Das Erbe der Dekabristen, Teil 2

Fiodor Distjewskij - Lew Tolstoi - Anton Tschechow

Literaturessay von Hanns-Martin Wietek (weitere Literaturessays finden Sie hier)

So bedrückend und wirr das 19. Jahrhundert in Russland auch war, so „golden“, so ruhmreich, so glanzvoll (man könnte noch viele begeisterte Worte anfügen) war es in Literatur, Musik und Kunst. In der zweiten Hälfte kehrte sich die „Blickrichtung“ gar um: Hatte bisher das literarische Russland nach Westen geschaut, blickte jetzt der literarische (und nicht nur der literarische) Westen nach Russland. Die Übersetzungen der Werke von Puschkin, Lermontow, Gogol, Turgenjew und später von Dostojewski und Tolstoi wurden zu literarischen Ereignissen in ganz Europa. (Turgenjew lebte seit den 1860er-Jahren in Deutschland und Frankreich und hatte engen Kontakt zu Gustave Flaubert, Émile Zola, Theodor Storm, Paul Heyse, Berthold Auerbach und vielen anderen.) Nikolai Nekrassow und Anton Tschechow sind noch zu nennen.
Bei den Malern waren es u.a. Ilja Repin, Iwan Kramskoi und Wassili Perow, die Weltruhm erlangten.
Peter Tschaikowsky, Modest Mussorgski, Nikolai Rimski-Korsakow, Sergej Rachmaninow, Milij Balakirew, Alexander Borodin u.a. setzten Zeichen in der Musikgeschichte.

Bis Mitte der ersten Hälfte des 19. Jahrhunderts stand, wie gesagt , die russische Literatur unter dem Einfluss der westlichen; und Anfang dieses Jahrhunderts ging auch hier die strenge Klassik in die gefühlvolle Romantik über. Bekannte Vertreter aus dieser Zeit sind Alexander Gribojedow (*1795, †1829) mit seiner Komödie Verstand schafft Leiden (1824) – auch er stand den Dekabristen nahe und wurde nur mit viel Glück und durch einflussreiche Fürsprache nach der Verhaftung wieder entlassen –; Wassili Schukowski (*1783, †1852), der zusätzlich einer der größten Übersetzer deutscher Klassiker und Romantiker war und später Erzieher von Alexander II. wurde; die Dekabristen Wilhelm Küchelbecker (*1796, †1846) und Alexander Bestushew (Marlinskij) (*1797, †1837) und viele andere.

Mit Alexander Puschkin (*1799, †1837) begann die Veränderung. Er befreite sich ganz bewusst vom westlichen Einfluss und begründete eine eigenständige russische Literatur. Dieser große russische Romantiker, (nicht nur in Russland) das „russische Genie“ genannt, ist bis heute die Symbolgestalt, auf die sich alle geistigen und politischen Richtungen Russlands einigen können. Die Sprache seiner Dichtung ist so typisch russisch und einzigartig, dass er noch heute zu den wenigen Weltliteraten gehört, deren Dichtung in ihrer ganzen Genialität schwer in eine andere Sprache zu übertragen ist. Im gleichen Atemzug aber muss man auch Michail Lermontow (*1814, †1841) nennen, und Nikolai Gogol (*1809, †1852), der – obwohl selbst kein Realist – für den Übergang in die nächste literarische Epoche, den russischen Realismus, steht; er ist der Vater der noch heute bestehenden russischen Groteske.

