reise nach Wladiwostok mit dem Russland-Virus. Rudimentär mit VHS-Russischkenntnissen ausgestattet hängte ich 1994 meinen Redakteursposten beim „fliegermagazin“ an den Nagel und siedelte von München nach St. Petersburg um. Dort schreibe ich seitdem als freier Journalist über alles, was mir aus Stadt und Land berichtenswert erscheint – unter anderem als Korrespondent des epd und des Logistik-Fachblatts „Verkehrsrundschau“. Momentan arbeite ich an meinem dritten und vierten Reiseführer über St. Petersburg. Meine Lieblingsjobs sind aber Städte- und Personenporträts für das Bordmagazin der Airline Swiss.