Der 22. Juni 1941. Eine Leerstelle in der deutschen Erinnerung

Gedenkstätte © makhotina
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Der 22. Juni, der Jahrestag des  Überfalls Nazi-Deutschlands auf die Sowjetunion, fand auch in diesem Jahr kaum öffentliche Aufmerksamkeit. Über die Geschichte dieser Leerstelle in der bundesdeutschen Erinnerungskultur sowie über die aktuellen Initiativen zum Gedenken schreibt Dr. Ekaterina Makhotina, Osteuropahistorikerin an der Universität Bonn.

„Nichts ist auffälliger als ein fehlendes Denkmal.“ (Alexander Etkind)

[von Dr. Ekaterina Makhotina] Mitte Juni wies der Historiker Peter Jahn in der ZEIT auf eine „eine große Leerstelle im offiziellen Gedenken“ hin und meinte damit das Gedenken an die Opfer des deutschen Vernichtungskrieges im Osten. Tatsächlich, gibt es am Tiergarten, an dem Ort mit Mahnmalen für die vielen Opfergruppen, kein Denkmal für die Millionen Opfer der NS- Lebensraumpolitik im Osten. „Umso dringender braucht es endlich ein weithin sichtbares Denkmal für die Opfer der nationalsozialistischen Lebensraumpolitik. Einen großen Stolperstein, der deutlich macht: Diese Menschen sind für uns keine Opfer der zweiten Klasse“,[i] so Peter Jahn, der lange Jahre das Deutsch-Russische Museum Berlin-Karlshorst leitete.

Auf der wissenschaftlichen Ebene ist der Krieg im Osten, seine Versklavungs- und Vernichtungspolitik gut erforscht: Studien von Dieter Pohl, Christian Gerlach, Christoph Dieckmann und Jörg Ganzenmüller legten die genozidale Politik der deutschen Militärführung in den sowjetischen Republiken offen.

Auch die Dauerausstellung über die Ursachen, den Verlauf und die Folgen des deutschen Vernichtungskrieges im Osten im Deutsch-Russischen Museum Berlin-Karlshorst informiert ausführlich darüber. Der heutige Direktor des Museums, Jörg Morré und seine Mitarbeiter setzen sich trotz – oder gerade wegen – des angespannten Verhältnisses zwischen Russland und Deutschland für die Aufklärung über die jüngste Vergangenheit ein. Berliner  kamen auch in diesem Jahr am 22. Juni zum Museum, um den sowjetischen Opfern des Deutschen Krieges im Osten zu gedenken.

Auch auf der politischen Ebene ist in den letzten Jahren viel in Bewegung gekommen: Das genozidale Vorgehen der Wehrmacht vor Leningrad wurde 2014 zum Thema, als der sowjetische Veteran und Blockade-Überlebende Daniil Granin im deutschen Bundestag sprach. Im Mai 2015 würdigte der damalige Bundespräsident Joachim Gauck eine der größten Opfergruppen der deutschen Kriegsführung im Osten – die sowjetischen Kriegsgefangenen – offiziell und stellte eine Entschädigung für Überlebende in Aussicht.

Zugleich bekam der 75. Jahrestag des deutschen Überfalls auf die Sowjetunion im letzten Jahr (2016) kaum öffentliche Aufmerksamkeit, – außer einer kurzfristig einberufenen Debatte im Bundestag (auf Initiative der Partei „Die Linke“) fanden keine staatlichen Zeremonien statt. Das öffentliche Wissen über die unvergleichliche Dimension der Gewalt, die die Bevölkerung der Sowjetunion 1941-1944 erfahren hat, ist nach wie vor mangelhaft. Sehr selten ist es ein Teil des Allgemeinwissens, nur marginal Teil der Schulbildung, so dass Leningrad oft mit Stalingrad und Katyn mit Chatyn verwechselt wird. Zu dieser Verwechslung kommt es auch bei den heutigen Geschichtsstudenten. Diese unvergleichliche Dimension der Opfer- und Augenzeugenerfahrung soll noch einmal kurz in Erinnerung gerufen werden.

Mit dem Überfall auf die Sowjetunion am 22. Juni 1941 begann das nationalsozialistische Deutschland einen historisch bis dahin nicht gekannten Vernichtungskrieg. In diesem Krieg sind 14 Millionen sowjetische Zivilisten und 13 Millionen Rotarmisten ums Leben gekommen, die sowjetische Gesellschaft hatte die höchste Zahl an Opfern in Europa zu beklagen.  Es war ein präzendenzloser Krieg, einzigartig in seinem systematischen Mordprogramm und den gigantischen Beutephantasien, er zeichnete sich durch Raubpolitik, durch geplanten Hunger im Besatzungsgebiet, durch einkalkuliertes Massenelend und Sterben der sowjetischen Bevölkerung aus.

