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Kann man „die Russen“ begreifen?

Feuerwerk in Novosibirsk Quelle Wiki Commons Panterchik

Kann man „die Russen“ begreifen? Ein ernst gemeinter und zugleich augenzwinkernder, unterhaltsamer Versuch.
Ich habe den Text vor elfeinhalb Jahren geschrieben, er trifft nach wie vor den Kern, ich habe ihn nur leicht abgeändert.

Auf ein gutes und gesundes 2014!
Christian Wipperfürth

Verkehrspsycholgie

In diesem Land – ich befinde mich in St. Petersburg – gilt Russland und das Verhalten seiner Bewohner als unergründlich, unverständlich, rätselhaft. Russland sei mit dem Verstand einfach nicht zu begreifen. Dies ist hierzulande sprichwörtlich geworden. Aber stehen die Vertreter anderer Völker nicht vor ähnlichen Schwierigkeiten? –  Können Sie mir sagen, was „die Deutschen“ und „Deutschland“ ausmacht? Oder beispielsweise Frankreich und dessen Einwohner? Fühlt man sich, wenn man dieses Wagnis unternimmt, wegen unvermeidlicher Verallgemeinerungen nicht ein wenig unwohl?

Ich möchte Sie (trotzdem) im Folgenden mit meinem Bild von Russland und dessen Bewohnern bekannt machen – von einem Gefühl leichten Unwohlseins begleitet. Ich bin der Ansicht, dass man dieses Land durchaus „begreifen“ kann – jedenfalls innerhalb der Grenzen, in denen sich auch sehr komplexe Phänomene wie etwa „Deutschland“ oder „Frankreich“ zu verstehen sind. Das Verhalten der Russen im Straßenverkehr bietet sich für eine kurzweilige und wie ich hoffe aufschlussreiche Untersuchung besonders an. Ich werde mich nicht allein darauf beschränken, sondern hierauf aufbauend noch weitere Schlussfolgerungen versuchen.

Ich befinde mich nunmehr seit immerhin 10 Monaten im Lande, aber die Gepflogenheiten hiesiger Verkehrsteilnehmer erregen immer noch mein Erstaunen, teils eher belustigt, teils von Sorge bestimmt. Wenn man es positiv ausdrücken will – und warum nicht? – wirken Russen total obercool: Es scheint ein weit verbreiteter Sport zu sein, Grenzen auszutesten.

Russen scheinen aufgrund vieler Widrigkeiten nicht nur zu Kampfgeist und einer oft eigenwilligen Interpretation von Regeln genötigt (auf deren Weisheit war oft kein Verlass!), sondern haben offensichtlich Geschmack daran. Negativ interpretiert: hier herrscht nicht nur im Transportwesen oft das Recht des Stärkeren (das ist wahrscheinlich auch eine wesentliche Ursache für Probleme dieses Landes). Man kann und sollte es aber auch positiv sehen: Die Russen hegen eine anregende Vorliebe für mentale und physische Kampfsportarten. Sie betreiben sie nachdrücklich, aber ohne Verbissenheit. Nach dem Spiel ist vor dem Spiel, scheinbar ohne rückblickende Ressentiments. Dies ist sicher eine der Stärken dieses Landes und einer der Gründe, seine Bewohner zu mögen.

Widmen wir uns zunächst den Autofahrern: Das erste Schild, das einem bei der Einfahrt in das umzäunte »Deutsche Dorf« [SW in Moskau, nahe Autobahnring] inmitten Moskaus begegnet lautet: „Hier gilt die StVO!“ (Straßenverkehrsordnung) – natürlich auf Deutsch. Dieser nachdrückliche Hinweis schien den Initiatoren sicher deshalb angebracht, weil außerhalb dieser kleinen unbeugsamen Ansiedlung weder die bundesrepublikanische, noch irgendeine andere kodifizierte Ordnung zu gelten scheint. Russische Autofahrer neigen beispielsweise nachdrücklich dazu, verkehrt herum in Einbahnstraßen hineinzufahren oder auf der Spur, die eigentlich entgegenkommenden Fahrzeugen vorbehalten ist, mit hoher Geschwindigkeit voranzupreschen, wenn auf der eigenen Fahrbahnseite ein Stau herrscht.