Der russische Realismus
Auch in der russischen romantischen Literatur waren die Schönheit der Natur, des Menschen, der Glaube an das Gute im Menschen, die Betonung des Gefühls und der Drang nach Harmonie die zentralen Motive. Die russische realistische Literatur hingegen übte Kritik an den politischen und sozialen Zuständen im Zarenreich. Werten und beweisen durfte der Schriftsteller schon aus sehr praktischen Erwägungen nicht, denn der Zar hätte sofort gestraft (was er ohnehin oft genug tat), doch er konnte „in Bildern“ denken und schreiben. Der maßgebliche Literaturkritiker dieser Zeit (heute spricht man in einem solchen Fall von einem „Literaturpapst“), Wissarion Belinski, hat erklärt, der Schriftsteller habe ein Vertreter der Gesellschaft, der Zeit und der Menschheit zu sein; die Aufgabe der Literatur sei die Erkenntnis gesellschaftlicher Prozesse und ihre Berufung sei die objektive Darstellung des gesellschaftlichen Alltags in Bildern, die von Wahrheit und Wirklichkeitstreue durchdrungen sind.
Diesen Ansprüchen taten die Schriftsteller des russischen Realismus mehr als nur Genüge und legten damit die Lunte an das Fass der politischen und sozialen Unzufriedenheit; und ihre Stimmen wurden immer lauter, bis die Radikalsten des sozialistischen Realismus, die Nihilisten (eine Untergruppe), offen den Terror predigten.

Solschenizyn sagt: „Voraussetzung der Literatur ist das tiefe Erleben der gesellschaftlichen Prozesse.“; und er meint mit „Literatur“ die große Literatur und setzt die „gesellschaftlichen Prozesse“ mit Erschütterungen gleich. Vielleicht ist so die große Zahl großartigster Schriftsteller in einem relativ kurzen Zeitraum russischer Geschichte zu erklären, denn an Erschütterungen war die Zeit Alexanders II., die die Zeit des russischen Realismus war, reich.

Die Epoche des Realismus gab es in Westeuropa wie in Russland. Der Unterschied war jedoch, dass sich dieser im Westen aus dem Bürgertum entwickelte – man spricht daher auch von einer „Literatur des Bürgertums“, vom „bürgerlichen Realismus“ (besonders in Deutschland) mit seinen zwangsläufig spezifischen Akzenten –, in Russland hingegen, wo es kein Bürgertum gab, aus der Schicht der Rasnotschinzen und der Intelligenzija (vgl. Das Erbe der Dekabristen, Teil 1). Dadurch erhielt er jene aggressivere, sozialkritischere Note, der Belinski in seinen Thesen Ausdruck verliehen hat.

Hatte in der Zeit der Romantik die Lyrik (Gedichte, Poeme) die Literatur bestimmt, so wurde diese im Realismus durch die Prosa verdrängt. Die Vertreter der Übergangsphase waren alle noch in der Romantik Puschkins verwurzelt und gleichzeitig schon sozialkritische Realisten. Es handelt sich neben Michail Lermontow um die noch stark an Puschkin anknüpfenden Affanasi Fet (*1820, †1892) und Apollon Majkow (*1821, †1897), den liberalen Aristokraten Graf Alexej Konstantinowitsch (nicht Lew!) Tolstoi (*1817, †1875, es gibt noch einen gleichen Namens: *1883, †1945!), den für die Literaturgeschichte sehr wichtigen Nikolai Alexejewitsch Nekrassow (*1821, †1877), der 1847 bis 1866 Verlag und Redaktion der Puschkin-Zeitschrift Sowremennik leitete (und sich viel Ärger einhandelte) und natürlich um Fjodor Tjutschew (*1803, †1873), 1822 bis 1844 russischer Gesandter am Hof der bayrischen Könige Maximilian II. und Ludwig I., von dem der berühmt gewordene Vierzeiler stammt:

„Mit dem Verstand ist Russland nicht zu begreifen
Mit gewöhnlichem Maße nicht zu messen
Es hat ein besonderes Wesen
An Russland kann man nur glauben“.

Er bekam zu seinem 200. Geburtstag im Dezember 2003 im Münchner Finanzgarten (zwischen Hofgarten und Englischem Garten) sogar ein bronzenes Denkmal.

Russlands berühmte Realisten
Nun einige aus der langen Liste der noch heute berühmten ebenso wie der vergessenen russischen Realisten, von denen einige in einem späteren Essay noch ausführlicher behandelt werden sollen:

Iwan Alexandrowitsch Gontscharow (*1812, †1891), der Autor des weltberühmten Oblomow; er war zeitweilig (bis 1867) als hoher Adliger Zensor im Auftrag der Regierung, was ihm trotz seiner Versuche, ihnen zu helfen, viel Ärger mit seinen Schriftstellerkollegen einbrachte und ihn vereinsamt sterben ließ.

