Der sentimentale Politiker Michail Gorbatschow ist 75 geworden

…einer der bedeutsamsten Politiker des 20. Jahrhunderts, aber außerdem ein normaler Mensch – mit seinen Schwächen, Vorlieben und Interessen. Wie lebt er heute, was interessiert ihn, womit beschäftigt er sich?

Am 2. März, seinem Geburtstag, bekommt Michail Sergejewitsch Gorbatschow immer einen Veilchenstrauß. Das ist ein kleines Symbol der glücklichsten Zeit seines Lebens: des ersten Ehejahres, das in der Region Stawropol verlief. Nun lebt der Mensch, der ihm am nächsten stand und ihm an diesem Tag Blumen schenkte, Raissa Maximowna Gorbatschowa, nicht mehr. Aber die Tochter Irina pflegt die Tradition.

Die Person Michail Gorbatschows löst nach wie vor die hitzigsten Diskussionen aus. Fest steht jedenfalls eines: Er ist gewiss der erste und letzte Präsident der UdSSR und einer der bedeutsamsten Politiker des 20. Jahrhunderts, aber außerdem ein normaler Mensch – mit seinen Schwächen, Vorlieben und Interessen. Wie lebt er heute, was interessiert ihn, womit beschäftigt er sich? Dank den Enkelinnen ist Musik heute eines seiner Hobbies. Er könne zwar so gut wie nichts behalten, sagt er offen, aber wenn Xenija oder Nastja eine CD einlegen, hört er immer zu. 2004 meldeten die Massenmedien: Gorbatschow habe einen Grammy-Preis – den höchsten Preis der amerikanischen Akademie für Musikaufzeichnung – bekommen. Jawohl, das hat er, und zwar nicht allein, sondern in einer glänzenden Gesellschaft. Zusammen mit dem Ex-Präsidenten der USA Bill Clinton und dem weltberühmten italienischen Filmstar Sophie Loren zeichnete er eine CD, „Peter und der Wolf“, auf. Die CD wurde in der Kategorie „Kinderalbum in der Wortkunst“ ausgezeichnet. Es handelt sich um Sergej Prokofjews berühmtes Werk „Peter und der Wolf“ und die vom französischen Komponisten Jean-Pascal Beintus dafür geschriebene Fortsetzung „Der Wolf und Peter“. Sophie Loren sprach zur Musik von Prokofjew, die Fortsetzung fiel Clinton zu, und Gorbatschow sprach die Einleitungen und die Epiloge zu beiden Märchen.

Über seinen Grammy-Preis sagt Gorbatschow: „Das war ein Riesenvergnügen, etwas Schöpferisches für Kinder zu tun. Ich betrachtete das Angebot als Förderung des Politikers. Etwas regte sich in meiner Seele, als wären die Enkelinnen noch ganz klein. Ich finde, man muss den Menschen danken, die den Einfall hatten, uns an diesem ausgezeichneten Projekt zu beteiligen. Und obendrein erhielten wir einen begehrten Preis. Es war selten, dass ich meinen Enkelinnen aus Büchern vorlas, obwohl diese im Hause zahlreich sind.“

Am meisten schätzt er die Familie, die Atmosphäre von Zuhause. Mit Stolz sagt er in einem Interview: „Ich bin dafür, dass sich Kinder selbstständig entwickeln. Die Nabelschnur kann nicht ewig lang sein. Doch dürfen die Verbindungen auf keinen Fall zerrissen werden. Unsere Familie versammelt sich oft vollzählig. Wenn Sie wüssten, wie groß sie jetzt ist!“

Wie jeder an seinen Enkelkindern hängende Großvater ist er bereit, unendlich viel über ihre und ihrer Eltern Erfolge zu erzählen. Auf die Frage von Journalisten, ob Xenija und Nastja in der Umgebung „Wachen – Gouvernanten – Köche“ nicht verwöhnt aufwüchsen, antwortete Gorbatschow, in seinem Hause sei eine „demokratische Atmosphäre, alle sind gleich, und je kleiner ein Mensch ist, desto mehr Rechte hat er“. Etwas traurig gibt er zu, dass Raissa Maximowna eine bessere Freundin und Gespielin für die Kinder und Enkelkinder war als er selbst. Schuld an allem sei sein schweres Beschäftigtsein gewesen, meint der Ex-Präsident leicht reuig. Dennoch war Gorbatschow selbst zur Zeit seiner Präsidentschaft bemüht, die arbeitsfreien Tage mit der Familie zu verbringen. Nach dem Tod seiner Frau spricht Michail Gorbatschow beinahe nie in der Vergangenheitsform von ihr und sucht, die „verräterischen“ Verben ganz zu vermeiden. Er ist wohl kaum sentimental zu nennen, aber in seinen Interviews klingen doch traurige Noten mit, die stets mit der Frau seines Lebens verbunden sind. „Ja, mit Raissa Maximowna ist folgender Vorfall verbunden. Sonst waren wir an diesem Tag (dem 2. März – d. Red.) am liebsten zu Hause, und da verschlug es uns plötzlich nach Los Angeles. März, sehr warm dort um diese Jahreszeit. Meine Frau war besorgt, sie suchte nach Veilchen, damit ich sie am Morgen, gleich beim Erwachen sah. Wir durchwühlten ganz Los Angeles – keine Veilchen. Darauf fanden unsere amerikanischen Freunde eingetopfte Veilchen, schnitten sie ab und gaben sie der glücklichen Raissa. Ein paar Blumen behielten sie und legten sie in ein Buch, zwischen die Blätter… Dann war Raissa Maximowna plötzlich nicht mehr da. An meinem 70. Geburtstag kamen die amerikanischen Freunde mit einem Geschenk: jene gepressten Veilchen auf einem kleinen samtenen Kissen, eingerahmt. Mystisch… Als wären die Blumen direkt von Raissa gekommen… Ich will sie Ihnen zeigen. Sie liegen immer vor mir auf meinem Tisch.“

In dem Haus, das Gorbatschow aus irgendwelchen Gründen nicht Haus nennt, sondern lieber von der Datsche oder dem Wohnort spricht, verändert sich in letzter Zeit nichts. Eine Wohltat ist es, dass die Tochter nur fünf Minuten Fahrt weiter wohnt. „Wir sehen uns täglich. Irina hat mir ein Radtrainingsgerät und eine Trainingsbahn mit Pulskontrolle geschenkt, dies für den Fall, dass etwas mich daran hindert, im Walde zu spazieren. Jeden Morgen absolviere ich einen Sechs-Kilometer-Spaziergang. Um sieben oder acht Uhr früh stehe ich auf, dann kommt eine Stunde Körperübungen und dann – nichts wie an die frische Luft. Man muss auf sich achten. Nach meiner alten Gewohnheit gehe ich erst um zwei Uhr nachts zu Bett. Ich brauche die Augen nur zuzumachen, und schon sehe ich mein Heimatdorf Priwolnoje, unseren Garten und die Steppe ringsum. Das Haus meiner Kindheit steht längst nicht mehr, der Garten wurde umgepflügt, ich aber kann in meinem Gedächtnis alles bis auf den Zentimeter genau rekonstruieren. Je älter ich werde, desto klarer sehe ich: Mein Haus ist dort, das Übrige sind vorübergehende Wohnungen. Unsere Unterhaltungskünstlerin Sofija Rotaru hat da ein wunderbares Lied: „Das Elternhaus, der Anfang von allem…“

Sein 75-jähriges Jubiläum nennt Michail Sergejewitsch den Beginn des Altseins, versichert jedoch: „Wir werden diese Stufe nehmen und weitergehen.“