Buchvorstellung: Die Romanows

Glanz und Untergang der Zaren-Dynastie 1613 - 1918

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Dass Geschichte immer trockener Stoff bestehend aus Jahreszahlen und historischen Eckdaten sein muss, widerlegt das vorliegende Buch auf rund tausend Seiten, von denen keine einzige den Erzählfluss vermissen lässt, den man eher von einem prosaischen Werk erwarten würde. Genau das ist das Besondere an der hier niedergeschriebenen Geschichte der Dynastie Romanow, die durch die Eheschließung der Anastasia Romanowa mit dem als »Iwan der Schreckliche« [eigentlich »der Gestrenge«, Anm. d. Red.] in die Annalen eingegangenen Zar Iwan IV. Mit einer Anastasia schließt sich auch der dreihundertjährige Kreis einer russischen Adelsfamilie, die im Jahr 1917 ihr jähes Ende fand.

Bereits auf den ersten Seiten des Buchs erfährt der Leser, dass der Job des Zaren im vorrevolutionären Russland einer der Undankbarsten gewesen sein muss, den man sich nur wünschen konnte. Freiwillig, auch das erfährt der Leser, hat ihn sich keiner der Regenten aus dem Hause Romanow ausgesucht. Vielmehr war es die Last des Erbes, das die jeweiligen Herrscher allesamt zu tragen hatten. Allerdings schien den jeweiligen Gemahlinnen der Zaren das gleiche Los beschieden. Der Autor lässt den Leser teilhaben am Ritual der, im Ausland gerühmten »Moskowischen Brautschauen«, bei denen aus rund 500 Maiden fünf Dutzend Anwärterinnen auf Herz und Nieren geprüft wurden. Dabei standen weniger Aussehen und Tugendhaftigkeit als vielmehr die Abstammung aus Adelsfamilien sowie – und das dürfte das wichtigste Kriterium gewesen sein – die Fruchtbarkeit im Vordergrund. Nach Vollzug der Ehe änderten die Frauen ihre Namen, so dass wir gleich mit dem ersten Zaren der Romanows, Michael I. keine Maria Chlopowa vor uns haben, sondern eine weitere Anastasia mit dem Titel Zarewna.

Überhaupt die Frauen am Hofe der Zaren. In erster Linie als Gebärmaschinen für künftige Thronerben an den Hof geholt – ein Dutzend Nachkommen langte oft nicht aus, um einen umsichtigen und vor allem gesunden Stammhalter groß zu ziehen – schufen sie sich beizeiten ein Paralleluniversum, das nicht selten bis zur Macht führte. Von wegen das biedere Frauchen: Genauso wie bei den Zaren herrschte nicht zwingend die Monogamie. Günstlinge, Höflinge und Dahergelaufene, die sich so eine gute Position bei Hofe versprachen, gaben sich in den Palästen die Klinke in die Hand. Nicht von ungefähr ist den Herrscherinnen Russlands ein eigenes Kapitel gewidmet. Sogar die Menagerie am Hofe der Zarinnen, mit Missgebildeten, Klein- oder Großwüchsigen und Narren, die mitunter auch aus degradierten Adligen bestanden, übertraf oft die der männlichen Herrscher. Süffisant lässt sich der Autor der Biographie daher über das beliebte »Zwergenwerfen« aus, das bei Zarin Anna einen besonderen Stellenwert genoss.

Sex & Crime zum Wohle des Reiches

Geschickt setzt der Autor Fußnoten, um mittels eines Satzes durch sie weit tiefer in die Geschichte eindringen zu können. So kommt der Erzählfluss nicht ins stocken, da Weitergreifendes – und damit historisch Relevantes – kurzerhand in ein kleines Nebenkapitel verpackt wurde. Einen Namen machte sich der Autor, Simon Sebag Montefiore, durch seine allseits ausgelobte Biographie über den russischen Machthaber Stalin. Sie darf als maßgebliches Standardwerk über den nach Lenin an der Sowjetspitze stehenden Despoten gewertet werden. Kein Wunder also, dass die Romanow-Biographie auf dem besten Weg zu einem ebensolchen ihres Genres ist. In jahrelanger, schon fast kriminalistischer Arbeit, entstand ein an Genauigkeit kaum zu übertreffendes Sammelsurium von Zitaten, historischen Abrissen und Anekdoten. Nachzuverfolgen in einem rund dreißigseitigen Anhang mit Quellenangaben und Nachweisen verwendeter Zitate.