Iwan Sergejewitsch Turgenjew (*1818, †1883), der oft als poetischer Realist bezeichnet wird, da er bei aller sozialkritischen Analytik doch immer wieder zarte Liebesbeziehungen zwischen Menschen und der Natur in seine Romane einwebt. Sein heute berühmtestes – und auch immer wieder neu verlegtes – Werk sind zweifelsohne Die Aufzeichnungen eines Jägers, eine als prototypisch geltende Sammlung von Erzählungen, in denen er den Bauern als Menschen und nicht als Sklaven „abbildet“ und ihm einen Gutsherren gegenüberstellt, der ihm – nicht aus persönlicher Boshaftigkeit, sondern einfach aus unguter Gewohnheit – eine menschenwürdige Behandlung versagt; dazwischen sind immer wieder wundervolle Natur- und Landschaftsbeschreibungen von lyrischer Schönheit eingestreut.
In seinen vielen Novellen frönt Turgenjew seinen Lieblingsthemen Liebe, Natur und Kunst und weicht Milieustudien und sozialer Kritik weitgehend aus. Differenzierter muss man es bei seinen Romanen sehen, zu denen Ein Adelsnest (1859), Am Vorabend (1860) und Väter und Söhne (1860) gehören, sicher sein erfolgreichster Roman. Hinzu kommen Rauch (1867, oft auch Dunst betitelt), ein Roman, der die im Ausland lebenden Russen „vorführt“ und ihm bei den Slawophilen und Heimatverbundenen viel Ärger einbrachte, und Neuland (1877), mit dem er sein Publikum wieder versöhnen wollte, was ihm jedoch nur unvollkommen gelang.

Michail Jewgrafowitsch Saltykow-Schtschedrin (*1826, †1889) – eigentlich Saltykow, den Künstlernamen Schtschedrin legte er sich selbst zu – ist der Vertreter der satirischen Variante des russischen Realismus; er nahm den satirischen Gogol auf und stand, wie auch Dostojewski, dem Petraschewski-Kreis nahe. Nach dem Erscheinen seiner ersten Erzählungen Widersprüche (1847) und Eine verwickelte Sache (1848) wurde er aus dem Kriegsministerium in die Provinz strafversetzt, nach Nikolaus‘ Tod kurzzeitig „rehabilitiert“, nur um aufgrund seiner kritischen Haltung später wieder in Ungnade zu fallen. Zwischen 1863 und 1866 gehörte er der Redaktion der Zeitschrift Sowremennik an.
Saltykow-Schtschedrin kritisierte die Zustände in der Gesellschaft mit spitzer, böser und unerbittlich satirischer Feder. Er wurde zum Lieblingsautor Stalins. Obwohl er wahrlich nichts dafür konnte – schließlich war er zu Stalins Zeiten schon lange tot –, hat ihm das im Westen geschadet. Es lohnt sich aber unbedingt, ihn wieder aus der Versenkung zu holen! Obwohl seine Satiren politisch und zeitbezogen sind, sind sie von großer Aktualität. Denn die Zeiten haben sich wohl verändert, die Menschen leider nicht.
Saltykow-Schtschedrins bedeutendste Werke sind Pompadour und Pompadourin (1863–1874), Die Herren Taschkenter (1873), Die Herren Moltschalin (1874–1878), Die Herren Golowljow (1875–1880), Moderne Idylle (1877–1883) und viele satirische Erzählungen, Novellen und Märchen.

