Das Kreuz mit dem roten Stern

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[Von Michael Barth] Vilnius/Riga/Tallinn – Wer auf die Idee kommen sollte, mit einem roten Stern in eines der baltischen Länder zu fahren, kann unter Umständen eine böse Überraschung erleben. Erst vor kurzem haben ein PKW-Fahrer und eine Zuggesellschaft diese besondere Erfahrung am eigenen Leib gemacht, als sie aus Russland kommend nach Litauen einreisen wollten. Wir wollen den Faden ein wenig weiter spinnen.

Beide Fahrzeuge waren zwar aus verschiedenen Interessen unterwegs, aber beiden hafteten Symbole aus der Zeit der Sowjetunion an der Karosserie. Und das kann unter Umständen teuer werden. 5.000 Lita, das sind umgerechnet fast 1.500 Euro, musste ein 27-Jähriger Russe als Kaution für seinen Infiniti Premium hinterlegen. Angeblich hätte es Probleme mit der Zulassung des Fahrzeugs gegeben. Tatsächlich war es aber dann wohl doch in erster Linie das etwas extravagante Design des Autos.

Auf der einen Seite prangte der Schriftzug „Nach Berlin“ und auf der anderen „Für die Heimat“. Zudem glänzte noch ein Kunstwerk in Form eines sowjetischen Kampfflugzeuges auf der Karosserie. Das wäre das Fatal nicht gewesen, aber der rote Stern, der auf dem Leitwerk des Fliegers angebildet war, der war den Litauern dann doch zuviel des Guten. Fernab jeglicher künstlerischer Ambition

Eine ähnliche Erfahrung mussten die Insassen eines Eisenbahnzugs machen, der zum „Tag des Sieges“, dem 9. Mai, wie jedes Jahr von St. Petersburg nach Kaliningrad fuhr. Zur Feier des Tages war natürlich wieder ordentlich Putz daran angebracht, der stolz von dem Ereignis kündete. Wie zu dem Anlass üblich, natürlich mit dem orange-schwarzem Georgsbändchen und einer guten Portion Hammer und Sichel. Dies fanden die Litauer auch nicht grade toll und das Begleitpersonal des Zuges musste abdekorieren.

Roter Stern nein – Hakenkreuz ja  

Was war da los? Man muss dazu wissen, dass, nachdem die Bewohner der baltischen Länder nicht gerade grün auf ihre sowjetische Besatzer waren, sämtliche Erinnerungen an diese Zeit aus den Köpfen verbannt wurden. Symbolik aus diesen unseligen Jahren wurde in Lettland und Litauen bereits 2008 geschasst, Estland steht kurz davor. Das betrifft übrigens, genauso wie hier in Deutschland, auch die Symbole des Nationalsozialismus. Allerdings mit einer Einschränkung. Seltsam aber wahr, die Swastika, gemeinhin als Hakenkreuz bekannt, ist in Litauen allen ernstes ins Kulturerbe aufgenommen worden.

Das verstehe jetzt wer will, aber es ist so. Begründet wurde das von einem Gericht in der Hafenstadt Klaipedia mit der Feststellung, dass Hakenkreuze keineswegs als Symbole des Faschismus gälten, sondern vielmehr „wertvolle Symbole der baltischen Kultur“ darstellen. Der Hammer und die Sichel hingegen sind strengstens tabu. Die russische Hymne natürlich auch. Der Ährenkranz der die Symbole einrahmt gilt ebenfalls als absolutes No Go. Und dann war da noch der rote Stern. Der darf ja schon überhaupt nicht mehr sein. Ist gar unter Strafe gestellt. Und das zieht jetzt allerdings schon sehr weite Kreise.

Und dann war da noch das Marketing

Je nach Interpretation lässt sich dieser fünfzackige Stern als das Symbol der Revolution schlechthin deuten, er kann aber auch sehr profan als Botschafter des Marketings eingesetzt werden. Ist Ihnen schon einmal aufgefallen, auf welchen bekannten Marken überall der rote Stern glänzt? Biertrinker werden sich wohl oder übel dran gewöhnen müssen, dass „Heineken“ dann nicht mehr vertretbar ist. Roter Stern drauf, Pech gehabt. Mineralwasser der Marke „San Pellegrino“ – roter Stern. Grenzwertig ist der Rosè von Dom Perignon. Im rechten Licht betrachtet ist der Stern auf dem Etikett zwar rosa, aber wer weiß, wie das ausgelegt werden mag.

Ein T-Shirt auf dem der rote Fünfzack prangt – im Baltikum nur etwas für Mutige. Fußballspiele mit Vereinen wie Roter Stern Belgrad oder Red Star Paris dürften jetzt der Logik halber künftig auch nur noch auf neutralem Boden ausgetragen werden. Mit einem Blick auf die Heraldik lässt sich leicht erkennen, dass es auch mit ausländischen Gästen und offiziellen Empfängen eng werden kann. Auf der Flagge Kaliforniens zum Beispiel prangt der rote Stern und der District of Columbia führt gleich derer drei(!) ins Feld.

Nordkorea, Neuseeland, Panama, Tunesien – au weh, der rote Stern. Und was machen jetzt unsere österreichischen Nachbarn? Die haben ebenfalls einen Adler im Staatswappen, der einen Hammer und eine Sichel in den Klauen hält. Dürfen die jetzt in den baltischen Staaten auch nie mehr Flagge zeigen? Fragen über Fragen, die sich jetzt aufwerfen und je länger man nun darüber nachdenkt, umso unsinniger erscheint das Ganze.

Über den Autor

Michael Barth
1961 in Nürnberg geboren und von da aus ab 1979 die große weite Welt erkundet. Die Wege führten anfangs nach Klein- und Mittelasien und waren stets das Ziel. Immer mit im Gepäck, der sehnsüchtige Blick auf die schier unerreichbare UdSSR. Dann fiel der eiserne Vorhang, die Pfade führten nach Nordosten. Durch einen glücklichen Umstand tat sich letztendlich Russland auf. Der berufliche Werdegang verlief zunächst sehr unjournalistisch. Ständig auf der Suche nach neuen Aufgaben und Herausforderungen war nach der Ausbildung zum Kirchenmaler vom Krematoriumsarbeiter bis zum R’n’R Caterer so ziemlich alles dabei, was Abenteuer und Ungewöhnlichkeit versprach. In Russland kam 2008 der Journalismus hinzu. Weltenbummeln und schreiben – perfekt. Zuerst bei einer kleinen Gazette und ab 2012 ernsthaft im Feuilleton bei russland.RU. Seit 2014 dort Chefredakteur.