Im eingekesselten Leningrad (heute St. Petersburg) starben mehr als eine Million Menschen an Folgen dieser genozidalen Politik. Die Stadt an der Newa bleibt in der Geschichte des Zweiten Weltkrieges ein einzigartiges Beispiel einer Belagerung, die nicht auf die Einnahme der Stadt aus war, sondern auf ihre vollständige Vernichtung durch Aushungern und Artilleriebeschuss. Der Osteuropahistoriker Jörg Ganzenmüller stellte in seiner Studie über das belagerte Leningrad eindringlich dar, dass auch nicht-jüdische Bürger der Sowjetunion der genozidalen Politik zum Opfer gefallen sind. Der Raub- und Ernährungskrieg hatte auch für andere sowjetische Städte verheerende Folgen: für die Zivilbevölkerung richtete man „Hungerghettos“ ein, so starben 1942 im ukrainischen Charkiv in kurzer Zeit mehrere zehntausend Menschen an Mangelernährung.

Immer wieder nimmt man das Erstaunen deutscher Touristen im heutigen St. Petersburg wahr, wie freundlich man doch – trotz dieses historischen Erbes – empfangen wird. Auch mag uns die Freundschaft erstaunen, die sowjetische Veteranen zu deutschen Veteranen entwickelt hatten.

Eines der schlimmsten Kriegsverbrechen beging die Wehrmacht an den sowjetischen Kriegsgefangenen. Hunderttausende sowjetischer Soldaten wurden bereits in den ersten Kriegswochen gefangen genommen, für sie bedeutete die Gefangenschaft Massensterben. Von insgesamt 5 Millionen sowjetischer Kriegsgefangene starben 3 Millionen in deutscher Gefangenschaft, die meisten von ihnen – bis Dezember 1941.

Folgender Aspekt prägte die deutsche kollektive Erinnerung an den Krieg im Osten: sowohl die Gegner, als auch KZ-Gefangene als auch die sowjetischen Zwangsarbeiter wurden ungeachtet ihrer Nationalität – waren es Russen, Ukrainer oder Weißrussen – der „Russe“ genannt. Nach dem Krieg galten im öffentlichen Bewusstsein hierzulande gerade „Russen“ als Täter – und Deutsche als Opfer, so auch Peter Jahn im erwähnten Beitrag in der ZEIT.

Mit dem deutschen Überfall begann auch die beispiellose Gewalt gegen die jüdische Bevölkerung der Sowjetunion. Direkt nach dem Angriff begannen auf den Straßen und Plätzen der deutschbesetzten Städte und Dörfer die Aussonderung und der Mord an den jüdischen Bürgern der Sowjetunion. Der Holocaust im Osten war Vernichtung durch Erschießung –  in der Ukraine, im Baltikum, in Russland und in Weißrussland wurden Juden in unzähligen Massakern vernichtet. Auf der europäischen Karte des Holocaust sticht Litauen besonders hervor. Der Historiker Christoph Dieckmann zeigte in seiner Studie zur deutschen Besatzungspolitik in Litauen, dass sich in keinem anderen europäischen Land die deutschen Kriegsplaner so schnell dazu entschieden haben, die Juden zu ermorden. Das litauische Judentum wurde fast vollständig vernichtet, größtenteils in den ersten Kriegsmonaten. Bis zum 1. Dezember 1941 wurden mehr als 130 Tausend litauische Juden ermordet: allein im Waldstück Paneriai wurden insgesamt 70 Tausend Juden aus dem Vilniusser Ghetto und den umgebenden Dörfern erschossen. In Litauen gibt es 200 solcher Orte, und nicht alle von ihnen sind als Gedenkorte gekennzeichnet. Die Vernichtung des litauischen Judentums steht in einem direkten Zusammenhang mit der deutschen Blitzkriegsführung, mit den deutschen Ausbeutungsphantasien und der Vorstellung von Juden als „überflüssigen Essern“.

Eine beispiellose Gewalt erfuhr die Bevölkerung Weißrusslands. Von Beginn an war die radikale Bestrafung im Fall des Widerstands geplant – und wurde umgesetzt. In Weißrussland, wo der Partisanenwiderstand besonders stark ausgeprägt war, haben die deutschen Kriegsführer 1943 die meisten Vergeltungsaktionen an Zivilisten durchgeführt. Das Ergebnis der genozidalen Politik der verbrannten Erde war über zwei Millionen getötete Weißrussen. Keine Familie in Weißrussland blieb vom Terror unberührt.

Der Krieg hat im biografischen Gedächtnis der Weißrussen, Ukrainer und Russen tiefe Spuren hinterlassen. Es ist ungemein wichtig, die historische Verantwortung, von der deutsche Politiker so oft sprechen, aufrechtzuerhalten, – in Bezug auf alle ehemaligen Sowjetrepubliken, in denen der Terror gewütet hat.

Denn: der Krieg gegen die Sowjetunion war in der NS-Ideologie als Krieg gegen die „extremste Form des Weltjudentums“ deklariert und konsequent vorbereitet; er wurde eben nicht gegen die einzelnen Länder geführt. Die Ermordung der sowjetischen Zivilisten und Kriegsgefangenen und die Auslöschung des sowjetischen Judentums ist zu wenig präsent; jedoch nicht, weil die Erinnerung an die russischen Opfer alle anderen Opfer in den Schatten gestellt hat.