Dies könnte darauf hindeuten, dass man es hierzulande eilig hat, aber diese Interpretation ist nicht stichhaltig. Wenn Autofahrer an einer roten Ampel warten – ja, dies kommt vor! – betätigen sie keineswegs temperamentvoll ihr Gaspedal, wenn „Grün“ aufleuchtet. Zum Teil ist dies eine verständliche Vorsichtsmaßnahme, denn „Grün“ für die einen bedeutet zwar auch, das „Rot“ für die anderen herrscht, man kann sich aber nicht darauf verlassen, dass dies jeder der anderen auch respektiert. Teils liegt dies auch am prekären Zustand mancher Kraftfahrzeuge. Also: Warten gebietet die Vernunft und Erfahrung, aber hiesige Autofahrer haben es offensichtlich auch nicht besonders eilig, scheinen oft in sich selbst versunken – oder erfüllt es sie mit einem gewissen Widerwillen bei „Grün“ gleich los zu fahren? Damit dokumentierten sie immerhin, dass sie auf das Signal gewartet haben, also die innere Bereitschaft besitzen, sich anonymen Gesetzen zu unterwerfen … – Dies scheint aber nicht russischer Gesinnung zu entsprechen. – Der Fahrzeugführer direkt vor der Ampel muss häufig durch einen seiner Hintermänner mittels eines akustischen Signals angespornt werden, sein Gefährt in Gang zu setzen. Die Anregung loszufahren scheint nicht von gereizter Ungeduld geprägt, sondern klingt eher wie: „He Kumpel, nun mach‘ schon!“

Hier gilt nicht das Ideal des „Kavalierstarts“, weder am Lichtsignal, das „Losfahren“ gebietet, noch etwa bei dem Ausscheren aus einer Parklücke, selbst nicht in den Situationen, in denen dies angebracht scheint. Man ist gelassen, cool, folgt eher ungern Gesetzen, Verordnungen, Vorschriften, scheint autonom, ist auch relativ unabhängig von den Interessen der anderen Verkehrsteilnehmer. Typisch für hiesige Autofahrer ist: zuerst losfahren und dann schauen, ob der Weg frei ist, zuerst die Tür öffnen, wenn man gerade geparkt hat und dann einen Blick werfen – wenn überhaupt – ob dies für einen selbst oder andere vielleicht Gefahren heraufbeschwören könnte.

Der visuell und akustisch häufig beklagenswerte Zustand hiesiger Kraftfahrzeuge lässt auch den Autoabstinentler rasch erkennen, dass sie sich in jedem Moment in „Im–Mobilien“ verwandeln können. Wenn das Auto fahruntüchtig auf der Straße liegen bleibt, wird es von seinem Fahrer meist nicht an den Rand geschoben, sondern verweilt oft mitten auf der Piste. Der „standhafte“ Fahrzeugführer begibt sich dann an Ort und Stelle an die Reparatur. Der Autofluss wird häufig erheblich beeinträchtigt, aber Unmutsäußerungen der mobilen Verkehrsteilnehmer sind sehr selten. Hier nimmt man sich seinen Raum, relativ autonom von Regeln oder den Interessen Anderer. Derjenige, der sich für besonders stark hält, nimmt sich mehr, als andere. Dies trifft besonders auf Fahrzeughalter zu, von denen man mitunter scherzhaft auch in meiner alten Heimat meint, ihre Gefährte besäßen wohl eine eingebaute Vorfahrt: Fahrer von Groß–Karossen aus Deutschland preschen oft an einer Schlange wartender Autos vorbei und setzen sich vor diese an eine Ampel. Akustische oder andere Warn– und Drohsignale der „über–fahrenen“ Fahrer ruft dies nicht hervor. Mit den Reichen und Mächtigen sollte man sich besser nicht anlegen. Für sie gelten die Regeln und Gesetze offensichtlich nur eingeschränkt – besser: noch eingeschränkter, als bei den Normalbürgern. Verbitterung bei den Schwächeren ist nicht zu spüren. Man scheint sich mit dem Unvermeidlichen seit langem abgefunden zu haben und weicht ohne Groll vor der Stärke. Auch ich habe mir angewöhnt, bei einem herannahenden BMW, Mercedes und erst Recht bei einem „Wolga“ besondere Vorsicht walten zu lassen.

