Confed-Cup 2017: Zahnlose Löwen und virtuelle Leiden

Foto: TV-Screenshot
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Willkommen zurück in der surrealen Welt des Fußballs. Gern erinnert man sich an das Jahr 1990, als die Nationalmannschaft Kameruns bei der Weltmeisterschaft die Welt mit mutigem und erfrischendem Spiel verzückte. Roger Mila, der damals 38-jährige und seine Mannen hoben die Gesetze des Turnierfußballs komplett aus den Angeln, wollten gar in ärmellosen Trikots antreten und erreichten in Italien das Viertelfinale. Seitdem wurde das Spiel der Afrikaner dem europäischen Einerlei angepasst, es wurde still um die einst  kratzbürstigen „Löwen“.

Der chilenische Fußball hat seine besten Zeiten ebenfalls hinter sich. Nach dem dritten Platz bei der Weltmeisterschaft 1962 im eigenen Land war ein Achtelfinale das höchste der Gefühle. Um so erstaunlicher, dass das verblasste Chile in der FIFA-Weltrangliste aufgrund nationaler Erfolge bei der kontinentalen Copa America und internationalen Qualifikationen derzeit auf Platz Vier rangiert. Chiles Kader, gespickt mit teuren Einzelspielern muss sich als Team hier in Moskau erst noch beweisen. Zunächst bewiesen sie, dass sie ihre Nationalhymne auch ohne Musik singen können.

Die erste Haltungsnote geht eindeutig an die Südamerikaner. Kameruns Trainer Hugo Broos orakelt voller Respekt: „Chile hat ein sehr modernes Team, mit viel Power, viel Technik, vielen verschiedenen Qualitäten. Wir müssen auf unserem höchsten Niveau spielen, um sie am Sonntag besiegen zu können“. Broos wird kaum die Sängerqualitäten gewürdigt haben, als er das sagte. Die Chilenen unterstrichen seine Auffassung nach Leibeskräften. Über eine halbe Stunde rocken sie sich durch die erlahmte Kameruner Seite des Spielfeldes.

Video killed the Radio-Star

Hach ist das aufregend. Nein, nicht die elegant zur Schau getragene Passivität der Afrikaner, sondern das überbordende südamerikanische Temperament, dass gleich einem Vulkan zum Ausbruch kam, nachdem eine zuckersüße Dreier-Stafette durch ein saloppes Törchen von Vargas bereits gekrönt schien. Der neu angewandte Video-Beweis zeigt sich gleich von seiner grausamsten Seite, bis eben diesem Tag wäre jeder Linienrichter wegen des Millimeters ausnahmslos gelyncht worden. Moskau hat sein Novum, Chile den Salat.

Spätestens hier stellt sich eine berechtigte Frage. Warum stehen eigentlich noch echte Menschen, solche aus Fleisch und Blut, während derlei Großveranstaltungen auf dem Feld? Dass Maschinen hervorragenden, quasi übermenschlichen Fußball spielen können, ist inzwischen erwiesen. Dass sich sogenannte Unwägbarkeiten in einem virtuellen Fußballspiel userfreundlich ausklammern lassen ebenso. Und weshalb, so drängt die Vernunft, bedarf es eigentlich noch real existierender Emotionen auf den Zuschauerrängen? Es verliehe dem Sport eine ganz neue Färbung. Und last not least, eventuelle Gewaltexzesse gewännen neues Format.

Für den Bundes-Jogi ist Chile übrigens eines der stärksten Teams bei diesem Turnier. Aber wer weiß, vielleicht hat man Löw ja auch schon durch einen Cyborg ersetzt. Das Fieber bei den 30.000 Zuschauern? Nun, mäßig sei ein höflicher Begriff für „lausig“, so erklärt es uns der Duden. Darüber kann auch der stimmungsvolle Auftakt gestern im St. Petersburger Krestowski-Stadion nicht hinwegtäuschen, die meisten sehen ohnehin nach Freikarten von Sponsoren aus.

Wenigstens kann Vidal, der Chilene der aussieht als sei er dem übermenschlichen „A-Team“ entsprungen, zum diesmal gültigen 1:0 einköpfen. Video hin, Video her. Die FIFA überträgt mitlerweile im HD-Format, es schaut immer unnatürlicher aus. Einwand: Kann man Maschinen dopen? Der Fußball erreicht eine neue Dimension. Wozu eigentlich noch Linienrichter? Der Videobeweis sagt kein Abseits, der Videobeweis sagt Tor. 2:0 in der Nachspielzeit, die Menschen sind verwirrt. Ein klares Plädoyer für Maschinen. Waren das noch selige Zeiten, als es einem Herbert Zimmermann am Radiomikrophon vor Euphorie die Stimme überschlug.

[Michael Barth/russland.NEWS]

Über den Autor

Michael Barth
1961 in Nürnberg geboren und von da aus ab 1979 die große weite Welt erkundet. Die Wege führten anfangs nach Klein- und Mittelasien und waren stets das Ziel. Immer mit im Gepäck, der sehnsüchtige Blick auf die schier unerreichbare UdSSR. Dann fiel der eiserne Vorhang, die Pfade führten nach Nordosten. Durch einen glücklichen Umstand tat sich letztendlich Russland auf. Der berufliche Werdegang verlief zunächst sehr unjournalistisch. Ständig auf der Suche nach neuen Aufgaben und Herausforderungen war nach der Ausbildung zum Kirchenmaler vom Krematoriumsarbeiter bis zum R’n’R Caterer so ziemlich alles dabei, was Abenteuer und Ungewöhnlichkeit versprach. In Russland kam 2008 der Journalismus hinzu. Weltenbummeln und schreiben – perfekt. Zuerst bei einer kleinen Gazette und ab 2012 ernsthaft im Feuilleton bei russland.RU. Seit 2014 dort Chefredakteur.