Co-Vorsitzender der russischen Umweltkammer: „Die Sowjetunion hat ein Erbe der ökologischen Verarmung hinterlassen.“

Co-Vorsitzender der russischen Umweltkammer: „Die Sowjetunion hat ein Erbe der ökologischen Verarmung hinterlassen.“

In Deutschland ist der Umweltschutz ein fester Bestandteil des politischen Diskurses. Aber wie sieht es mit der Umweltpolitik beim unserem größten Nachbarn Russland aus? Wir sprachen über die heutige ökologische Situation in Russland mit dem Co-Vorsitzenden der russischen Umweltkammer, Vadim Petrov.

Herr Petrov, womit sich die Industrie- und Handelskammer beschäftigt, dürfte allen geläufig sein. Aber was genau sind die Aufgaben der Umweltkammer? In Deutschland zum Beispiel gibt es so eine Institution gar nicht…

Vadim Petrov: Unsere Kammer wurde 2013 als Plattform für Expertenkommunikation ins Leben gerufen. Unser Ziel ist es, die Interaktion zwischen Behörden, Business, der Zivilgesellschaft und Wissenschaftlern in Fragen der Umweltpolitik zu gewährleisten. Wir verbinden einen großen Teil der russischen Regionen (Subjekte der Föderation), NGOs und Umweltinstitute miteinander. Die gezielte Zusammenarbeit dieser Akteure im Zusammenhang mit konkreten Initiativen ist essenziell. Die Umweltorganisationen, die zu Sowjetzeiten existierten, wie der „Verein des Naturschutzes“ hatten im heutigen Russland keine gesellschaftliche Bedeutung mehr. Zu unseren Aufgaben gehören unter anderem die Erarbeitung für Richtlinien der Ökoentwicklung und die rein wissenschaftliche Arbeit bei der Einführung der BVT (Best verfügbare Techniken, Anm. d. Red.). In vielen Bereichen fehlen nämlich die nötige Expertise und Erfahrung.

Wie bewerten Sie die aktuelle ökologische Lage in Russland?

Vadim Petrov: Das Thema der Ökologie ist nicht seit allzu langer Zeit in unserem Land aktuell, jedoch sehr wichtig. Umweltschutz wurde zu Sowjetzeiten nie als Wachstumsfaktor gesehen. Es gab nicht den Begriff einer „grünen Wirtschaft“, von BVT konnte gar keine Rede sein. Seitdem 2014 entsprechende Gesetze zum Umweltschutz verabschiedet wurden, ist sehr viel getan worden.

Die Sowjetunion hat ein Erbe der ökologischen Verarmung hinterlassen. Das hängt natürlich auch mit den Prinzipien der Planwirtschaft zusammen. Umweltschutz hat einfach in der alltäglichen nationalen Politik nicht stattgefunden. Nach dem Zerfall der Sowjetunion hatte Russland andere Probleme – Armut, Hunger, Inflation, es gab schlichtweg keinen stabilen Markt. Jetzt sind wir dabei, diesen Schaden zu beseitigen. Beispielsweise sollen 300 russische Firmen bis 2024 ihre Luftfilter modernisieren.

Wirtschaft und Umweltschutz stehen sich natürlich oft im Weg…

Vadim Petrov: Einige Ökologen denken sehr einseitig. Alle Unternehmen, die einen erheblichen Schaden anrichten, einfach zu schließen und aus Russland einen einzigen, großen Nationalpark zu machen – das ist doch kein Lösungsansatz! Es muss eine Balance geben zwischen der sozial-ökonomischen Entwicklung eines Landes und den Umweltschutzinteressen. Ökologie bedeutet nicht, dass ein Land aus einer grünen Wiese mit glücklichen Kühen besteht.

Wir in Deutschland haben die Vorstellung, dass Russland in Sachen Umweltschutz stark hinterherhinkt…

Vadim Petrov: Ich würde an dieser Stelle differenzieren. Erstens, ist es falsch zu behaupten, Umweltschutz würde bei uns heute niemanden interessieren. Andererseits haben Sie Recht, dieses Klischee hat tatsächlich eine historische Grundlage. Ich spreche hier abermals von der Sowjetzeit. Aber als man das Leitungswasser vielerorts nicht mal anschauen, geschweige denn trinken konnte, als Menschen illegale Mülldeponien vor ihrer Haustür sahen und ihnen bewusst wurde, dass in Naturschutzgebieten wild gebaut wird, dass Unternehmen ihren Dreck einfach unkontrolliert in Flüsse und Seen abfließen lassen, kurz gesagt: als man die Konsequenzen der falschen Umweltpolitik am eigenen Leibe spürte, da kam der Wendepunkt.