Zu Beginn meines Aufenthaltes in Russland hatte ich dies noch nicht verstanden: Ich schlenderte über einen sehr belebten Markt und von hinten kommend verlangte ein Fahrer mit einem Groß–Kfz Durchfahrt. Die russischen Passanten machten gelassen den Weg frei, aber ich bewegte mich weiter so, wie vordem: „Hier sind nun wirklich keine Autos erlaubt, was hat der hier zu suchen!?“ dachte ich in meiner teutonischen Michael–Kolhaas–Gesinnung. Aber es blieb mir schließlich aus Gründen des Gesundheitsschutzes nichts anderes übrig, als schließlich den Weg zu räumen …

Weichen die Schwachen wirklich ohne Groll? Anzeichen desselben sind jedenfalls nicht wahrzunehmen. Die extremen sozialen Ungerechtigkeiten sind zudem im politischen Diskurs hierzulande meines Erachtens auch kein wirklich wichtiges Thema – und wenn, dann instrumentalisiert, um andere Ziele zu erreichen. Auch die Kommunisten bringen nicht viele Leute auf die Straße und ihre Demonstration im vergangenen Herbst aus Anlass des Jahrestages der „Oktoberrevolution“ hat einen eher müden Eindruck gemacht. Von kochendem Volkszorn keine Spur.

Gleichmut und Unterordnungswilligkeit der Masse der Bevölkerung scheinen mir aber letztlich nur äußerlich zu sein. Die Schwachen scheinen die herrschende Ordnung innerlich nicht akzeptiert zu haben. Nach meiner Kenntnis haben sich Sowjetbürger gegenüber Uniformträgern viel unterwürfiger verhalten, als etwa DDR–Bürger. Dies war in Anbetracht der besonderen Unberechenbarkeit, Machtvollkommenheit und lang währenden Rücksichtslosigkeit und oft Brutalität hiesiger Machthaber sicher eine außerordentlich notwendige Verhaltensweise. Die Bereitschaft zur Unterordnung oder eine niederrangige soziale Stellung scheinen in Russland aber nicht zu Phänomenen zu führen, wie man sie teils aus Deutschland kennt: Minderwertigkeitsgefühlen. Zum einen, weil die Mächtigen das Gesetz oft sehr eigenwillig interpretierten und interpretieren, zum anderen, weil auf deren Vernunft und Dauerhaftigkeit in der russischen Geschichte oft oder meist wenig Verlass war. Das Gesetz besitzt keine Würde. Der Anblick von Uniformträgern führt zu größerer Angst, als in Deutschland, diese genießen aber keinen Respekt. Es waren und sind in der russischen Geschichte häufig nicht „die Besten“, die wirklich zu Macht kamen, sondern dies war in weit größerem Umfang, als etwa in Deutschland, an „Vitamin B“, die „richtige Herkunft“ und/oder die Fähigkeit zu besonderer Skrupellosigkeit geknüpft. Wenn die Starken fallen, entlädt sich der Volkszorn mit geradezu elementarer Gewalt über sie, hierfür gibt es in der russischen Geschichte jedenfalls zahlreiche Belege. – Die Bolschewisten konnten sich nach 1917 wahrscheinlich vor allem deshalb durchsetzen, weil sie den  aufgestauten Hass gegen die Besitzenden und ehedem Mächtigen instrumentalisieren konnten.

Außerdem genießt der Schwache in der orthodoxen Tradition besondere Wertschätzung, ähnlich wie im westlichen Kulturkreis bis zu Reformation und Gegenreformation. „Der Idiot“ von Dostojewski, der für Jesus steht, ist ein aussagekräftiges und weithin bekanntes Beispiel für diese Haltung.

Die Armen und Schwachen schämen sich ihrer darum nicht. Alte Frauen beispielsweise, die am Straßenrand stehen, um ein paar selbst gezogene Gurken zu verkaufen oder als kleine Zwischenhändler etwa Plastekleiderbügel an den Mann zu bringen, wirken durch ihre offenkundige Bedürftigkeit keineswegs gedrückt, sondern gleichmütig bis gut gelaunt, „normalno“, wie man im Russischen zu sagen pflegt.

