Den Süden Weißrusslands traf Tschernobyl am schlimmsten

Weißrussland hat die Atomkatastrophe von Tschernobyl besonders hart getroffen. Weder in der Ukraine noch in Russland wurde eine so große Fläche wie in Belarus verseucht. Insgesamt 23 Prozent des Territoriums der Ex-Sowjetrepublik wurden kontaminiert. Die Region Gomel im Süden bekam am meisten von allen Gebieten ab, die vom Tschernobyl-Fallout betroffenen waren.

BEVÖLKERUNG

Mehr als 100.000 Menschen wurden aus Gomel in saubere Gebiete umgesiedelt, in denen eigens rund 30.000 neue Wohnungen gebaut wurden. Die demographischen Folgen sind bis heute spürbar: „Es gibt eine große Masse von Rentnern“, sagt Liudmila Lisiuk, die in der Regionalverwaltung für Tschernobyl-Folgen verantwortlich ist. Deshalb wirbt die Region gezielt um Spezialisten, denen unter anderem ein Haus versprochen wird, wenn sie nach Gomel ziehen. Im Gomeler Gebiet leben rund 90.000 Kinder. Jedes von ihnen hat Anspruch auf einen Erholungsaufenhalt im Inland oder Ausland pro Jahr, außerdem erhalten Kinder kostenfreie saubere Verpflegung in Schulen und Kindergärten.

Insgesamt 98 Dörfer mussten in der Region Gomel abgetragen werden. Von 1990 bis heute wurden fast 3000 Häuser abgerissen und „regelrecht mit Erde zugeschüttet, wie Lisiuk sagt. Mehr als 7000 Häuser sollen demnach in den kommenden fünf Jahren noch abgerissen werden.

GESUNDHEIT

Nach amtlichen Angaben leiden in Gomel derzeit rund 8000 Menschen an einer Tschernobyl-Folgekrankheit. Die Region hat knapp 1,5 Millionen Einwohner.

Einen starken Anstieg verzeichnen Erkrankungen der Schilddrüse, was teilweise mit dem Fallout radioaktiven Jods zusammenhängt. Nach Angaben der Internationalen Ärzte zur Verhütung des Atomkriegs (IPPNW) ist in Gomel der „stärkste Anstieg von Schilddrüsenkrebs“ bei Kindern in allen von Tschernobyl betroffenen Gebieten überhaupt zu verzeichnen.

SOZIALES

Es gibt Unterstützungen und Anreize: Rückkehrer erhalten nach dem Gesetz über Sozialschutz der Bevölkerung von 1991 zum Teil Vergünstigungen. So bekommen Beamte etwas mehr Geld als anderswo im Land. Schulabgänger aus Gomel genießen Vorrechte bei der Einschreibung an Universitäten, erhalten Zusatzpunkte auf Prüfungsleistungen und sofort einen Platz im Studentenwohnheim. Familien mit mehr als drei Kindern, Behinderte und Zuwanderer mit Aufenthaltsgenehmigung sowie „Liquidatoren“, die in Tschernobyl aufräumten, haben einen Anspruch auf eine Sozialwohnung.

INDUSTRIE und LANDWIRTSCHAFT

Insgesamt 121 Unternehmen in den betroffenen 13 von 21 Kreisen der Region Gomel mussten schließen. Heute gibt es gut 300 Unternehmen. Um die Wirtschaft wieder anzukurbeln, wurden unter anderem mit EU- und UN-Mitteln verschiedene Programme ins Leben gerufen. Deren aktuelle Schwerpunkte sind die Förderung von Unternehmen und nachhaltiger Entwicklung unter Einbeziehung der Bevölkerung (CORE-Programm).

Von der Nutzung ausgeschlossen wurden zunächst 216.000 Hektar Land. In den vergangenen 25 Jahren wurden laut Nikolai Wabischtschewitsch vom Komitee für Landwirtschaft und Lebensmittelproduktion 4400 Hektar „zurückerobert“. Im Gegensatz zu den kurzlebigen Elementen wie Jod dauert der Abbau von Cäsium und Strontium im Boden aber noch bis zu 300 Jahre.