Das Geisterschiff: Es treibt und treibt – und twittert

Irgendwo im Atlantik – Vor ziemlich genau einem Jahr hatten wir schon einmal das Vergnügen, über einen Seelenverkäufer zu berichten, der munter auf offener See zwischen Kanada und Großbritannien ziel- und navigationslos herumtreibt. Das Kuriose an der Geschichte: Zwar weiß niemand, wo sich das Schiff gerade befindet, aber es twittert fröhlich vor sich hin.

Als die „Lyubov Orlova“ vor 40 Jahren auf einer jugoslawischen Werft gebaut wurde, konnte noch niemand ahnen, dass es einmal einen Kurznachrichtendienst namens Twitter gäbe. Geschweige denn einen eigenen Account für ein sowjetisches Ferienschiff, das 1999 gar zum Kreuzer für touristische Polar-Abenteuer und Expeditionen ins ewige Eis  umgerüstet wurde. Kanada zog den ehemaligen Stolz der sowjetischen Touristenflotte jedoch im Jahr 2010 kurzerhand aus dem Verkehr.

Der russische Eigentümer schuldete dem kanadischen Charterer damals über 250.000 Euro, die Besatzung erhielt monatelang keinen Heuer mehr und ging daraufhin von Bord. Statt der Seeleute übernahmen fürderhin die Ratten das Kommando auf dem mittlerweile schrottreifen Kahn. Sogar um den Schrottwert von damals 275.000 US-Dollar wurde noch gestritten. Den Zuschlag bei der Versteigerung erhielt ein iranischer Geschäftsmann, der die „Lyubov Orlova“ aus dem Hafen von St. John’s zum abwracken in die Dominikanische Republik bringen wollte. Anfang 2013 konnte das Schiff dann endlich seine letzte Fahrt antreten. Doch die verlief ja weit anders als geplant.

Ratten verwalten treibendes Kapital

Als hätte das Schiff den Braten gerochen, riss es sich los und treibt seitdem führungslos im Ozean. Vielleicht ist es ja auch schon untergegangen, so genau weiß man das nicht. Orten lässt es sich sowieso schon längst nicht mehr. Aber dank dem Twitter-Dienst keimen die Gerüchte und jeder noch so kleinen Spur wird nachgegangen. Mal als unidentifizierbarer Fleck auf einem Radar, mal anhand eines Satellitenbildes. Selbst Suchaktionen des Abwrackers blieben bislang erfolglos. Der taxierte den Schrottwert des Geisterschiffs bis dato auf 600.000 US-Dollar.

Trotz Wertsteigerung, jedes Jahr über das Gleiche zu berichten, birgt eine gewisse Gefahr der Langeweile in sich. Deswegen haben britische Medien heuer flugs ein spektakuläres Horrorszenario konstruiert: „Kannibalenratten!“ Die Lebensmittel an Bord, sofern überhaupt etwas auf dem Schiff verblieben ist, sind sicherlich aufgebraucht. Ob noch Kabelstränge und Ummantelungen übrig geblieben sind, nachdem sich die Tiere ja bekanntlich rapide vermehren, ist mehr als fraglich. Nun hackt zwar eine Krähe der anderen kein Auge aus, aber Ratten neigen tendenziell schon dazu, einmal Artgenossen anzuknabbern, wenn es denn eng wird mit der Nahrung.

Pest, Cholera, Typhus, Paranoia – was Ratten nicht schon alles angerichtet haben. Und jetzt fressen sie sich die Viecher auch noch gegenseitig auf. Die Briten, auf deren Inseln das brisante Treibgut zutreibt, sofern es überhaupt noch treibt, sind in Sorge. Hat man doch erst kürzlich ein Stück von einem Rettungsboot, das der „Lyubov Orlova“ zugeschrieben wird, vor der schottischen Küste aus dem Nordatlantik gezogen. Wie den Twitter-Nachrichten zu entnehmen ist, hätten starke Winterstürme diesen Kurs begünstigt.

Mittlerweile gleicht die Suche nach dem 4000-Tonnen schweren Stahlkoloss eher einer Schnitzeljagd mit hohem Einsatz. Die Schatzgräber, die schon seit Monaten eifrig die entsprechenden Küstengebiete absuchen, (t)wittern fette Beute. Auch der Eigner der „Lyubov Orlova“ sucht nun wieder nach dem Seelenverkäufer, da der Schrottwert angeblich seit dem Verschwinden von 250.000 auf gut eine Million Euro gestiegen sei. Ob das nun alles nur Seemannsgarn ist, was da gesponnen wird? Es darf getwittert werden.

[mb/russland.RU]

Foto: wikipedia

 

Über den Autor

Michael Barth
1961 in Nürnberg geboren und von da aus ab 1979 die große weite Welt erkundet. Die Wege führten anfangs nach Klein- und Mittelasien und waren stets das Ziel. Immer mit im Gepäck, der sehnsüchtige Blick auf die schier unerreichbare UdSSR. Dann fiel der eiserne Vorhang, die Pfade führten nach Nordosten. Durch einen glücklichen Umstand tat sich letztendlich Russland auf. Der berufliche Werdegang verlief zunächst sehr unjournalistisch. Ständig auf der Suche nach neuen Aufgaben und Herausforderungen war nach der Ausbildung zum Kirchenmaler vom Krematoriumsarbeiter bis zum R’n’R Caterer so ziemlich alles dabei, was Abenteuer und Ungewöhnlichkeit versprach. In Russland kam 2008 der Journalismus hinzu. Weltenbummeln und schreiben – perfekt. Zuerst bei einer kleinen Gazette und ab 2012 ernsthaft im Feuilleton bei russland.RU. Seit 2014 dort Chefredakteur.