Confed-Cup 2017: Statt Neuer ein Neuer

Foto: yokewee CC0 Public Domain via Pixabay
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Man weiß nicht so recht ob das jetzt die DFB-Juniorenauswahl ist, die hier den Kunstrasen in Sotschi beackern will oder ob sie schon den Führerschein machen dürfen. Laborversuch nennt man das beim DFB. Wir haben es schon immer geahnt, dass Dr. Müller-Wohlfahrt seine Ausbildung in der Praxis von Dr. Frankenstein absolvierte.

Nach 25 Minuten könnte es auch schon 4:0 stehen, schwärmt die Stimme aus dem Fernseher. Die Stimme klingt – seltsam. Ist das überhaupt am Schwarzen Meer oder vielleicht doch auf einem anderen Stern? Die 23.000 Zuschauer gar alles Statisten, die je in einem zweitklassigen Trash-Sci-Fi-Film mitgewirkt haben? Vorsichtshalber hat man sie etwas breiter gesetzt, so schaut es nach etwas mehr aus. Trotz Kartenpreise von läppischen 1.000 Rubel. In transkontinentalen Euros gerechnet entspricht das dem Wert Fünfzehn. Ein Glück, dass der Schiedsrichter früher Mathe-Lehrer war. Ist aber egal, wir haben das 1:0 nach nur fünf Minuten sowieso schon verpasst.

Die Buchmacher wussten es bereits, die Quoten vor dem Spiel standen bei rund 1:41. Die Wettmafia reibt sich die Hände. Dumm nur, dass Australien nicht bei der Mafia involviert zu sein scheint. Insofern noch dümmer, weil es ab der 40. Minute plötzlich 1:1 steht. Vielleicht ist aber auch Draxler der Mafiosi, denn der war schuld an diesem Ausgleich. Oder ist er doch nicht bei der ehrenwerten Gesellschaft? Mit einem verwandelten Elfmeter macht er keine drei Minuten später alle Träume vom Reichtum mit schmutzigem Geld zunichte. Falls er doch Mitglied der Mafia ist, hackt man ihm jetzt mindestens drei Finger ab.

Uff, Pause. Lange hätte man das ohne Videobeweis, ohne Voicedecoder, ohne einen einzigen Aufreger nicht mehr ausgehalten. Der Nachrichtenüberblick ist auch nicht schöner. Schnell zurück ins Studio. Ist der Experte mit der bärtigen Glatze ein Terrorist? Auch diese Frage konnte nicht hinreichend geklärt werden, dann doch wieder ans Schwarze Meer. Endlich Zeit, in aller Ruhe die Werbebande unter die Lupe zu nehmen. Oliver Bierhoff wollte ja auch hinter die Kulissen blicken. Wir konnten ihn dort jedoch nicht finden. Dafür finden wir, dass auffällig viel Gazprom-Werbung überall prangt. Ist das jetzt endlich die angeprangerte Korruption?

Der Bundes-Jogi sagte vor dem Spiel, das Turnier sei „ein geschenktes Turnier unter Wettbewerbsbedingungen“. So werden wir ja nie Weltmeister. Oder doch? Auf der Tribüne auf dem Smartphone daddelnde Freikarten-Zuschauer liefern den Beweis: Das Spiel ist ein Hologramm, ein Match auf der Playstation auf den Kunstrasen gebeamt. Der Altersdurchschnitt der Bundesbuben entsprechend. Hector, Goretzka, Spielwitz, wer ist das? Ein Urgestein des Fußballs dagegen Mathew Ryan. Der war schon australischer Nationaltorhüter bevor Helmut Kohl Kanzler wurde. Also vor gefühlten hundert Jahren.

Das 3:1 hat einen Namen – Kimmich. Das 2:3 gleich zwei: Freistoß und Abstauber. Trotz Videobeweis. Eine vogelwilde Party meint der Kommentator und Veteran Ryan nimmt ihn beim Wort. Rennt mit seinem pinkfarbenen Arbeitsdress irgendwo auf dem Platz herum, dass es nur so in den Augen quietscht. Wer weiß, vielleicht nimmt er Drogen. „Scho au wichtig“, sagt der Jogi. Allerdings in einem anderen Zusammenhang. Achtung Kalauer: Brandt geht raus, die schwäbelnde Koseform für türkisches Wasser kommt rein. Ich erklär‘ die Pointe später.

Noch 20 Minuten, schafft Downunder noch das Wunder von Bern? Haben Sie schon mal gegen ein Känguru Fußball gespielt? Immerhin gehörte den Aussis noch der letzte Angriff. Ehre wem Ehre gebührt, verdient hat es heute keine der beiden Mannschaften. Wenngleich die Australier durchaus ein bisschen Stolz auf ihre Mannschaft sein können. Ein 2:3 ringt man einem viermaligen Weltmeister auch nicht alle Tage ab. Auch wenn’s „nur“ der Confed-Cup ist.

[Michael Barth/russland.NEWS]

 

Über den Autor

Michael Barth
1961 in Nürnberg geboren und von da aus ab 1979 die große weite Welt erkundet. Die Wege führten anfangs nach Klein- und Mittelasien und waren stets das Ziel. Immer mit im Gepäck, der sehnsüchtige Blick auf die schier unerreichbare UdSSR. Dann fiel der eiserne Vorhang, die Pfade führten nach Nordosten. Durch einen glücklichen Umstand tat sich letztendlich Russland auf. Der berufliche Werdegang verlief zunächst sehr unjournalistisch. Ständig auf der Suche nach neuen Aufgaben und Herausforderungen war nach der Ausbildung zum Kirchenmaler vom Krematoriumsarbeiter bis zum R’n’R Caterer so ziemlich alles dabei, was Abenteuer und Ungewöhnlichkeit versprach. In Russland kam 2008 der Journalismus hinzu. Weltenbummeln und schreiben – perfekt. Zuerst bei einer kleinen Gazette und ab 2012 ernsthaft im Feuilleton bei russland.RU. Seit 2014 dort Chefredakteur.