Der „Islamische Staat“. Hintergründe

Abbildung: Erfurter Moschee/DRWAbbildung: Erfurter Moschee/DRW
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Der „Islamische Staat“ (IS) wurde im Sommer 2014 mit dem Ziel ins Leben gerufen, das Kalifat wieder zu errichten. Also einen Staat, in dem die weltliche und geistliche Führung in einer Person vereint ist, derjenigen des Kalifen. Dieser „Islamische Staat“ (dessen Flagge in der Bundesrepublik Deutschland nicht abgebildet werden darf) soll nicht nur die gesamte muslimische Welt umfassen, sondern erhebt sogar einen globalen Anspruch.

Das Kalifat erlebte vom 7. bis 10. Jahrhundert seine Blütezeit – in der die junge muslimische Welt Europa zivilisatorisch weit voraus war. In den folgenden Jahrhunderten verloren die Kalifen weitgehend ihre Macht, und im 16. Jahrhundert erlosch das Kalifat vollständig. Die türkischen Sultane erhoben ab Ende des 18. Jahrhundert als Hüter der den Muslims heiligen Stätten Mekkas und Medinas und als die Herrscher des mit Abstand mächtigsten muslimischen Staats wieder den Anspruch als Kalif zu gelten. Aber zu dieser Zeit befand sich das Osmanische Reich bereits seit 100 Jahren in einem Niedergang. 1924 erlosch auch dieses Kalifat.

Bakr al-Baghadi

Bakr al-Baghadi

Der IS will also an eine über 1000 Jahre zurückliegende Epoche anknüpfen, aber keineswegs an den zivilisatorischen Anspruch dieser frühen Phase des Islams. Abu Bakr al-Baghdadi ist der Kalif des IS. Unter seiner Führung werden bereits seit Jahren massenhaft grauenhafte Verbrechen begangen, zunächst überwiegend im Irak.

Im Sommer vergangenen Jahres konnte der mehr als ehrgeizige Anspruch des IS als Ausdruck realitätsfremden Irrsinns gelten. Der IS hat in den darauffolgenden Monaten aufgrund der Schwäche und Zerrissenheit einiger muslimischer Staaten jedoch beträchtliche Geländegewinne erzielt.

Seit gut einem Jahr engagieren sich westliche Staaten im Kampf gegen den IS, teils direkt durch Luftangriffe (u.a. die USA), teils durch Waffenlieferungen an deren Gegner oder Ausbildungshilfe (u.a. Deutschland).

Werfen wir zunächst einen Blick auf die Kräfteverhältnisse in der Levante Anfang Juni 2015: Die grau markierten Flächen wurden vom IS beherrscht, die rosa von der syrischen Regierung, die lila von der irakischen Regierung, die weißen durch die extremistische Al-Nusra-Front, die allerdings mit dem IS verfeindet ist, die hellgrünen von den syrischen Gegnern Präsident Assads und die beigen von den syrischen bzw. irakischen Kurden. Welch eine verwirrende und entsetzliche Lage!

Kräfteverhältnisse in der Levante Anfang Juni 2015

Kräfteverhältnisse in der Levante Anfang Juni 2015

Mitte September bot sich folgendes Bild:

Mitte September bot sich folgendes Bild

Der IS verzeichnete somit im Irak Verluste, konnte seine Stellung in Syrien jedoch ausbauen. Auch in Libyen hat er Fuß fassen können. Werfen wir als erstes einen Blick auf die Situation Ende April 2015: Das grau gekennzeichnete Territorium wurde vom IS beherrscht, das rosa- bzw. grünfarbene von den beiden rivalisierenden libyschen Regierungen und ihren Verbündeten:

Blick auf die Situation Ende April 2015

Blick auf die Situation Ende April 2015

Mitte August stellte sich die Lage folgendermaßen dar:

Mitte August stellte sich die Lage folgendermaßen dar

Der IS hat in Libyen seine Stellung also merklich ausbauen können und beherrscht seit Sommer 2015 den wichtigen Hafen Sirte.

Terrorgruppen aus dem russischen Nordkaukasus und Afghanistan bzw. Usbekistan haben sich dem IS angeschlossen. Bislang kann noch keine Rede von einem gemeinsamen militärischen Kommando sein. Die Strategie ähnelt vielmehr derjenigen eines Franchise-Unternehmens: Es gibt eine gemeinsame „Unternehmensphilosophie“ und gemeinsame Symbole, aber jeder handelt auf eigene Rechnung. Gleichwohl ist denkbar, dass bereits jetzt auch Teile des Vorgehens durch die IS-Führung koordiniert und geleitet werden. Das Internetzeitalter macht vieles möglich, was noch vor 20 Jahren undenkbar schien.

Eine Niederlage des IS ist trotz der Anstrengungen seiner Gegner – der irakischen und syrischen Regierungen, einiger syrischer Oppositionsgruppen sowie des Westens – nicht absehbar.

In Kürze folgt ein weiterer Beitrag zu diesem Thema.

Quellen:

Foto von Abu Bakr al-Baghdadi (aus dem Jahre 2004:
http://www.nctc.gov/site/profiles/dua.html

Karte Levante Anfang Juni 2015:
https://en.wikipedia.org/wiki/en:Creative_Commons;
https://creativecommons.org/licenses/by-sa/4.0/deed.en

Karte Levante Mitte August 2015:
https://en.wikipedia.org/wiki/en:Creative_Commons;
https://creativecommons.org/licenses/by-sa/4.0/deed.en

Karte Libyen Ende April 2015:
https://en.wikipedia.org/wiki/en:Creative_Commons;
https://creativecommons.org/licenses/by/3.0/deed.en

Karte Libyen Mitte August  2015:
https://en.wikipedia.org/wiki/en:Creative_Commons;
https://creativecommons.org/licenses/by/3.0/deed.en

Über den Autor

Dr. Christian Wipperfürth
Arbeitet als Freier Publizist, Er hat zuvor für das Europäische Parlament bzw. den Deutschen Bundestag gearbeitet und Internationale Beziehungen an der Universität in St. Petersburg gelehrt.