Das surreale Konglomerat St. Petersburg

Buchcover: © Daniel Biskup/www.salzundsilber.de

[von Michael Barth] Der Newsky Prospekt sei ein einziger Lug und Trug, befand einst der literarische Surrealist Nikolai Gogol in seinen Petersburger Novellen. Was er 1835 mit der Schilderung eines Straßenzuges in der Kulturmetropole an der Newa schonungslos offenlegte, gilt bis heute stellvertretend für eine ganze Stadt. Es ist nicht der Glanz der prächtigen Fassaden, der den wahren Charakter St. Petersburgs ausmacht, es ist vielmehr der ungeschminkte Blick dahinter.

Dem geläufigen Besucher mag während seiner Kurzvisite der Zarenstadt ein bleibender Eindruck von Pracht und Schönheit aus schmucken Zeiten haften bleiben. Wer jedoch für längere Zeit in der Fünfmillionen-Stadt am Finnischen Meerbusen weilt, wird schnell des aufgesetzten, heuchlerischen Prunks überdrüssig sein. An diesem Punkt beginnt St. Petersburg sein wahres Gesicht zu offenbaren – der Kontrast von Licht und Schatten, von vermeintlichem Wohlstand kaiserlicher Tage und den ständigen, bis heute währenden, Überlebensstrategien seiner Bewohner. Auf den ersten Blick kann das moderne St. Petersburg den europäischen Kultur-Metropolen Berlin oder Paris mit seinen Bars, Cafés und seiner Szene durchaus das Wasser reichen. Beim zweiten Hinsehen allerdings erkennt man, dass es sich um eine russische Großstadt handelt, die ihre eigenen Gesetze schreibt.

Noch immer ist das Denken und Handeln der Russen geprägt von einstiger Leibeigenschaft des alten Zarenreiches und der Reduzierung des Menschen auf einen wirtschaftlichen Faktor später während der Sowjetzeit. In den Nuller-Jahren gesellte sich der stilprägende Ausbruch aus den Normen und gesellschaftlichen Zwängen hinzu, so dass sie mittlerweile von sich behaupten können, zu den eigenartigsten Hipstern dieser Welt zu zählen. St. Petersburg ist ein einzigartiges, surreales Konglomerat aus Vergangenheit und Gegenwart, dessen Zukunft sich täglich neu erfindet. Um bei all den Umtrieben den Kopf nicht zu verlieren, so scheint es, haben die Petersburger ihre ihnen eigene Arroganz entwickelt. Der Schwermut der viel bemühten russischen Seele, gepaart mit der Dynamik der Moderne, illustriert das besondere Flair, das hier an der Newa herrscht.

Von der Kunst zu leben

St. Petersburg ist eine Stadt, die gespickt ist mit Kontrasten. Eine Stadt der Möchtegerns und Habenichtse, der Aufsteiger und derjenigen, die bereits von vorn herein verloren haben. Eine Stadt der prächtigen Fassaden und der tristen Hinterhöfe, in denen die Bewohner fernab aller Touristenströme ihren Alltag bewältigen. Diesen Kontrasten hat sich der Fotograf Daniel Biskup in seinem neuesten Bildband St. Petersburg – Kontraste, erschienen im Verlag Salz und Silber, angenommen. Biskup besucht Museen und schlägt sich gleichermaßen in den angesagten Clubs die Nächte um die Ohren, nicht ohne auf der Fahrt mit der Metro den, gedankenverloren in sich gekehrten, Passagier abzulichten.

Biskup als Fotograf ist in seinem Metier ein Kaliber für sich – bei ihm ist der Beruf Berufung. Er hat den Blick für das Wesentliche, das sich nur allzu gern hinter dem Vordergründigen versteckt. Das, was man nicht sucht, aber intuitiv findet, wenn man nur aufmerksam genug durchs Leben streift. Und jedes mal, wenn Daniel Biskup in seiner Dunkelkammer verschwindet, darf man gespannt sein, mit welchem weiteren Meisterwerk er wieder herauskommt. In dem vorliegenden Bildband werden seine Arbeiten dem Titel mehr als gerecht. High-Heels im Schnee, Paradeuniformen bei Hitze – das sind die kleinen und doch so faszinierenden Nebensächlichkeiten, auf die der Künstler sein Augenmerk richtet.