Der ehemalige Bundespräsident Joachim Gauck brachte es in seiner Ansprache auf der Gedenkveranstaltung anlässlich des Massakers von Babij-Jar bei Kiew 2016 auf den Punkt: „Dies ist ein Plädoyer für eine grenzübergreifende gemeinsame Forschung, die neuerlichen modischen Versuchungen widersteht, die Wahrheit durch das Prisma der Nation zu suchen.“

Dieser Aufruf ist für eine europäische Geschichtspolitik umso wichtiger, wenn man bedenkt, dass bei den nationalisierenden Betrachtungen auf die Geschichte jene Gruppe aus dem Blick gerät, die ihre Stimme in diese Debatte  nicht mehr einbringen kann: die ermordeten Juden der Sowjetunion. Wären sie noch am Leben, würde die heutige Diskussion um die Befreiung oder Besatzung um die Augenzeugenschaft und Mittäterschaft der Einheimischen anders verlaufen. Vielleicht wäre auch die Frage präsenter, warum Juden nur in der Rolle der passiven Opfer erscheinen dürfen, – jedoch nicht als aktive Widerstandskämpfer in den Reihen der Roten Armee oder der Partisanenverbände. Diese  – nun stummen – Stimmen mitzudenken wäre äußerst wichtig für die Diskussion über die „gemeinsame europäische Erinnerung“.

Die verstärkte geschichtspolitische Aufmerksamkeit von Seiten der deutschen Politik gegenüber Gebieten, die ehemals unter der deutschen Besatzung gelitten haben, ist zu begrüßen. Sie könnte dazu führen, dass Gedenkstätten wie Salaspils in Lettland oder das Neunte Fort Kaunas in Litauen in den europäischen Wahrnehmungshorizont rücken und zu „europäischen Erinnerungsorten“ werden. Sie könnte ermöglichen, dass das „Blockadebuch“ von Ales’ Adamowitsch und Daniil Granin in seiner vollständigen unzensierten Fassung ins Deutsche übersetzt wird  oder dass Anatolij Kuznecovs „Babij Jar“ (1966/2001) in Schulen gelesen wird. Die Aufmerksamkeit würde möglicherweise dazu führen, dass Elem Klimovs Film „Geh und Sieh“ (1984), über ein Kinderschicksal in Weißrussland, irgendwann den Bekanntheitsgrad von „Schindlers Liste“ erlangt und dass die Lagerstätte Stalag-328 in L’viv, in der sich heute ein Luxushotel befindet, in eine Gedenkstätte umgewandelt wird. Es würde vielleicht auch dazu führen, dass in der deutschen Hauptstadt eine Gedenkstätte für alle Opfer des Vernichtungskrieges entsteht, ein „Ort der Unsicherheit“ und der kritischen Selbstreflexion.

[i] http://www.zeit.de/2017/25/holocaust-gedenken-slawische-untermenschen

Quellen:
https://www.welt.de/geschichte/zweiter-weltkrieg/article165808736/Angriffstag-von-Barbarossa-soll-Gedenktag-werden.html

http://www.zeit.de/2017/25/holocaust-gedenken-slawische-untermenschen

Kommentar:
von Horst Beger, Mitglied der Gesellschaft für Deutsch-Russische Begegnung Essen mit der Städtepartnerschaft Nishnij Nowgorod 26. Juni 2017

Die ausführliche Zusammenstellung der „Leerstellen deutscher Erinnerung“ von Dr. Ekaterina Makhotina berücksichtigt nicht, dass dem erklärten genozidalen Angriffs- und Vernichtungskrieg Hitlers auch der jahrhunderter alte „Kulturkampf“ des Westlichen Christentums gegen das Orthodoxe Christentum zugrunde lag, wie der amerikanische Politologe Samuel Huntington das vor Jahren wieder aufgezeigt hatte. Obwohl Hitler seine genozidalen Ziele bereits 1928 in „Mein Kampf“ angekündigt hatte, wurde Hitler 1933 von den „christlichen“ Nationalisten um den päpstlichen Kammerherrn von Papen an die Macht gebracht, um „ein Bollwerk gegen den Bolschewismus“ zu schaffen, der 1917 mit deutscher Hilfe in Russland installiert worden war. Und die römische Kirche hat das mit dem Konkordat mit Hitler unterstützt und zu den Opfern bis heute geschwiegen bzw. jesuitistisch den „Brüdern und Schwestern der Kirche, die sich schuldig gemacht hätten“ in die Schuhe geschoben. Dieser Kulturkampf zeigt sich auch in dem Ukrainekonflikt, in dem die katholisch geprägte Westukraine einseitig gegen die orthodoxe Ostukraine unterstützt wird, auch wenn dabei geostrategische Ziele der USA und der NATO im Vordergrund stehen und es angeblich „nur um die Verletzung des Völkerrechtes“ geht. Die Errichtung von Gedenkstätten auch für die russischen Opfer wird daher alleine nicht ausreichen, um auch diesen Kulturkampf bewusst zu machen.

Erstveröffentlichung russlandkontrovers.de