Der Dollar in Russland: Nie war er so wertvoll wie heute

dollar-1071788_960_720
image_pdfimage_print

Der Kursverfall des Rubels nimmt dramatische Züge an: Am Dienstag erreichte der amtliche Zentralbank-Kurs für den US-Dollar mit 70,83 ein neues Allzeit-Hoch. Der extrem tiefe Ölpreis droht auch den Staatshaushalt aus der Balance zu bringen.

Es ist fast genau ein Jahr her, dass am Moskauer Devisenmarkt die blanke Panik herrschte: Der Wert des Rubels kollabierte, Euro und Dollar schossen in bis dahin für irreal gehaltene Höhen. Die Russen stürmten zur Rettung ihrer Rubel-Ersparnisse in den folgenden Tagen die Elektronikmärkte und Autohändler. Auslöser war ein heftiger Verfall des Ölpreises: Doch vor einem Jahr brachte ein Barrel Rohöl der Marke Brent noch etwa 60 Dollar. Heute sind es nur noch 38 Dollar.

Die Folge: Jetzt hat, allerdings ganz ohne Panik, der seit zwei Monaten stetig an Wert verlierende Rubel seinen bisherigen Tiefpunkt überschritten. Der am Dienstag von der russischen Zentralbank anhand des Devisenmarktgeschehens festgesetzte offizielle Kurs für den US-Dollar von 70,83 ist der niedrigste Kurs seit der Denominierung des Rubels um den Faktor 1000 im Jahre 1998.

Euro noch nicht am Höchststand angekommen

Der Euro steht amtlich bei 78,23 Rubel und hat damit noch etwas Raum bis zum historischen Höchststand von 84,58 Rubel vor einem Jahr. Dennoch steht die zwischenzeitlich gegenüber dem Dollar etwas schwächer gewordene EU-Währung in Russland schon jetzt auf dem Niveau der Spitzenwerte der Rubelkrise zu Beginn des Jahres.

So sehr man in Russland in den letzten Jahren auch die Diversifizierung der Wirtschaft und die Importsubstitution beschworen hat – am ökonomischen Hauptdilemma des Landes hat sich nicht viel geändert: Russlands Volkswirtschaft hängt wie jeher an der Rohstoffnadel: Zwei Drittel der Exporte gehen auf das Konto von Öl und Gas – und die Hälfte des Staatsbudgets wird letztlich aus den Einnahmen mit der Förderung dieser Energieträger bestritten.

Selbst in Rubel wird das Ölgeld knapp

Aber diese Einnahmen sprudeln jetzt nicht mehr, selbst die laufende Abwertung des Rubels gleicht landesintern den Einnahmenverlust nicht mehr aus: Während 2014 der Rubelkurs und der Ölpreis eng korrelierten und letztlich ein Barrel Öl der russischen Volkswirtschaft mehr oder weniger stabil immer etwa 3600 Rubel einbrachte, spült die gleiche Menge Öl gegenwärtig nur noch 2700 Rubel in die Kassen: Russland hat jetzt also, selbst wenn man in Rubel rechnet, ein Viertel weniger Öleinnahmen als vor einem Jahr. Berücksichtigt man die Inflation mit, ist es sogar ein Drittel.

Deshalb wird es nun auch für den russischen Staat eng: Der just ebenfalls am Dienstag von Präsident Wladimir Putin unterzeichnete Staatshaushalt für 2016 basiert auf einem Durchschnittspreis von 50 Dollar für das Barrel der russischen Ölsorte Urals. Da Urals jedoch immer zwei bis drei Dollar billiger als das besonders feine Nordseeöl Brent gehandelt wird, liegt der aktuelle Preis dafür momentan bei 35 Dollar – einem Wert, den man bis vor wenigen Tagen allenfalls in Worst-case-Szenarien von Ministerien und Zentralbank fand.

Plünderung des Sparstrumpfs und Sparmaßnahmen zu erwarten

Schon jetzt sieht das Staatsbudget Einsparungen im Sozial- und Bildungssektor, der Kultur und der Sportförderung vor. Erholt sich der Ölpreis nicht alsbald deutlich (was momentan kaum jemand ernsthaft erwartet), werden also zusätzliche Kürzungen der Staatsausgaben nötig – und auch die in zwei Staatsfonds noch vorhandenen Rücklagen aus den fetten Ölpreisjahren werden entgegen der momentanen Planung ganz aufgebraucht.

Das Wort „Krise“ wird von offizieller Seite nicht in den Mund genommen. Der Kreml bemüht sich, die Lage undramatisch darzustellen: Man verfolge hinter seinen Mauern die „Kursschwankungen“ zwar mit Besorgnis, so Putins Pressesprecher Dmitri Peskow. Konkrete Maßnahmen seien jedoch Sache der Regierung. Ein Kommentator der Wirtschaftszeitung „Delowoj Peterburg“ meint hingegen, für Russlands Beamte und Wirtschaftsvertreter sei mit dem Rückgang auf die Weltwirtschaftskrisen-Ölpreise von 2008 schlichtweg „ein Alptraum wahrgeworden“. Sollte das Preis-Tief einige Quartale anhalten, sei mit „einem heftigen Einbruch beim privaten Konsum und den Unternehmensumsätzen“ zu rechnen.

German Gref, der Chef der Sberbank, Russlands größter Bank, erwartet bei einem Preisniveau von 35 Dollar zwar keine „völlig schreckliche Situation“, aber definitiv ein „weniger süßes Leben“ als bei 50 Dollar. Unabhängig vom Ölpreis müssten jetzt extrem wichtige Entscheidungen für die weitere Entwicklung der Wirtschaft getroffen werden: „Wenn es keine Reformen gibt, kann man leider in den nächsten Jahren keine Verbesserung erwarten“, so Gref.

[ld/russland.RU]

Über den Autor

Lothar Deeg
Lothar Deeg geboren 1965 und gebürtig aus Bad Mergentheim. 1991 infizierte ich mich als frisch gebackener Diplom-Journalist auf einer Reise nach Wladiwostok mit dem Russland-Virus. Rudimentär mit VHS-Russischkenntnissen ausgestattet hängte ich 1994 meinen Redakteursposten beim „fliegermagazin“ an den Nagel und siedelte von München nach St. Petersburg um. Dort schreibe ich seitdem als freier Journalist über alles, was mir aus Stadt und Land berichtenswert erscheint – unter anderem als Korrespondent des epd und des Logistik-Fachblatts „Verkehrsrundschau“. Momentan arbeite ich an meinem dritten und vierten Reiseführer über St. Petersburg. Meine Lieblingsjobs sind aber Städte- und Personenporträts für das Bordmagazin der Airline Swiss.