Nikolai Semjonowitsch Leskow (*1831, †1895) schrieb auch unter dem Pseudonym Mikolaj Stebnickij. Maxim Gorki hat über sein Schaffen gesagt, er habe nicht über den Bauern, den Gutsbesitzer oder den Nihilisten geschrieben, sondern über den russischen Menschen, den Menschen seines Landes.
Von Haus aus religiös geprägt (später wurde er auch hier kritisch) hat sich Leskow zwar zeit seines Lebens mit den revolutionären Nihilisten angelegt, ist jedoch durch und durch Sozialkritiker gewesen, und so ist es eine Ironie des Schicksals, dass er gleich zu Beginn seiner schriftstellerischen Laufbahn als Reaktionär und Gegner des fortschrittlichen Lagers verleumdet wurde. Er hatte nämlich gefordert, die Behörden sollten den Verdacht, die schrecklichen Brände, die St. Petersburg 1862 verwüsteten, seien von revolutionären Studenten gelegt worden, entweder beweisen oder widerlegen und nicht einfach so hinnehmen. Seine Gegner bezeichneten ihn darauf als Polizeispitzel.
Zu seinen Lebzeiten wurde er mit Dostojewski und Tolstoi in einem Atemzug genannt. Sein Roman Ohne Ausweg (1864, auch Die Sackgasse), veröffentlicht unter seinem Pseudonym, ist der erste antinihilistische Roman gewesen; Ein absterbendes Geschlecht (1874/75), in dem der Niedergang eines alten russischen Fürstengeschlechts beschrieben wird, gilt als einer der besten russischen Familienromane; Die Inselbewohner (1866) ist ein wunderbarer Liebesroman.
Leskows zahlreiche Novellen sind als „Russische Novellen“ in die Literaturgeschichte eingegangen; zu seinen Erzählungen gehören Der versiegelte Engel (1873), Am Rande der Welt (1875), Der eiserne Wille (1876) und viele andere, die fast alle im Deutschen zu DDR-Zeiten erschienen und größtenteils antiquarisch erhältlich  sind.

Fjodor Michailowitsch Dostojewski (*1821–†1881) ist ganz ohne Zweifel einer der größten Schriftsteller der Weltliteratur und bedarf einer wesentlich ausführlicheren Vorstellung, als es in diesem Rahmen möglich ist. Deshalb seien hier nur die sein Leben bestimmenden Ereignisse dargestellt.

Dostojewski, Spross eines armen Adelsgeschlechts, stammte nach seinen eigenen Worten aus einer „frommen russischen Familie, in der wir das Evangelium fast von der Wiege an kannten“. In seiner Jugend führte er – natürlich auf seines Vaters Kosten – ein recht ausschweifendes (atheistisches) Leben. Während seines Studiums starb der Vater; und es schien damals, als sei er von seinen eigenen Leibeignen ermordet worden, weil er sie wegen des Geldes, das sein Sohn großzügig ausgab, ausgepresst hatte. (Heute bestehen Zweifel an dieser Version.) Dass die Leibeigenen seinetwegen ausgepresst worden waren, verursachte bei Dostojewski Schuldgefühle, die er in seinem Roman Beleidigte und Erniedrigte (1861) aufarbeitete. Auch änderte er sein Leben und aus dem ehemaligen Bonvivant wurde ein sozialer Mensch, so wie Saulus zu Paulus wurde. Er schloss sich einer Diskussionsgruppe junger Intellektueller um den jungen Sozialisten Michail Petraschewski an. 1849 wurden er und die Gruppe verhaftet. Dostojewski hatte den Brief verlesen, den der Literaturkritiker Belinski als Antwort auf Gogols Ausgewählte Stellen aus dem Briefwechsel mit Freunden an diesen geschrieben hatte und in dem er Gogol als „Prediger der Knute“ und „Lobsinger tatarischer Sitten“ verflucht; in diesem Brief griff Belinski aber auch die Religion scharf an und verlangte Gesellschaftsreformen. Der Brief war von Nikolaus I. verboten, er durfte weder verlesen, geschweige denn handschriftlich vervielfältigt werden. Die Gruppe wurde zum Tode durch Erschießen verurteilt und nach einer Scheinhinrichtung auf dem Exerzierplatz zu vier Jahren Zwangsarbeit in Sibirien mit anschließendem Militärdienst als Gemeiner in einem sibirischen Grenzbataillon „begnadigt“.
Die Scheinhinrichtung und die Zeit der Omsker Festungshaft waren die ausschlaggebenden Wendepunkte in Dostojewskis Leben. Für den Rest seines Lebens wurde er ein vorbehaltloser Christ, allerdings ein sozialistischer; von ihm ist der Ausspruch bekannt, dass Christus, würde er heute auf die Welt kommen, Sozialist wäre.
Sein letzter großer Auftritt war die Rede am 8. August 1880 anlässlich der Enthüllung des Puschkin-Denkmals in Moskau (siehe auch Alexander Sergejewitsch Puschkin, Revolutionär im goldenen Käfig). Sie stellt praktisch sein geistiges Vermächtnis dar; in ihr verleiht er seiner Vorstellung von einem Russland Ausdruck, das durch das orthodoxe Christentum und den Gemeinschaftssinn der Bauern gerettet wird: „Ein russischer, ein vollständig russischer Mensch zu werden, heißt […] ein Bruder aller Menschen zu werden, ein Allmensch.“

