Dankesrede von Prof. Dr. h.c. Fritz Pleitgen

„Dr. Friedrich Joseph Haass-Preis“ 20. März 2017, Hotel Adlon Berlin

Pleitgen_Fritz_©_Superbass_CC-BY-SA-4.0 (via Wikimedia Commons)
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 Danke für den Dr. Friedrich Joseph Haass-Preis. Danke für die freundlichen Worte, Herr  Botschafter Grinin, Herr Platzeck! Lieber Herr Stoiber, Ihre Rede habe ich mit Zustimmung gehört. Wer hätte das gedacht, dass wir uns einmal so nahe kommen! Sie, der Chef des schwarzen Bayern, und ich vom „Rotfunk“ WDR. Man sieht, Russland sorgt für Annäherung, Russland sorgt für Verständigung.

Die Auszeichnung  bedeutet mir viel. Sie ist mir vor allem eine Ehre, wenn ich auf die stattliche Galerie der bisherigen Preisträgerinnen und Preisträger schaue, von denen einige zu meiner Freude hier sind.

An einem Tag wie heute kehren meine Gedanken zurück zu einem Mann, den ich vor mehr als 50 Jahren kennen gelernt habe: Lew Kopelew. Der Germanist und Humanist aus Kiew war in Breschnjews Sowjetunion eine exotische Erscheinung. Er galt als wandelnde Enzyklopädie. Sein Wissen über russische und westliche Literatur war phänomenal. Wer sich als westlicher Diplomat oder Korrespondent  über die Kulturen und die Geschichte der Sowjetvölker informieren wollte, wandte sich an ihn. Er war damals für uns wie Google heute. Nur besser, weil stimmte, was er uns mitteilte.

Schon bei unserer ersten Begegnung fragte er mich, was ich von Friedrich Joseph-Haass wüsste. Zu seinem nicht geringen Entsetzen musste ich ihm gestehen, dass ich von Friedrich Joseph-Haass noch nichts gehört hatte. Wie mir würde es vermutlich der großen Mehrheit der deutschen Bevölkerung, zumindest im Westen, gehen.

„Das muss anders werden“, knurrte Kopelew und erzählte mit Hingabe von den menschenfreundlichen Taten des „Heiligen Doktors von Moskau“, der Epidemien gestoppt habe und sich bis zur Selbstaufopferung um die Ärmsten der Armen, insbesondere um die Sträflinge, gekümmert hätte. Im Laufe unserer vielen Begegnungen kam Kopelew immer wieder auf Friedrich Joseph-Haass zurück. In den tausend Jahren  bewegter deutsch-russischer Geschichte sei sein Wirken ein besonders ermutigendes Beispiel gewesen.

Eines Tages lud mich Kopelew ein, mit ihm den Wwedenskoje-Friedhof zu besuchen, auf dem Friedrich Joseph-Haass zur letzten Ruhe gebettet worden war. Da ich endlich nach jahrelangen Bemühungen über  einen eigenen deutschen Kameramann verfügte, konnte ich unseren Friedhof-Besuch im Bild festhalten. Den Kameramann hatte ich der Konferenz von Helsinki zu verdanken. Er bekam vom MID, dem sowjetischen Außenministerium, den provisorischen Ausweis mit der Kennung „Kino-Operator Noll noll odin“. Wir nannten ihn „Duch Helsinki“, den Geist von Helsinki.

Das Interview, das ich mit Kopelew vor 50 Jahren auf dem Friedhof machte, verarbeitete der Westdeutsche Rundfunk zu einem Bericht, den ich Ihnen jetzt zeigen werde. Ein historisches Dokument. Dies war ein entscheidender  Schritt, um Friedrich Joseph-Haass in Deutschland wieder bekannt zu machen. Ich bin gespannt, was wir damals auf dem Moskauer Friedhof verzapft haben. Film ab!

Film Kopelew

Den Dr. Friedrich Joseph-Haass gibt es inzwischen. Dem Deutsch-Russischen Forum sei Dank! Lew Kopelew würde es sehr freuen. Er selbst wurde 1981 auf einer Deutschland-Reise auf Beschluss  des Obersten Sowjets ausgebürgert. Die hinterlistige Maßnahme hat ihn hart getroffen, aber nicht gebrochen. Unbeirrt setzte er sich weiter  für die Wahrung der Menschenrechte ein, aber ebenso für die Verständigung unter den Völkern, auch im Verhältnis zwischen dem Westen und der Sowjetunion.

