Das jähe Ende einer Kreuzfahrt – und die Konsequenzen

Kasan – Am 10. Juli 2011 kenterte das Ausflugsschiff „Bulgarija“ in der nähe von Kasan und versank innerhalb weniger Minuten in den Fluten der Wolga. Zum Zeitpunkt des verheerenden Unglücks war das rettende Ufer etwa drei Kilometer entfernt und für die meisten der rund 200 Passagiere wurde der, an dieser Stelle überdurchschnittlich breite, Fluss zum nassen Grab.

Unmittelbar nach dem Unglück eingeleitete Untersuchungen des Unfallhergangs deckten fatale Ergebnisse auf. Demnach sei das Schiff, das ursprünglich für maximal 140 Personen zugelassen war, mit über 200 Passagieren hoffnungslos überladen gewesen. Zudem soll die „Bulgarija“ mehr als marode auf ihre letzte Fahrt gegangen sein. Sie hatte zum Zeitpunkt der Katastrophe bereits stolze 56 Lenze auf dem Buckel und nicht einmal eine Lizenz. Der viel zu gering mitgeführte Dieseltreibstoff wurde darüber hinaus noch mit Wasser gestreckt. Für rund 120 Menschen wurden all die technischen Mängel des Schiffs zum Verhängnis.

Zum Unfallhergang ermittelten die Behörden zusätzlich noch menschliches Fehlverhalten. Zu der Zeit als die „Bulgarija“ in die Katastrophe trudelte habe es einem starken Sturm auf der Wolga gegeben. Trotzdem schien an Bord, beziehungsweise in den Kabinen eine große Hitze geherrscht zu haben, so dass die Passagiere die Bullaugen öffneten. Somit konnte das aufgewühlte Wasser der Wolga ungehindert in das Schiffsinnere eindringen. Auch seien viel zu wenige Rettungswesten an Bord vorhanden gewesen sein. Wie „RIA Nowosti“ damals vermeldete, hätten die beiden Rettungsboote lediglich 36 Personen Platz geboten.

Nun hat ein Gericht die Verantwortlichen dieses schlimmsten Schiffsunglücks in Russland seit Ende der Sowjetunion zu empfindlichen Strafen verurteilt. Wegen schwerer Verstöße gegen die Sicherheit muss demnach die Pächterin des Ausflugschiffs eine elf Jahre lange Haft in einem Straflager antreten. Den Kapitän, sowie zwei Behördenmitarbeiter erwarten bis zu sechseinhalb Jahre Gefängnisstrafe wegen Missachtung von Sicherheitsvorschriften. Noch im Gerichtssaal protestierten die Angehörigen der Opfer gegen die Urteile, die in ihren Augen zu milde seien. Die Anklage legte bereits Widerspruch ein.

[mb/russland.RU]

Über den Autor

Michael Barth
1961 in Nürnberg geboren und von da aus ab 1979 die große weite Welt erkundet. Die Wege führten anfangs nach Klein- und Mittelasien und waren stets das Ziel. Immer mit im Gepäck, der sehnsüchtige Blick auf die schier unerreichbare UdSSR. Dann fiel der eiserne Vorhang, die Pfade führten nach Nordosten. Durch einen glücklichen Umstand tat sich letztendlich Russland auf. Der berufliche Werdegang verlief zunächst sehr unjournalistisch. Ständig auf der Suche nach neuen Aufgaben und Herausforderungen war nach der Ausbildung zum Kirchenmaler vom Krematoriumsarbeiter bis zum R’n’R Caterer so ziemlich alles dabei, was Abenteuer und Ungewöhnlichkeit versprach. In Russland kam 2008 der Journalismus hinzu. Weltenbummeln und schreiben – perfekt. Zuerst bei einer kleinen Gazette und ab 2012 ernsthaft im Feuilleton bei russland.RU. Seit 2014 dort Chefredakteur.