Offensichtlich weichen die Menschen hier ohne Murren vor der überlegenen Stärke oder Keckheit. Die Menschen beugen sich, wenn sie äußerer Druck dazu nötigt, sie sind aber nicht gebeugt. Auch die „Schwachen“ wirken keineswegs grundsätzlich eingeschüchtert.

Russland scheint mir dementsprechend ein Land der Aristokraten, ein Land voller Menschen, die von sich selbst glauben, über dem Gesetz zu stehen. Meines Erachtens ist den Russen ein hoch entwickelter Sinn für die Würde der eigenen Person eigen und kleinere Gaunereien scheinen mir hierzulande weniger verbreitet als vielleicht andernorts. Ich habe mehrfach erlebt, dass Trinkgelder abgewiesen oder eher widerwillig angenommen wurden, vermutlich, weil sie ein „Herr-Knecht-Verhältnis“ dokumentieren. Und im Frühjahr 1917 gab es eine Demonstration von Kellnern im damaligen Petrograd, in dem diese durchaus bürgerlich anmutenden Herren unter anderem forderten, mit der entwürdigenden Praxis der Trinkgeldvergabe Schluss zu machen …

Die aristokratische Gesinnung hat beim alltäglichen Einkauf aber auch die negative Folge, dass der Kunde keineswegs als König behandelt wird. Die Verkäuferinnen sind oft keineswegs beflissen, sondern begegnen dem Kunden häufig als recht eigenwillige Persönlichkeiten, die einem anderen nichts schuldig sind. Kundenorientierung ist ein Fremdwort. Es warf beispielsweise erhebliche Schwierigkeiten auf, Fahrradöl oder Flickzeug zu erstehen, denn Geschäfte, in denen Zweiräder verkauft werden, führen diese Artikel meist einfach nicht. Viele erklären diese Phänomene als nachwirkendes Ergebnis vergangener Sowjetzeiten, aber diese Interpretation scheint mir zu kurz zu greifen. Denn: Hier arbeitende Kaukasier verhalten sich ganz anders. Sie und ihre Vorfahren lebten ebenfalls Jahrzehnte unter der Sowjetmacht, aber sie, die auf den Märkten zahlreich vertreten sind, gehen aktiv auf den potenziellen Kunden zu, drängen ihn teils geradezu zum Kauf. (Eigentlich schade, dass es kein kaukasisches Fahrradgeschäft in Petersburg gibt …) Ein solches Verhalten ist mit dem Begriff von Würde, den Russen zu haben scheinen, unvereinbar. Russen sind offensichtlich der Ansicht, dass sie Unbekannten nichts schuldig sind. – Der Käufer wünscht etwas, nicht der Verkäufer …

Dieses egoistische bis egozentrische Verhalten im öffentlichen Raum hebt sich deutlich ab vom Umgang im Privaten. Die russische Gastfreundlichkeit und Herzlichkeit sind legendär: Während Deutsche im öffentlichen Raum mit Sicherheit rücksichtsvoller und freundlicher agieren, gibt man sich hierzulande in dieser Sphäre eher ruppig, ist im engeren zwischenmenschlichen Umgang aber hilfsbereiter und offener.

Widmen wir uns wieder dem Verhalten im Straßenverkehr: Ich selbst bewege mich in Petersburg meist mit dem Rad. Nebenbei bemerkt: selbst im tiefen Winter, denn die Straßen werden geräumt, die Gehwege aber nicht! Zu Beginn meines Lebens als Radler in Russland schaute ich selbstverständlich immer nachdrücklich über meine linke Schulter, wenn ich in die entsprechende Richtung abzubiegen gedachte. Dies gewöhnte ich mir schnell ab, es reichten bereits zwei derartige Körperbewegungen für einen nachdrücklichen Lernerfolg: Autofahrer werteten mein Verhalten offensichtlich nicht als Ausdruck von Umsicht, sondern der Bereitschaft, hintan zu stehen: „Aha, da ist jemand, der Schwäche zeigt!“, so schienen sie zu denken.  Ich schaue auch jetzt noch – natürlich – wenn es meine Bereitschaft, anderen unnötige Qualen zu ersparen bzw. mein Überlebenswille erfordern, aber so, dass man es nicht sieht.