Im hohen Alter lief Kopelew zu großer Form auf. Für sein Wissen und seine Weltsicht wurde er in Deutschland und den USA mit hohen Auszeichnungen geehrt. Im Auftrag der Bergischen Universität Wuppertal schuf er ein großes wissenschaftliches Werk über die deutsch-russischen Begegnungen, vom 9. Jahrhundert an, 10 Bände. Titel: West-östliche Spiegelungen.

Zusammen mit der Haass-Gesellschaft in Münstereifel brachte er zudem in Vorträgen, Artikeln und Büchern die Geschichte des Heiligen Doktors von Moskau unter die Leute. Die jungen Menschen liebten ihn. Er war ein Riesentyp. Sie haben ihn vorhin im Film gesehen.

Haass geriet auch nach dem Tod von Lew Kopelew nicht in Vergessenheit. In der Katholischen Kirche lief ein Prozess an, Friedrich-Joseph Haass selig zu sprechen. Erst unter der Federführung der Erzdiözese Köln, danach unter der Zuständigkeit der Diözese Moskau.

Ich bin sicher, Papst Franziskus würde dem Gesuch sofort zustimmen, wenn die Begründung auf seinen Tisch käme. Der Mann aus Münstereifel war ein Katholik nach seinem Geschmack. Wie der jetzige Papst fühlte sich Friedrich-Joseph Haass der Lebensweise und der Lehre von Franz von Assisi verpflichtet.

Viel Gutes ist inzwischen über Friedrich Joseph-Haass zusammengetragen worden. Auch beim legendären Adenauer-Besuch 1955 hat die Erinnerung an sein Wirken eine positive Rolle gespielt; sie hat mit dazu beigetragen, dass die deutschen Kriegsgefangenen in ihre Heimat zurückkehren konnten, wie ich aus der Historischen Kommission erfahren habe, die jetzt  im Januar tagte.

Friedrich Joseph-Haass wirkt bis heute nach. Als wir in Perm mit Hilfe deutscher Spenden eine

Krebs-Kinderklinik gebaut haben, haben wir sie auf Anraten von Kopelew nach Friedrich-Joseph Haass benannt.

Als ich 1990 über die alte Klinik berichtete, starben dort 9 von zehn Kindern. Heute werden in Perm dank der tüchtigen Ärzte und Ärztinnen acht von zehn Kindern von Krebs geheilt. Das ist höchster internationaler Standard. Im letzten Sommer haben wir mit unseren russischen Partnern das 20-jährige Bestehen mit einem internationalen Symposium gefeiert. Eine Sorge muss ich äußern. Ich hoffe, dass sich die internationalen Beziehungen nicht weiter verschlechtern. Es wäre ein Jammer, wenn unsere Klinik wie andere vom Westen geförderte Einrichtungen in Russland auch noch  als „ausländischer Agent“ gelistet würde. Bei dieser Gelegenheit möchte ich ein Wort für MEMORIAL einlegen. Es würde uns entspannen, wenn die Menschenrechtsorganisation, die sich auch um die Entschädigung der russischen Zwangsarbeiterinnen und Zwangsarbeiter verdient gemacht hat, wieder von der ominösen Liste genommen würde.

Die Untersuchung für die Seligsprechung von Friedrich Joseph-Haass ist im Grunde abgeschlossen. Was noch fehlt, ist ein beglaubigtes Wunder.

Auf Wunder kann Politik nicht setzen, aber ordentliches Menschenwerk sollte sie schon sein. Wie steht es in dieser Hinsicht um die deutsch-russischen Beziehungen?

Besorgnis erregend schlecht! Nach meiner Beobachtung sind beide Seiten ihrer Verantwortung für ein gedeihliches Miteinander in Europa nicht gerecht geworden.

