Das bunte Reich des Zaren

[von Michael Barth] Man schrieb die letzte Jahrhundertwende, die noch einen Zaren erleben sollte. Die Photographie, wenn auch noch in den Kinderschuhen, begann sich als reproduzierende Darstellung durchzusetzen. Ganz Russland, das riesige Reich, kannte die dort lebende Bevölkerung nur durch Berichte und Erzählungen Reisender, denen sie begegneten. Ein Pionier der Kamera füllte diese Lücke.

Zar Nikolaus II. wies seine Haus- und Hofphotographen an, in sein Land auszuschwärmen, um das Reich lichtbildnerisch zu dokumentieren. So entstanden unzählige Bilder von Dörfern, Menschen und Landschaften der hintersten Winkel Russlands. Der Name eines dieser Lichtbildkünstler sollte hervorstechen aus dieser Epoche der Landerkundung: Sergei Michailowitsch Prokudin-Gorski. Eigentlich ein Chemiker geprägt durch Studienaufenthalte in Paris und Berlin und mit dem Drang beseelt, etwas Neues zu entwickeln. Freilich, die Photographie war schon erfunden, nur wie ließ sich das „Potenzial für Bildungszwecke“, wie er es nannte, noch weiter optimieren?

Prokudin-Gorski brachte als einer der ersten seiner Zunft Farbe ins Spiel. Dem Zar gefiel die Idee und so schickte er seinen Photographen, ausgestattet mit sämtlichen Befugnissen, den finanziellen Mitteln sowie einem mobilen Photolabor 1905 in die Weiten seines Riesenreichs. Entlang der Wolga, über den Ural nach Sibirien bis hin in die Khanate Zentralasiens, die gerade einmal seit 30 Jahren zum Land des Zaren gehörten. Der Pionier reiste mit seiner Ausrüstung, einer Entourage aus Trägern und Helfern, und dem Segen seines Gönners, um Russland auf Platten zu bannen. Das Ergebnis war eine Meisterleistung der Photographie, die Früchte einer logistischen Herausforderung.

Unter welchem Aufwand Prokudin-Gorskis Dokumente entstanden sind, mag schwer vorstellbar sein in einer Zeit, in der Mobiltelefone mit einem simplen Knopfdruck mehr oder weniger anspruchsvolle Momentaufnahmen knipsen, in der vollautomatischen Digitalkameras die Photographie zum universellen Einerlei herab degradieren. Unter diesem Aspekt muss auch der exzellente Bildband „Nostalgia“ gesehen werden, der erstmals die auf Geheiß des Zaren entstandenen Aufnahmen in ihrer ganzen Fülle präsentiert. Erstmals gelang es, die Tiefe, die bisher nur durch Projektion gezeigt werden konnte, auch gedruckt wiederzugeben.

Antwort auf Instagram und Co.

Materielle Spuren durch Abnutzung der Originalplatten und Risse der Emulsion wurden dabei bewusst nicht retuschiert oder digital nachbearbeitet, so dass die unverfälschte Ästhetik des Originals erhalten blieb. Leider, und das ist das einzige Manko des Bandes, ist nicht weiter erklärt, wie Prokudin-Gorskis seine Originale präsentierte. Um das Geheimnis zu lüften: Er benutzte nicht wie zu erwarten drei verschiedene Projektoren, auch legte er nicht drei verschieden eingefärbte Platten hintereinander, sondern er entwickelte einen Projektor mit drei Objektiven, durch die die Platten einzeln auf die Leinwand geworfen wurden.

Sicherlich, wer nun Schnappschüsse aus dem Alltag der Bevölkerung erwartet, mag sich enttäuscht sehen. Belichtungszeiten von einigen Minuten ließen zu diesen Zeiten lediglich ein inszeniertes Abbild zu. Photographien von Landschaften, der Blick ins Innere eines Produktionsbetriebes und die in Szene gesetzte ländliche Idylle. Dass dies jedoch den Dokumenten keinen Abbruch tut, verdeutlichen die Aufnahmen aus den, für die damalige Zeit, exotischen Gegenden des russischen Reiches. Es unterstreicht vielmehr die gebotene Würde, wenn sich der Khan des Protektorats Choresm [südlich des Aralsees] in seinem Ornat für den Photographen stillsitzt, wenn der Emir von Buchara [heutiges Usbekistan] stolz seine ganze Leibesfülle zur Schau stellt.

Aber es ist auch die kleine Würde des Beamten, der mit einem Mal wichtiger scheint als er es jemals war. Die des Kameltreibers in der turkmenischen Wüste, des Schafhirten auf den Weiden des Kaukasus. Sogar die angeketteten Sträflinge in Samarkand erscheinen in einem anderen Licht, als sie es im Kerkerloch je gesehen haben dürften. Als Kontrast dazu das romantische Camp inmitten der Wildnis des Urals mit seinen rauschenden Gebirgsbächen, schroffen Felswänden und dichten Wäldern. Tiere, ob sie Hofphotograph Prokudin-Gorski nun jemals lebendig zu Gesicht bekam oder auch nicht, wurden ausgestopft abgelichtet. Dafür waren sie nicht verwackelt, scharf und deutlich, die Bestände aus Sammlungen von Lehrern, Heimatkundlern oder spleenigen Mäzenen.

Als „wahrhaft kunterbunter Augenschmaus“ lobte die Jury des Deutschen Fotobuchpreis 2013 das Werk, das sie mit Gold auszeichnete, um überschwänglich fortzufahren: „Von lediglich heiteren Farben zu sprechen, wäre noch eine krasse Untertreibung. Nein, das hier ist ein Rausch, eine Explosion, ein Schweben und Blühen, als ob Andy Warhols Factory mitsamt ihren psychedelischen Flower-Power-Farben um ein halbes Jahrhundert vor und vom Hudson River an die Wolga verlegt worden wäre.“ So wie bedeutende Gemälde in ein Museum gehören, um sie der Öffentlichkeit zugänglich zu machen, so gehört Prokudin-Gorskis Spektakel in Farbe in ein hochklassiges (Bilder-) Buch.

Sergei Michailowitsch Prokudin-Gorski: Nostalgia: Das Russland von Zar Nikolaus II. in Farbfotografien; Die Gestalten Verlag, 2. Auflage 2013; 320 Seiten, 306 Abbildungen; ISBN: 978-3899554595

Über den Autor

Michael Barth
1961 in Nürnberg geboren und von da aus ab 1979 die große weite Welt erkundet. Die Wege führten anfangs nach Klein- und Mittelasien und waren stets das Ziel. Immer mit im Gepäck, der sehnsüchtige Blick auf die schier unerreichbare UdSSR. Dann fiel der eiserne Vorhang, die Pfade führten nach Nordosten. Durch einen glücklichen Umstand tat sich letztendlich Russland auf. Der berufliche Werdegang verlief zunächst sehr unjournalistisch. Ständig auf der Suche nach neuen Aufgaben und Herausforderungen war nach der Ausbildung zum Kirchenmaler vom Krematoriumsarbeiter bis zum R’n’R Caterer so ziemlich alles dabei, was Abenteuer und Ungewöhnlichkeit versprach. In Russland kam 2008 der Journalismus hinzu. Weltenbummeln und schreiben – perfekt. Zuerst bei einer kleinen Gazette und ab 2012 ernsthaft im Feuilleton bei russland.RU. Seit 2014 dort Chefredakteur.