Spannender als alle »Säulen der Erde« vermittelt die vorliegende Romanow-Biographie einen Einblick in dreihundert Jahre Geschichte Russlands, wobei der Schwerpunkt der Einzelbiographien eindeutig Peter dem Ersten, Katharina der Großen und dem letzten Regenten Russlands, Nikolaus dem Zweiten, gewidmet ist. Aber keine Sorge, alle Regenten Russlands der Dynastie der Romanows finden ihre chronologische Erwähnung. Gegliedert wie ein Theaterstück, in drei Akten und sieben Szenen geben sich sämtliche Protagonisten, die für den jeweiligen Herrscherzeitraum relevant sind, die Klinke in die Hand. Illustriert berichtet der Autor über Interna bei Hofe, zitiert Regenten, Höflinge sowie Minister und lässt den Leser am offiziellen, aber auch privaten Leben teilhaben. Süffisanterweise kommt dabei auch Derb-Frivoles nicht zu kurz.

Dies ist der Punkt, an dem die Meinungen der Kritiker unweigerlich auseinander driften. Während sich die einen geradezu auf die erotischen Details zu stürzen scheinen – um am Ende doch enttäuscht zu sein, dass sich das Liebesleben Katharinas der Großen weit weniger schlüpfrig gestaltet hat, als allgemein kolportiert wird – ist es für die anderen schon wieder viel zu viel des Guten. Für jene wirkt die Biographie der Romanows wie ein pornographischer Ringelpiez mit Anfassen. Die ganze Dynastie werde als sexbesessenes Monster dargestellt, heißt es, wo es jeder mit jedem trieb und der ganze Hof direkt oder indirekt daran beteiligt war. Kurz: Eine Schar mörderischer, irrer Säufer, die sich für keine Affäre und Intrige zu gut waren. Tatsächlich jedoch ist es Montefiore dadurch gelungen, eine Gesellschaftsstudie im Spiegel dreier Jahrhunderte zu skizzieren, was sich zwangsläufig auch in der Sittengeschichte niederschlägt.

Bietet das vorliegende Buch an sich schon eine wichtige Grundlage, um das Wesen Russlands im Kern zu verstehen, mag gerade das Kapitel um den letzten Zaren, Nikolaus II., dazu beitragen, die derzeitige Politik Russlands zu begreifen. Fatalerweise wurde, wie leider auch heute wieder deutlich zu beobachten, eine deutsch-russische Freundschaft von fremden Mächten derart strapaziert, bis man endlich gegeneinander in den Krieg zog. »Nicky« und »Willy« [Zar Nikolaus II. und sein deutscher Cousin Kaiser Wilhelm II.] schrieben sich noch bei Ausbruch des Ersten Weltkrieges im Jahr 1914 Telegramme, in denen sich beide überrascht über die plötzliche Entwicklung zeigten. Der Ausgang der Geschichte ist bekannt: »Nicky« starb zusammen mit seiner Familie 1917 im Kugelhagel der Bolschewiken und das stolze russische Reich der Zaren musste Platz machen für ein Konglomerat von mehr oder weniger autonomen Republiken. Die Dynastie der Romanows war mit einem Schlag Geschichte.

Simon Sebag Montefiore: Die Romanows: Glanz und Untergang der Zarendynastie 1613-1918, Verlag S. Fischer, 2016, 1032 Seiten, 106 Abbildungen, ISBN: 978-3100506108

Über den Autor

Michael Barth
1961 in Nürnberg geboren und von da aus ab 1979 die große weite Welt erkundet. Die Wege führten anfangs nach Klein- und Mittelasien und waren stets das Ziel. Immer mit im Gepäck, der sehnsüchtige Blick auf die schier unerreichbare UdSSR. Dann fiel der eiserne Vorhang, die Pfade führten nach Nordosten. Durch einen glücklichen Umstand tat sich letztendlich Russland auf. Der berufliche Werdegang verlief zunächst sehr unjournalistisch. Ständig auf der Suche nach neuen Aufgaben und Herausforderungen war nach der Ausbildung zum Kirchenmaler vom Krematoriumsarbeiter bis zum R’n’R Caterer so ziemlich alles dabei, was Abenteuer und Ungewöhnlichkeit versprach. In Russland kam 2008 der Journalismus hinzu. Weltenbummeln und schreiben – perfekt. Zuerst bei einer kleinen Gazette und ab 2012 ernsthaft im Feuilleton bei russland.RU. Seit 2014 dort Chefredakteur.