Dass sich die Bundesregierung genötigt sieht, deutsche Soldaten ins Baltikum in die Nähe der russischen Grenze zu schicken, mögen wir im selbstgewissen Westen als normale Bündnispflicht betrachten, aber auf der russischen Seite kann dies durchaus als eine Herausforderung angesehen werden. Oder würden wir uns freuen, wenn russische Truppen kurz vor unseren Städten aufkreuzten?

Ich glaube auch nicht, dass Helmut Kohl das deutsche Balkenkreuz auf gepanzerten Nato-Wagen an der russischen Grenze vor Augen hatte, als er mit Gorbatschow über die deutsche Einheit und die Mitgliedschaft der vereinten Bundesrepublik in der Nato verhandelte.

Wenn wir anfangen, mit Truppenbewegungen zu operieren, um unserer Politik Nachdruck zu verleihen, dann sind wir schnell wir bei Ultimo angelangt. Viel Spielraum lässt uns eine solche Politik jedenfalls nicht.

Seit drei Jahren praktiziert die Europäische Union ihre Sanktionspolitik. Es ist längst Zeit, einen Kassensturz zu machen. Was haben die Sanktionen gebracht? Außer Misstrauen nichts, was als Wendung zum Guten bezeichnet werden könnte. Wenn etwas nicht funktioniert, dann sollte man es lassen.

Doch so einfach ist das nicht. Bei Sanktionen ist es ähnlich wie bei Kriegen: man gerät leichter hinein als wieder heraus. So auch hier. Hohe sachliche und emotionale Hürden wären zu überwinden. Dazu zählt der Abschuss der malaysischen Verkehrsmaschine, was in Holland unvergessen bleiben wird.

Auf der anderen Seite wäre es verheerend,  immer tiefer in die Sackgasse zu stolpern. Angesichts der Gefahren, die von einem weiteren Auseinanderdriften zwischen Russland und dem Westen drohen, wird die Notwendigkeit der Verständigung immer drängender.

Nach schweren Krisen die Anstrengungen zu  verdoppeln,  ja zu verdreifachen, um aufeinander zuzugehen, ist in der internationalen Politik nichts Neues. Dafür gibt es Beispiele in der jüngeren Vergangenheit. So geschehen nach dem Bau der Berliner Mauer, als die Idee „Wandel durch Annäherung“ entstand. Ein Dr. Friedrich Joseph Haass-Preisträger war dafür verantwortlich. Oder nach dem Einmarsch der Warschauer Pakt-Truppen in Prag. Damals rechnete man mit dem Schlimmsten, aber dann kam Bewegung ins Ost/West-Geschehen. Die Entspannungspolitik kam in Gang – von Bonn und Washington, aber auch von Moskau, was zum Viermächte-Abkommen über Berlin  und zur Konferenz von Helsinki führte.

Ist die gegenwärtige EU-Politik wirklich alternativlos? Ich denke: Nein! Warum wagt man nicht das Gegenteil der bisherigen Sanktionspolitik und bietet der Russländischen Föderation eine umfangreiche wirtschaftliche Partnerschaft an?

Eine Anerkennung der Krim-Annexion wäre das nicht, aber eine Chance, den Krieg in der Ostukraine zu einem Ende zu bringen. Ich bin überzeugt, in einem gesamteuropäischen Rahmen und einem positiven europäischen Klima sind die beteiligten Parteien eher in der Lage, die Forderungen des Minsker Abkommens zu erfüllen, dessen Zustandekommen ich als eine große Leistung von Bundeskanzlerin Merkel und Außenminister Steinmeier betrachte.

Klar, Berlin schafft das nicht im Alleingang. Das ist Sache von Brüssel. Präsident Jean Claude Juncker könnte sich durch die Beendigung einer unseligen Krise ein Denkmal  setzen. Die Deutschen sollten ihn dabei unterstützen.

Ein Journalist darf sich  unkonventionelle Gedanken machen. Und wo ist der richtige Platz dafür? Warum nicht in Berlin, warum nicht im Deutsch-Russischen Forum! Wir sind doch ein freies Land. Vor dieser Veranstaltung wurde ich gefragt, ob ich ein Putin-Versteher sei. Ich weiß, dieser Begriff ist diffamierend gemeint. Ich will deshalb nicht ausweichen. Ich betrachte Putin nicht als Feind Deutschlands.

Danke und Glück auf!