Dostojewski hat ein äußerst umfangreiches Lebenswerk geschaffen; es umfasst u.a. Arme Leute (1846), Der Doppelgänger (1846), Herr Prochartschin (1846), Die weißen Nächte (1848) und die Aufzeichnungen aus einem toten Hause (1860–1862), in denen er die schwere Zwangsarbeit (in Ketten gelegt) im Zuchthaus von Omsk beschreibt und damit die seit der Sowjetzeit so genannte GULAG-Literatur begründet. Ferner sind unbedingt zu nennen: Onkelchens Traum (1859); Das Dorf Stepantschikowo und seine Bewohner (1859); Schuld und Sühne (1866 als Folgeroman in der Zeitschrift Der russische Bote erschienen; auch Verbrechen und Strafe und Rodion Raskolnikow), mit dem er seinen Ruhm in der Weltliteraturbegründete; Der Idiot (1869), Die Dämonen (1871/72), Der Jüngling (1875) und Die Brüder Karamasow (1879/80), sein letzter Roman. Zu seinen Romanen Schuld und Sühne und Die Brüder Karamasow ist zu bemerken, dass sie im Grunde psychologische Kriminalromane sind.

Graf Lew Nikolajewitsch Tolstoi (*1828, †1910), wird mit Dostojewski häufig in einem Atemzug genannt; man bezeichnet sie als das Dioskurenpaar der russischen Literatur – sie sind sich jedoch nie persönlich begegnet.
Im Gegensatz zu Dostojewski stammte Tolstoi aus einer der vornehmsten und reichsten Familien des Hochadels – väterlicherseits geht die Familie auf Pjotr Tolstoi, einen engen Mitstreiter Peter des Großen zurück, die Mutter stammte aus dem Fürstengeschlecht Wolkonskij, zu dem auch der Dekabrist Fürst Sergej Grigorjewitsch Wolkonskij gehörte. Aufgrund seiner hohen Abstammung und seines Reichtums konnte er sich geistige und politische Unabhängigkeit erlauben; er war (wiederum im Gegensatz zu Dostojewski) nahezu unantastbar.
Als geistige Autorität ersten Ranges, die er in seinen letzten Jahrzehnten geworden war, nahm er zu allen kirchlichen und politischen Fragen mit äußerster Schärfe Stellung und übte fundamentale Kritik an den Auswüchsen der Zivilisation, sozialen Missständen, an Kunst und Musik. Selbst Maxim Gorki (*1868, †1936), Schriftsteller der sozialistischen Revolution, erbat sich in großer Hochachtung mehrmals seinen quasi väterlichen Rat und rechnete es sich als große Ehre an, ihn besuchen zu dürfen. (Auf Fotografien von Besuchen bei Tolstoi kann man Gorkis Ehrfurcht förmlich spüren.)

