Der Mann der den Atomkrieg verhinderte ist tot

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[ein Nachruf von Michael Barth] So gewöhnlich und unscheinbar der Name Stanislaw Petrow klingen mag, er steht für den wohl mutigsten Mann der Nachkriegsgeschichte. Die Welt stand in den 1980er-Jahren am Rande eines Atomkriegs, allein Stanislaw Petrow verhinderte am 26. September 1983, dass er auch wirklich ausbrach. Nun wurde inoffiziell bekannt, dass der „Held des Kalten Krieges“ im Alter von 77 Jahren verstorben ist.

Es wurde nie groß Aufhebens um den Mann gemacht, den man unbestritten als militärischen Helden bezeichnen kann, obwohl er nie eine Schlacht gewonnen hat. Vermutlich hätte er das auch gar nicht gewollt. So wie seine Heldentat seinerzeit erst in den 90er-Jahren publik gemacht wurde, trat Stanislaw Petrow unbemerkt von der Öffentlichkeit bereits am 19. Mai 2017 seine letzte Mission an. Noch kurz vor seinem Tod mahnte der ehemalige Oberstleutnant der sowjetischen Streitkräfte, aus den damaligen Vorfällen zu lernen und gemachte Fehler nicht erneut zu begehen. Noch einmal werde wohl niemand mehr die Welt retten können.

Petrow sagte in einem Inteview mit der Frankfurter Allgemeinen Zeitung, dass sich die militärische Situation seit damals verändert habe. Damals konnte er als befehlshabender Offizier die Falschmeldungen und Fehlfunktionen des computergestützten Kontrollsystems, dass den Massenstart von amerikanischen Atomraketen vermeldete noch mit menschlicher Kompetenz einschätzen. Heute wäre dies laut Petrows Aussage undenkbar, da zu zuallererst ein einzelner Flugkörper das Kommunikationssystem des Gegners ausschalten würde. Der vernichtende Schlag erfolge dann erst daraufhin. Böse Zungen behaupten deshalb nicht ganz zu unrecht, dass eine Kriegserklärung heutzutage einfach nur getwittert würde.

Wer zuerst zuschlägt lebt 20 Minuten länger

Der posthume Trubel um seine Person war Stanislaw Petrow schon zu Lebzeiten ein Gräuel. Von der sowjetischen Regierung erhielt er ohnehin keine Anerkennung für seine besondere Tat. „Das Überwachungssystem war einzigartig in der Welt, es durfte keine Fehler haben. Und jetzt sollte ich, der Fehler entdeckt hatte, als Strahlemann dastehen? So funktionierte das nicht“, sagte Petrow, als er 2013 mit dem Dresdner Friedenspreis geehrt wurde. Bescheiden fügte er hinzu: „Ich wurde als der Mann beschrieben, der die Welt gerettet habe, dabei habe ich einfach nur meinen Job gemacht.“ Einen Job, der binnen zwanzig Minuten darüber entschied, den Planeten in einem atomaren Blitz sterben zu lassen oder ihn zu erhalten.

Während einer gewöhnlichen Routinearbeit an jenem besagten 26. September 1983 machte der diensthabende Offizier Petrow eine schicksalshafte Beobachtung. Um 00:15 Uhr heulte eine ohrenbetäubend schrille Sirene im Luftüberwachungszentrum Serpuchow, 50 Kilometer südlich von Moskau, und schlug Alarm. Auf einer riesigen Anzeige, „die ich überhaupt zum ersten mal wahrnahm“, so Petrow später, leuchtet groß das Wort START. „Das Überwachungssystem hat mit höchster Wahrscheinlichkeit den Start einer Interkontinentalrakete von einer amerikanischen Basis entdeckt“, erklärte Petrow den Vorfall. Es lag nun an ihm, den ersten in einer Kette von Verantwortlichen, den Raketenstart zu bestätigen oder zu widerlegen. Stanislaw Petrow wollte auf keinen Fall verantwortlich sein für den Beginn des Dritten Weltkriegs. Er bewertet das Signal als Fehlalarm.

Er selbst habe der ganzen Sache nicht allzu viel Bedeutung geschenkt und schwieg zehn Jahre lang, bis seine Heldentat nach dem Zerfall der Sowjetunion publik gemacht wurde. Einen Orden bekam er jedoch lediglich für seine Verdienste um den Aufbau der Anlage. Im Jahre 2006 verlieh man Petrow in New York dann endlich einen Preis der UNO für seine Verdienste um die Erhaltung der Welt. Es folgten der Deutsche Medienpreis 2012 sowie der Dresdner Friedenspreis im Jahr darauf. Der Filmregisseur Peter Anthony erkannte in dem Stoff die Grundlage für eine Action-Doku, die als dänisch-amerikanische Produktion mit Robert de Niro und Kevin Costner im Jahr 2014 an den Kinostart ging. Anfang Oktober 2015 erschien ein Buch von Ingeborg Jacobs im Westend-Verlag mit dem Titel „Stanislaw Petrow: Der Mann, der den Atomkrieg verhinderte“.

Die Information, dass „der militärische Held, der nie einen Schuss abgegeben hatte“ gestorben ist, entstammt einem privaten E-Mailverkehr, der auf Grund eines Telefonats für einen erfolglosen Geburtstagsgruß am 7. September folgte. Der Sohn Petrows teilte einem Oberhausener, der es 1999 ermöglicht hatte, Stanislaw Petrow für einen zweiwöchigen Besuch nach Deutschland zu bringen und nach wie vor mit ihm in Kontakt stand mit, dass sein Vater bereits vor Monaten gestorben sei. Der Mann, der die Welt rettete schloss in seinem Wohnort Frjasino bei Moskau für immer die Augen. Für all diejenigen die ihm heute ihr Leben verdanken, wird er niemals vergessen sein. Stanislaw Petrow, der Mann, der im richtigen Moment die richtige Entscheidung traf.

[mb/russland.NEWS]

Über den Autor

Michael Barth
1961 in Nürnberg geboren und von da aus ab 1979 die große weite Welt erkundet. Die Wege führten anfangs nach Klein- und Mittelasien und waren stets das Ziel. Immer mit im Gepäck, der sehnsüchtige Blick auf die schier unerreichbare UdSSR. Dann fiel der eiserne Vorhang, die Pfade führten nach Nordosten. Durch einen glücklichen Umstand tat sich letztendlich Russland auf. Der berufliche Werdegang verlief zunächst sehr unjournalistisch. Ständig auf der Suche nach neuen Aufgaben und Herausforderungen war nach der Ausbildung zum Kirchenmaler vom Krematoriumsarbeiter bis zum R’n’R Caterer so ziemlich alles dabei, was Abenteuer und Ungewöhnlichkeit versprach. In Russland kam 2008 der Journalismus hinzu. Weltenbummeln und schreiben – perfekt. Zuerst bei einer kleinen Gazette und ab 2012 ernsthaft im Feuilleton bei russland.RU. Seit 2014 dort Chefredakteur.