Ich kann genau das Erlebnis benennen, seit ich mich als hiesiger Verkehrsteilnehmer fühle, der Moment meiner Russifizierung: Ich fuhr mit dem Rad, das Lichtsignal auf der belebten Straße erlaubte weiteren Raumgewinn, aber Fußgänger schickten sich wenige Meter vor mir an, obwohl ich gut sichtbar heranfuhr, direkt vor mir die Fahrbahn zu überqueren. In Deutschland hätte sich dies kaum ereignet. „Man bleibt“ als Fußgänger stehen, wenn die Ampel dies gebietet. Nicht so hierzulande. Also: Fußgänger begannen direkt vor mir die Fahrbahn zu überqueren, obgleich sie „Rot“ hatten, ich bremste nicht, verminderte auch nicht meine Geschwindigkeit, schaute auch nicht aufgeregt oder irritiert auf die StVO-losen Gesellen und Gesellinnen, sondern geradeaus, klingelte nur kurz und fuhr weiterhin unbeirrt meines Weges! Die Fußgänger wussten nun, was sie zu tun hatten: zur Seite springen. Das taten sie auch, ebenfalls ohne sichtbare Gemütsbewegung.

Im vergangenen Herbst unternahm ich bereits einen kleinen Versuch der „Verkehrspsychologie“ und schrieb: „Beim Ein- und Aussteigen in öffentliche Verkehrsmittel neigt die hiesige Bevölkerung zu nachhaltigem Körpereinsatz. Nicht übel nehmen, sondern ebenfalls Sportsgesinnung entwickeln!“ Ehrlich gesagt, ich habe dies beherzigt, praktiziere dies aber, nach russischer Art, ohne gereizte Hast, cool. – Auch bei einem Besuch in Deutschland im Frühjahr: Ich wollte in Berlin in einen überfüllten Nachverkehrszug einsteigen und meinte gut gelaunt zu meinem russischen Mitreisenden, dass man ja noch ein wenig drücken könne, um noch hineinzupassen. Ein junger Mitreisender nahm mir dies so übel, dass er kurz davor stand, mir eine tätliche Auseinandersetzung anzubieten. Er fühlte sich in seinem Raum bedrängt, nicht respektiert. In solchen Situationen reckt der „furor teutonicus“ sein Haupt – oder ein Minderwertigkeitsgefühl. Je nach Gemütslage und Persönlichkeit. Dies scheint mir – mit aller gebotenen Einschränkung – „typisch deutsch“. Oder zurückhaltender formuliert: ausgesprochen unrussisch.

Dass Fußgänger eher widerwillig warten, wenn sie die Ampel zu Geduld mahnt, ist meines Erachtens nachvollziehbar. Sie warten jedoch oft auf der Straße, vielleicht einen Meter vom Bordstein entfernt, oft nur Zentimeter vom brausenden Verkehr. Auch auf sehr belebten Straßen sieht man Fußgänger oft unerschrocken an eigenwilligen Orten die Fahrbahn überqueren, selbst „Omis“ verweilen dann anscheinend seelenruhig auf der Straßenmitte, bis sich die Gelegenheit zum Weitergehen ergibt. Selbst wenn das Warnsignal der Fußgängerampel schon geraume Zeit leuchtet und mit Sicherheit zu erwarten ist, dass in Kürze die Autos ihres Weges ziehen, sieht man immer wieder Fußgänger, die es trotzdem noch versuchen.

Das offenkundige Bedürfnis, Grenzen auszutesten, lässt sich auch im Verhältnis der Fußgänger untereinander beobachten. Man geht hier nicht rechts oder etwa links auf dem Gehweg, sondern mal auf der einen, mal auf der anderen Seite – und natürlich gerne in der Mitte. Man geht zu dritt nebeneinander, verweilt parlierend auf belebtem Weg. Mitunter bin ich der Ansicht, dass dies mein Leben in Russland nicht unerheblich erschwert (Ja, ich bin doch noch kein „richtiger Russe …“): Man kann hierzulande nicht einfach – schön rechts! – seines Weges gehen, vielleicht noch ein bisschen schlaftrunken oder versonnen. Nein, hier heißt es aufpassen! Aber aufpassen à la russe: So, dass man unbeteiligt wirkt! Jede Begegnung auf dem Gehweg trägt Züge eines Zusammentreffens von Menschen die wissen, dass sie irgendwann einmal ein Duell austragen werden. Vielleicht jetzt!? – Nicht etwa, weil vor Ort die Gewalt grassierte! Ich fühle mich in Petersburg sicherer, als in Berlin! – Sondern: man weiß nicht, wie der andere reagiert. Ob er rechts oder links an einem vorbeizugehen begehrt, oder vielleicht gerade dort, wo man sich selbst befindet? Vielleicht wechselt er auch noch unerwartet die Gehwegseite? Man sollte darauf eingestellt sein, dass der andere ein Kräftemessen sucht. Nun heißt es: er oder ich? Wer weicht vor dem anderen aus? Man schaut den anderen bei diesem „Duell“ nicht an, scheint unbeteiligt. Ein Zusammenprall ist selten, aber „Streifschüsse“, um nach Westernart zu sprechen, treten häufig auf.