Tolstois Schaffen ist von dem Versuch geprägt, historische Prozesse zu erklären (um daraus die Lehren zu ziehen), und er stützt sich dabei auf das Volk, auf Bauern und Städter – zum hohen Adel und dem hohen Offizierstum hielt er Distanz. Schlussendlich gelangte er zu der Überzeugung, dass Literatur ein ungeeignetes Mittel sei, um die Menschen zu verändern, und dass es seine Aufgabe sein müsse, Gottes Wort zu predigen. Im Gegensatz zu Gogol, der am Ende seines Lebens zu der gleichen Überzeugung kam, es jedoch vorzog, sein Leben durch Selbstaufopferung zu beenden, rief Tolstoi eine religiöse Bewegung ins Leben, später Tolstojanertum genannt, die die Vorzugsstellung aller imperialen Elemente (Regierung, Armee, Adel und orthodoxe kirchliche Hierarchie) ablehnte, sich allein auf das Volkstum bezog und eine friedliche Zusammenarbeit aller forderte, wie sie in den Evangelien gepredigt wurde – ein fundamental-christlicher Glaube wie im Urchristentum. Das konnte nicht gut gehen; die Kirche exkommunizierte ihn und verweigerte auch ein christliches Begräbnis.
Am Ende seines Lebens wollte Tolstoi als bedürfnisloser Bauer durch das Land ziehen, floh 1910 von seinem Gut Jasnaja Poljana und starb auf der Bahnstation Astapowo.

Nicht nur Russland, die ganze Welt trauerte bei seinem Tod.

Zu den bedeutendsten Werken aus Tolstois umfassendem Oeuvre zählen Knabenjahre (1854) und Jugend (1857), die seinen literarischen Ruhm begründeten; der ursprünglich als Dekabristenroman gedachte Roman Krieg und Frieden (1868/69 als Buch); Anna Karenina (1873–1878); Die Beichte (1882); Die Kreutzersonate (1891); Auferstehung (1899) und Chadschi-Murat (1904 geschrieben, posthum 1912 veröffentlicht).

Als letzter in dieser Reihe sei Anton Pawlowitsch Tschechow (*1860, †1904) – Pseudonym in seinen schriftstellerischen Anfangsjahren: Antoscha Tschechonte – erwähnt. Er war anfangs noch von Gogol und Saltykow-Schtschedrin, auch von Puschkin – dem er von seiner Bedeutung her durchaus gleichzustellen ist – beeinflusst, entwickelte dann jedoch (wie eben Puschkin) einen völlig eigenen Stil. Erwähnt sei er hier nur, weil sein Aufstieg die Epoche des russischen Realismus beendete. Maxim Gorki schrieb ihm im ersten Monat des 20. Jahrhunderts in einem Brief:

„Wissen Sie, was Sie tun? Sie töten den Realismus. Und das wird Ihnen schon bald gelingen – bis zu seinem Tod, auf lange Zeit hinaus. Diese Form hat ihre Zeit überlebt, das ist eine Tatsache! Weiter als Sie kann niemand auf diesem Weg gehen, niemand kann so einfach und über so einfache Dinge schreiben wie Sie. Nach einer völlig belanglosen Erzählung von Ihnen erscheint alles grob und roh, nicht mit einer Feder, sondern mit einem Holzscheit geschrieben. (….) Ja, das ist es – den Realismus werden Sie erschlagen. Ich freue mich darüber. Genug davon! Zum Teufel mit ihm!“

In der Literatur beginnt mit dem Ende des Realismus die Zeit der Russischen Moderne, des Sozialistischen Realismus und der Emigrantenliteratur.

Politisch gesehen verschärfte sich die Tragödie des russischen Volkes 1881 mit dem Herrschaftsbeginn eines der reaktionärsten Zaren überhaupt, Alexander III. (*1845, †1894).

Spätestens jetzt begann die Situation aussichtslos zu werden.

Über den Autor

Hanns-Martin Wietek
Arbeitet als freier Publizist für russische Literatur und Geschichte für verschiedene Medien. Literaturkritiker für buechervielfrass.de und russland.RU. Seit 2003 bei russland.RU zuständig für Kunst und Kultur und stellt russische Künstler vor.