Da entwickelte sich eine Öko-Kultur und ein Umweltbewusstsein bei den Russen. Um auf Ihre Frage zurück zu kommen, diese Vorstellung ist meiner Meinung nach heute absolut ungerechtfertigt. Besonders wenn man in Betracht zieht, dass das nationale Projekt „Ökologie“ in seiner Größenordnung international seinesgleichen sucht. In keinem anderen Land der Welt finden Sie ein solches Dokument. Ziehen Sie alleine die Größe Russlands in Betracht. In den letzten 15 Jahren wurden mehrere Trillionen Rubel in Umweltschutz investiert.

Das wäre meine nächste Frage, auf welchem Platz sollte der Umweltschutz in der nationalen Politik stehen?

Vadim Petrov: Jedes Land muss verstehen, dass die Lebensqualität die Grundlage einer jeden Nationalpolitik sein sollte. Davon hängt die Lebenserwartung usw. ab. Dazu trägt die ökologische Situation maßgeblich bei! Da hängt alles miteinander zusammen. Schlechte Luft führt zu vermehrten Erkrankungen. Das führt dann auch zu schlechter wirtschaftlicher Entwicklung. Und Regierungen, die das verstanden haben, machen einen wichtigen Schritt für eine erfolgreiche Zukunft des Landes. Allerdings, wenn ein Land nicht die Mittel zur Umsetzung von Umweltreformen hat, befindet es sich in einem Teufelskreis gefangen. Da muss dann die internationale Gemeinschaft weiterhelfen!

Es ist allgemein bekannt, dass die russische Wirtschaft von der Industrie, konkret von der Metallurgie und Gasbranche lebt. Finden Sie nicht, dass dieser Sektor niemals „grün“ werden kann?

Vadim Petrov: Doch, das kann er. Mehr als nur das, er beginnt heute schon, sich grün zu färben! Dank der besten verfügbaren Technologien und Lösungen, die im Produktions- und Operationsprozess der Unternehmen Verwendung finden. Und das sind Lösungen, die nicht einfach nur den Schadstoffausstoß minimieren, sie machen unsere Unternehmen auch innovativer und somit auf internationalen Märkten konkurrenzfähiger. Ich spreche hier konkret von der Nickelbeschaffung und den Projekten des Unternehmens „Nornickel“. Ihr gigantisches Schwefelprojekt mit einer Gesamtinvestition von 2,5 Milliarden Dollar wird den Schwefelausstoß einzelner Werke um 75 Prozent senken.

Kann Russland, was die Umweltinitiativen angeht mit Europa verglichen werden und gibt es einen Austausch mit den westlichen Partnern?

Vadim Petrov: Nehmen Sie die Einführung der BVT in Russland als Beispiel. Ein ähnliches Gesetz wurde von der EU schon 2010 verabschiedet. Da haben wir uns an der EU orientiert. Zweifelsfrei sind europäische Standards für uns ein Handelsmuster. Viele Standards sind aber in Russland nicht anwendbar. Das hat mit der Größe und dem Klima des Landes zu tun.

Was den Austausch angeht – wir sind für einen offenen Dialog. Und es ist immer sehr interessant zu sehen, was es Neues und Aktuelles im Bereich der Umweltinitiativen gibt. Wir befinden uns im ständigen Kontakt mit unseren ausländischen Kollegen, auch mit den Experten aus Deutschland. Wir haben festgestellt – Ökologie und Umweltschutz kennen keine Grenzen, sie betreffen uns alle. Deswegen ist es sehr schade, wenn einige Kollegen ständig politisieren. Die Zukunft der Menschheit darf nicht Teil politischer Spekulationen werden!

Lassen Sie uns einmal träumen – wie sieht Russland in 10 bis 20 Jahren aus ökologischer Perspektive aus?

Vadim Petrov: Mit dem nationalen Projekt „Ökologie“ haben wir uns sehr ehrgeizige Ziele gesetzt. Sie müssen bis zum Jahr 2024 erreicht werden: so wird zum Beispiel das Problem der Wolgaverschmutzung gelöst, 70 Prozent der Unternehmen mit hohem Schadstoffausstoß werden ihre Luftfilter erneuern müssen, 98 Prozent des Baikalsees werden mit besten Technologien elektronisch überwacht usw.  Das wird ein Durchbruch sein, davon bin ich überzeugt. Wir haben einfach keine andere Wahl! Nicht die Regierung, nicht die Bevölkerung und auch nicht die „Verschmutzer“. Wir Russen sagen: der Weg zu den Sternen führt durch die Dornen. Dass unsere Zukunft grün sein wird, da gibt es für mich keinen Zweifel!

[Nikolai Boll/russland.NEWS]

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