Während auf dem edlen Newsky Prospekt die Menschen flanieren, findet er sie zehn Meter darunter, durch die Metro-Etage hetzend, wieder. Es ist vorwiegend der Mensch, den er in seinem natürlichen Habitat findet. Der Fleischverkäuferin hinter der Theke ist dabei genauso viel Platz gewidmet, wie dem aufgedonnerten Modell, das sich im Glanz der Straßenlaternen räkelt. Ihren Lebensraum findet Biskup hinter schäbigen, heruntergekommenen Fassaden, die im Widerspruch zu der Touristenstadt mit all ihrem pompösen Gehabe stehen. Der Fotograf nimmt den Betrachter mit in die Kommunalka-Küche und in Wohnungen mit schickem Designerinterieur. Dokumentiert in Bildern, auf denen die Gebrauchsgegenstände wirken, als hätte sie derjenige, der sie zuletzt benutzt hat, eben erst abgestellt.

Somit richtet sich der Bildband St. Petersburg – Kontraste weniger an diejenigen, die an Hochglanzfotos als Reiseerinnerungen interessiert sind, sondern vielmehr an die, die ein tieferes Bild einer Stadt sehen wollen, die auf ihre Art einzigartig ist.

Über den Autor: Daniel Biskup, Jahrgang 1962, entdeckte bereits in seinen frühen Lebensjahren das Metier Photographie für sich. Da ihn die Schule wenig beeindruckte, widmete er sich lieber den Menschen, der Gesellschaft und dem Schönen. Mit 18 Jahren holte er sein Abitur nach und studierte Geschichte, Politik und Volkskunde. 1982 erschien sein erstes veröffentlichtes Foto auf der Titelseite der Allgemeinen Augsburger Zeitung. 1989 gelang Daniel Biskup der Durchbruch als Fotograf, als er das damalige Zeitgeschehen in Berlin dokumentierte. Rund 25 Jahre später reiste er mit seiner Kamera während des Maidans in die Ukraine.

Als Lichtbildner konzentriert er sich auf Menschen in Momenten, die für sie existenziell sind, ohne ihnen zu nahe zu treten. Auf seinen Werken dokumentiert das Schöne, das Menschliche, das Normale. Ganz ohne Hilfsmittel wie Studiolicht oder Bildbearbeitungsprogramm. 2011 wird Biskup einer größeren Öffentlichkeit bekannt. 280 Bilder Über das Leben zeigen auf einer Ausstellung in Berlin den Umbruch in den ehemaligen Ostblockstaaten. Heute befinden sich seine Fotos sowohl in privaten Sammlungen als auch beispielsweise im Russischen Museum in St. Petersburg, im Deutschen Historischen Museum in Berlin oder im Haus der Geschichte der Bundesrepublik Deutschland in Bonn.

Daniel Biskup: St. Petersburg – Kontraste, Verlag Salz und Silber 2017, 264 Seiten, 280 Abbildungen, ISBN: 978-3-00-057266-1

Über den Autor

Michael Barth
1961 in Nürnberg geboren und von da aus ab 1979 die große weite Welt erkundet. Die Wege führten anfangs nach Klein- und Mittelasien und waren stets das Ziel. Immer mit im Gepäck, der sehnsüchtige Blick auf die schier unerreichbare UdSSR. Dann fiel der eiserne Vorhang, die Pfade führten nach Nordosten. Durch einen glücklichen Umstand tat sich letztendlich Russland auf. Der berufliche Werdegang verlief zunächst sehr unjournalistisch. Ständig auf der Suche nach neuen Aufgaben und Herausforderungen war nach der Ausbildung zum Kirchenmaler vom Krematoriumsarbeiter bis zum R’n’R Caterer so ziemlich alles dabei, was Abenteuer und Ungewöhnlichkeit versprach. In Russland kam 2008 der Journalismus hinzu. Weltenbummeln und schreiben – perfekt. Zuerst bei einer kleinen Gazette und ab 2012 ernsthaft im Feuilleton bei russland.RU. Seit 2014 dort Chefredakteur.