Das Ende der UdSSR in aktuellen Meinungsumfragen

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[Von Christian Wipperfürth] Das US-Meinungsforschungsinstitut „Gallup“ wurde 1935 gegründet und gehört mit 2.000 Mitarbeitern in 20 Ländern zu den weltweit bedeutendsten Einrichtungen seiner Art.

Ende 2013 wurde repräsentativ ausgewählten Bürgern in einigen Staaten folgende Frage gestellt: „Im Großen und Ganzen: Nutzte oder schadete das Zerbrechen der Sowjetunion Ihrem Land?“ Die Antworten lauteten:

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Die Ergebnisse widersprechen gängigen Klischees. Andere Umfragen kommen jedoch seit Jahren zu ähnlichen Ergebnissen. Warum erweckt die Berichterstattung in westlichen Medien den Eindruck, als ob jeweils die große Mehrheit der Bevölkerung in den verschiedenen Nachfolgestaaten das Ende der UdSSR positiv sähe, von den „imperial gesonnenen Russen“ einmal abgesehen?

  1. Je gebildeter die Befragten sind, desto geringer ist der Prozentsatz derjenigen, die glauben, das Ende der UdSSR habe ihrem Land geschadet, Kirgisistan ist hier die Ausnahme. Menschen sprechen jedoch gerne und vorwiegend mit ihres gleichen. Dies trifft auch auf Journalisten zu. Dies erklärt z.B., warum es in deutschen Medien eine ganze Reihe Berichte über die russische Kunstszene gibt. Aber haben Sie je etwas über einen Arbeitskampf in einem Unternehmen gelesen? Das heißt: In den deutschen Medien wird der verzerrende Eindruck erweckt, als ob „Pussy Riot“ eine wichtigere gesellschaftliche Kraft wäre als streikende Gewerkschaften. Die Berichterstattung über andere Themen, z.B. über die „Sowjetnostalgie“, besitzt eine ähnliche Schlagseite.
  2. Journalisten verstehen sich heutzutage weniger als „Bericht-Erstatter“, sie wägen nicht ab, sondern werben für eine Seite. Und lassen auch nur eine Seite zu Wort kommen. Die westlichen Medien sind hinsichtlich der Ukraine ähnlich einseitig wie die russischen. Die heutigen Medien bieten Nahrung für den Gefühlshaushalt, und zu wenig für den Verstand. Sie bieten zu wenig Grautöne, viele Stories ähneln auf wundersame Weise dem Märchen vom unschuldigen Rotkäppchen und dem bösen Wolf. Sowjetnostalgiker sind nicht durchweg „böse“, ihre Gegner nicht grundsätzlich „gut“. Es kommt auf ihre Motive an. Und selbst dann sollte man mit moralischen Urteilen sparsam sein.
  3. Es gibt in den Nachfolgestaaten der Sowjetunion nur wenige Politiker die öffentlich die Ansicht vertreten, das Ende der UdSSR habe ihrem Land geschadet. Der Hauptgrund hierfür scheint mir zu sein: Die Sowjetunion ist Vergangenheit und wird es bleiben. Es gibt keinerlei Aussicht, diese wieder zu beleben. Warum sollten Politiker sich einer Sache der Vergangenheit widmen? Auch diejenigen, die das Ende der UdSSR bedauern, glauben nur zum kleinen Teil, dass sie sich wiederbeleben ließe.
  4. Vor allem Ältere vertreten die Ansicht, das Ende der UdSSR habe ihrem Land geschadet.

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Eine gemeinsame Geschichte, die teils Jahrhunderte andauerte, wirkt nach. Aber sie verblasst langsam. Gleich wohl mag eine erneute und verstärkte Integration von Staaten des postsowjetischen Raums sinnvoll sein, wie die aus Kasachstan, Russland und Weißrussland bestehende „Zollunion“.

Sie können die Untersuchungsergebnisse und eine knappe Kommentierung auf Englisch finden unter: http://www.gallup.com/poll/166538/former-soviet-countries-harm-breakup.aspx

Über den Autor

Dr. Christian Wipperfürth
Arbeitet als Freier Publizist, Er hat zuvor für das Europäische Parlament bzw. den Deutschen Bundestag gearbeitet und Internationale Beziehungen an der Universität in St. Petersburg gelehrt.