Kürzlich schaute ich gebannt auf zwei Gruppen von Fußgänger, die sich derart aufeinander zubewegten, dass ein Zusammenstoß unvermeidlich schien. Wer hat nun die schwächeren Nerven? Wer weicht im letzten Moment aus? Wie wird sich der Zusammenprall gestalten? – Niemand wich wirklich aus, eine Kollision wurde aber auch verhindert: jemand, der eine Zigarette rauchte, führte diese im letztmöglichen Augenblick samt seines Armes so schnell zum Mund, dass die Entgegenkommenden so gerade an ihm vorbeipassten. Alle Beteiligten pflegten einen unbeteiligten Gesichtsausdruck. Kennen Sie ein anderes Land, in dem sich gleiches abspielen könnte?

Das Verhalten von Russen im öffentlichen Raum mag darum Mittel- und Nordeuropäern wenig freundlich erscheinen und Missverständnisse oder gar Aversionen nähren. Bei einem Besuch in Lettland beispielsweise vor wenigen Wochen fiel auf, dass Letten keineswegs diesen „Zweikampf auf dem Gehweg“ suchen, sondern ebenso höflich den Raum des anderen respektieren, wie dies in Deutschland im Prinzip der Fall ist. Die dort lebende russische Minderheit verhält sich aber nach der Art ihres Volkes, ohne Arg, Gereiztheit oder besonderes Nachdenken (warum sollte man auch!), wie ich glaube. Bei Letten könnte dieses öffentliche Auftreten der Vertreter der Minderheit aber zu dem Eindruck führen, dass sich „die Russen“ immer noch als die Herren des Landes aufführen, obwohl ihrem Verhalten keineswegs diese Absicht zugrunde liegt. Interkulturelle Missverständnisse, die zu Gereiztheit führen können.

Im öffentlichen Raum, nicht zuletzt im Straßenverkehr, wird deutlich, dass „Russen anders gucken“ als meine Landsleute. Deutschen Fahrschülern wird beispielsweise vermittelt, dass es in verschiedenen Situationen geboten ist, Blickkontakt mit anderen Verkehrsteilnehmern aufzunehmen, zum Beispiel beim Einfädeln in den fließenden Verkehr, oder wenn sich ein Passant bei einem Zebrastreifen anschickt, die Straße zu überqueren. Viele Russen, die Deutsche kennen, scheinen sogar der Ansicht zu sein, dass es eine ganz spezifische deutsche Art und Weise gibt zu sehen, bzw. visuell mit seiner Umwelt Kontakt aufzunehmen. Deutsche neigen tatsächlich stark dazu, im öffentlichen Raum direkt zu schauen, Gegenstände oder Personen geradezu zu fixieren und den Kopf unbefangen zu bewegen, um das Objekt der Aufmerksamkeit genau anschauen zu können. Im Vergleich zu Russen, schauen sie, schauen wir, nicht unbeteiligt in der Öffentlichkeit, sondern so, dass es für Russen befremdlich sorglos zu sein scheint, vermutlich geradezu kindlich. Deutsche nehmen sich nicht „in acht“ im öffentlichen Raum. Sie wissen, dass in dieser Sphäre prinzipiell keine Gefahr droht und andere ihren Raum respektieren.

Russen haben diese Gewissheit nicht. Sie sehen „peripher“, das heißt, sie fixieren nicht, haben keinen bestimmten Gegenstand, keine bestimmte Person im Blick. Sie schauen eher wie Kampfsportler, die auch Veränderungen im äußeren Blickfeld ihrer Augen wahrzunehmen. Diese Art des Schauens ist der Physiologie des menschlichen Sehapparats auch eher zuträglich. Dies könnte eine Begründung dafür sein, dass es in Russland weniger Brillenträger als in Deutschland gibt – wenn nicht, ja wenn nicht die Russen in der privaten Sphäre ganz anders schauten: Dort fixieren sie nämlich weit ausgeprägter, als es Deutschen zu eigen ist. Im persönlichen Kontakt, und sei es nur, wenn man auf der Straße nach dem Weg oder einer Zigarette gefragt wird, und beides kommt häufig vor, schauen Russen viel direkter und unbefangener, schauen einen Russen viel länger und geradezu durchdringender an, als man es im Kontakt mit Landsleuten gewohnt ist. In Deutschland wird dieses Fixieren im privaten Raum als aggressive Geste bzw. als Eindringen in die eigene Sphäre gedeutet. Es ist offensichtlich, dass sich Russen im öffentlichen Raum weniger wohl fühlen als Deutsche, geborgener hingegen im privaten Kontakt. Die Geschichte ihres Volkes legt es für Russen sicher besonders nahe, im öffentlichen Raum „auf der Hut“ zu sein. Er ist etwas Fremdes, eher bedrohliches, wird dementsprechend auch nicht gepflegt. Ein Blick auf die Müllfrequenz in russischen Straßen und Parks macht dies deutlich. Auch beispielsweise das Verhalten in Cafés und Gaststätten: Russen verweilen dort nicht, auch nicht in den prächtigen, neuen Etablissements in Moskau: Sie essen dort ihr 7 Euro–Kuchenstück (St. Petersburg ist, Gott sei Dank!, weit preiswerter), trinken ihren 3 Euro Milchkaffee und gehen dann sofort. Man sieht keine Briefe schreibenden oder lesenden Gäste. (Anm., 26.12.2013: Das hat sich in den vergangenen zehn Jahren geändert.) Und nach dem Essen in einer Gaststätte wird einem sofort der kaum geleerte Teller fortgenommen. Kann sich die Bedienung nicht vorstellen, dass man sich an einem öffentlichen Ort wohlfühlen könnte?

Inwiefern können meine Beobachtungen „objektiv“ sein, einmal ganz abgesehen von der unvermeidlich subjektiven Einfärbung eines immer noch Russland–Neulings? Denn ich befinde mich hier in St. Petersburg, einer Stadt, die sich in Geschichte und Gegenwart immer als „Tor zum Westen“ verstanden hat, wenn nicht gar als Teil desselben, die im Stadtbild wohl stärker als jede andere russische Stadt mitteleuropäischen Einfluss zeigt? Die Stimmung in dieser Metropole scheint sich tatsächlich von derjenigen im übrigen Lande zu unterscheiden. Dies wird nicht nur an Wahlergebnissen deutlich – die liberal gesonnenen „Westler“ sind vor Ort wohl stärker, als in jeder anderen russischen Stadt. Man ist hier vielleicht kultivierter, als dies ansonsten üblich ist, der spezifischen Geschichte verpflichteter, als etwa im neureichen Moskau. Für St. Petersburg, die „Nördliche Hauptstadt“, wie sie offiziell, aber doch beschönigend genannt wird, liegt es auch nahe, sich relativ stark historisch zu definieren: Weil die Bedeutung der Stadt in der Vergangenheit einfach weit größer war, als sie es jetzt ist. Der Prozentsatz der Menschen, die sich der Geschichte und Kultur ihrer Stadt verpflichtet fühlen, einem gewissen Stil, ist wohl deutlich größer, als in anderen Landesteilen. Trotzdem ist St. Petersburg – und das Verhalten seiner Bewohner – nach meinem Eindruck in Vielem natürlich auch „typisch“ für eine russische Metropole. – Oder nicht? – Kommen und gucken Sie selbst, fixierend und peripher …

 

Über den Autor

Dr. Christian Wipperfürth
Arbeitet als Freier Publizist, Er hat zuvor für das Europäische Parlament bzw. den Deutschen Bundestag gearbeitet und Internationale Beziehungen an der Universität in St. Petersburg gelehrt.